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"Così fan tutte": Neues aus dem tristen Liebeslabor

06.08.2011 | 18:05 |  von Walter Weidringer (Die Presse)

Così fan tutte, neu einstudiert von Mark Minkowski und in Claus Guths nachjustierter Inszenierung: Kein Sängerfest, aber einhelliger Jubel.

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Da stehen sie nun, die vier jungen Leute – die alten Beziehungen kaputt, die neuen bedeutungslos. Ein bisschen Lust, aber letztlich nur Schmerzen: So lautet die triste Gefühlsbilanz am Ende. Gefangen im klinischen Weiß eines Liebeslabors, in welches der Wald als Ort unheimlicher Sinnlichkeit eindringt (Bühnenbild: Christian Schmidt), sind alle wie Versuchstiere den Manipulationen des schwarzen Engels Don Alfonso ausgeliefert, der mit seiner Spießgesellin Despina ein unmenschliches Experiment durchzuführen scheint – und das Ergebnis verbiegt, bis es seiner Verbitterung entspricht.


Musikalisch ganz neu.
2009 feierte Claus Guths Inszenierung von „Così fan tutte“ in Salzburg Premiere – als letztes Glied seiner Festspiel-Trilogie der Da-Ponte-Opern. In diesem Sommer stehen nun zum ersten und letzten Mal (Alexander Pereira will gar keine Wiederaufnahmen mehr ansetzen) alle drei Produktionen in Neueinstudierungen auf dem Programm.

War schon sein „Figaro“ einigen Wandlungen unterworfen, hat der Regisseur gerade die „Così“, so war da am Freitag im Haus für Mozart zu erleben, mit dem weitgehend neuen Ensemble auch szenisch merklich nachjustiert. In einer Weise, die nun auch mit der umgekrempelten musikalischen Seite besser harmoniert: Statt Adam Fischer und den Wiener Philharmonikern, deren Zusammenarbeit vor zwei Jahren auf einige Kritik stieß, realisiert nun mit federnden Gesten Mark Minkowski am Pult von Les Musiciens du Louvre/Grenoble sein bekannt schlankes, transparentes, hurtiges Mozart-Bild, das gewiss nicht mittels seiner Klangfülle, wohl aber durch manch aparte solistische Farbe der alten Instrumente und vor allem durch spielerische Verve Eindruck macht – solange sich der Trubel nicht zu verselbstständigen droht, wie im ersten Finale.

Sieht man von Francesco Corti ab, der als Continuospieler manch fürwitzige Pointe liefert (etwa ein Zitat des Brautchores aus „Lohengrin“, wenn es ans Heiraten geht), dabei aber so forsch in die Tasten greift, als gelte es nachzuweisen, dass sein Instrument zu Recht Hammerklavier heißt, kamen die stärksten Impulse des Abends fraglos nicht aus dem Graben, sondern gingen von der Bühne aus – und dort eher von prägnanten Inszenierungsideen als von den mehrheitlich braven jungen Sängern, bei denen immer wieder zu merken ist, wie verflixt schwierig Mozarts Arien sein können, die noch dazu nahezu komplett gegeben werden.

Dass Ferrandos „Ah lo veggio“ wegbleibt, ist kein wirklicher Verlust: Obwohl Alek Shrader „Un aura amorosa“ durch unreine Vokale trübt, zeigt er seine besten Momente im Lyrischen, da er ansonsten leicht in unschönes Forcieren gerät.

Viril und kernig dagegen der Guglielmo von Christopher Maltman, wenn auch seine Höhe nicht immer optimal funktionieren will. Fiordiligi wankt gerade bei „Come scoglio“ wie Schilf im Wind: ein tiefgründiger szenischer Kontrapunkt. Schade nur, dass Maria Bengtsson ihre fordernde Partie zwar höchst achtbar, aber nicht wirklich souverän meistert, während Michèle Loisier die Dorabella mit recht flackriger, oft unsauberer Tongebung ausstattet. Und die vielversprechende, gerade ins Fahrwasser des Starrummels geratende Anna Prohaska nimmt sich hoffentlich genügend Zeit, ihre Despina sängerisch nachreifen zu lassen, die auch abseits der Verkleidungsszenen unnötig viel vokalen Mummenschanz aufführt.

Amor ist in die Jahre gekommen. Einzig Bo Skovhus ist von der Ursprungsbesetzung übrig geblieben – und gibt als Alfonso wieder jene in die Jahre gekommene, desillusionierte Variante des von Guth für „Figaro“ hinzuerfundenen Amor: eine Mischung aus Nosferatu und Luzifer, die, wenn man denn so will, auch stimmlich passend grau und angestrengt klingt. Alle hat er sie am Gängelband, manipuliert sie mit Einflüsterungen, die einer Gehirnwäsche gleichkommen – eine perfide Versuchsanordnung, die in ihrer Doppelbödigkeit an das Milgram-Experiment erinnert und zudem keinerlei Ausweg lässt. Weil Liebe blind macht und ohnehin alle immer wieder wie Alfonsos Marionetten agieren, sind auch keine Masken nötig.

Einziger, aber gewichtiger Einwand gegen Guths konzise Werksicht: Wenn amouröse Verwirrungen so überdeutlich von außen hervorgerufen werden, können wir uns beruhigt zurücklehnen, müssen nicht über den Liebesteufel in uns selbst nachdenken . . .

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2011)

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6 Kommentare
Intellekto
06.03.2012 21:59
0 0

GROSSARTIG

Die beste Inszenierung die ich je gesehen habe.

0 0

Francesco Corti

gehört stanta pede und in Handschellen aus dem Saal entfernt!

Gast: Peter Lex
07.08.2011 12:51
0 0

Ein Versuch halt

von Dirigent, Musik-Ensemble und Darstellern.
Hoffnung liegt bei der neuen Generation an Künstlern.
Zu Herzen nehme sich das auch das 28 jährige "Showgirl", mit ihrem neuen Album der DG.
--- "Und die vielversprechende, gerade ins Fahrwasser des Starrummels geratende Anna Prohaska nimmt sich hoffentlich genügend Zeit,.. "
Mit 28 ist sie gerade in der Gesellenzeit, in 4,5 Jahren kann sie dann den Starrummel angehen.
Dann hat sie Repertoire und die Stimme ausgebildet. Jetzt wird sie nur verbraten.
Die anderen, Musikanten und Darsteller hatten die Gelegenheit was zu lernen. So viel zu einer
Inszenierung, die in unsere Übergangszeit passt, die Kenner der Musik werdens gerne abwarten.


Gast: porto5
06.08.2011 21:30
1 1

Ein Trauerspiel

Eine grenzwertig debile Inszenierung mit unzureichenden Sängern mit dem "Höhepunkt" eines Schlammcatches der Damen. Sängerisch besseres Stadttheater. Dabei nehme ich Maltmann nicht aus, der vor allem durch lautes Brüllen auffiel. Skovhus bis auf den Schluss ein Totalausfall. Das Orchester eindimensional flach und ohne jeden Zauber oder Tiefgang. Die haben offenbar keine Ahnung, was Mozart sein kann. Eben um eine Klasse überfordert. Diese Leistung reiht sich würdig in die Reihe indiskutabler Cosi-Aufführungen durch die Philharmoniker ein, die wir in letzter Zeit in Salzburg erleiden mussten. Am besten hat mir noch das Hammerklavier gefallen. Wenn man in Salzburg nicht in der Lage ist, eine festpielwürdige Cosi auf die Beine zu stellen, dann sollte man es doch lieber ganz sein lassen.

Antworten Gast: 000
08.08.2011 00:04
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Re: Ein Trauerspiel

Lieber porto5,
ihrem so gescheiten Kommentar nach sind Sie Regisseur, Dirigent, Sänger...? Sie haben ja enorm viel Ahnung.

Antworten Antworten Gast: porto5
08.08.2011 12:17
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Re: Re: Ein Trauerspiel

Weder noch, nur ein ganz normaler Opernbesucher, der sich eine gewisse Kritikfähigkeit bewahrt hat. Sie sollten aber vielleicht auch mal eine Opernaufführung besuchen. Hat noch nie geschadet. Auch wenn das Gebotene, wie in diesem Fall, doch recht dürftig war.