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Edge of Arabia: "Kontrast zwischen Krieg und Religion"

24.06.2012 | 18:26 |  von Sabine B.Vogel (Die Presse)

Spannende, kritische Kunst aus dem repressiven Staat Saudiarabien? Eine Wanderausstellung zeigt sie. Derzeit in der Wiener Galerie Krinzinger.

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Frauen dürfen nicht Auto fahren und nur mit der Genehmigung eines Mannes reisen oder arbeiten. Gastarbeiter haben keine Rechte. Konzerte, Kinos und Theater sind aus religiösen Gründen ebenso streng verboten wie Alkohol. Es ist nicht viel, was wir gemeinhin über das Alltagsleben in Saudiarabien wissen, und das Wenige klingt nicht gut. „Unser Land ist noch sehr jung, die heutigen Grenzen entstanden erst 1932, und wir sind durch so viele Veränderungen gegangen wie sonst niemand,“ erklärt die 1986 geborene Künstlerin Hala Ali die spezielle Situation ihrer Heimat.

 

Zwei Drittel sind unter 25

Noch 1961 lebten in Saudiarabien nur vier Millionen Menschen, heute sind es bereits 26 Millionen, davon allerdings fast die Hälfte Gastarbeiter. Zwei Drittel der Einwohner sind unter 25 Jahre alt. Sie akzeptieren die alten Stammeskulturen und die Bevormundung durch die Religion immer weniger. Saudiarabien ist im Wandel, und das deutlichste Zeichen davon ist die junge Kunstszene.

Hala Ali lebt in den Vereinigten Emiraten und hat gerade ihr Kunststudium im Emirat Sharjah abgeschlossen. Schon jetzt gehört sie zu den führenden Künstlern Saudiarabiens. Zu verdanken hat sie es dem Projekt „Edge of Arabia“, das gerade in der Galerie Krinzinger stationiert ist. Erstmals in Wien wird dort Kunst aus dem strengen Königreich gezeigt.

Ali hat in Sharjah studiert, weil es in Saudiarabien keine Kunstakademie gibt. Trotzdem hat sich in dem Land zwischen Rotem Meer und Persischem Golf seit gut einem Jahrzehnt eine erstaunliche Kunstszene entwickelt. In den 1950er-Jahren wurde in den Schulen das Lehrfach Kunst eingeführt, später gründete einer der vielen Prinzen der seit über hundert Jahren herrschenden Saudi-Familie das kleine Künstlerdorf Al-Meftaha im Süden des Landes. Dorthin kam zufällig vor einigen Jahren der junge Brite Stephen Stapleton und lernte einige Künstler kennen. Mit ihnen zusammen beschloss er, eine internationale Organisation zu gründen, die seit 2008 unter dem Namen „Edge of Arabia“ Ausstellungen in London, Venedig, Berlin, Dubai, zuletzt sogar in Jeddah und jetzt in Wien veranstaltet.

„Edge of Arabia“ ist eine Erfolgsgeschichte. In nur vier Jahren schaffte es dieses Label, mit mittlerweile 23 Künstlern und auch Künstlerinnen einer zuvor gänzlich unbekannten Kunstszene ganz ohne eigene Räume Bekanntheit zu verschaffen. Und das, obwohl einige der Gründungskünstler ganztägig berufstätig sind. Ahmed Mater ist im Hauptberuf Arzt in einem Krankenhaus, Abdulnasser Gharem dient seit 18 Jahren als Major in der Armee. Gerne würde er austreten, erzählt er, aber ihm ist bisher nur ein Jahr Freistellung bewilligt worden. Und die benötigt er auch dringend. Denn mit der Versteigerung seiner drei Meter großen, goldglänzenden Skulptur „Dome“, geformt in direkter Anlehnung an den Felsendom in Jerusalem, letztes Jahr im Dezember für 842.500 Dollar ist er der teuerste lebende arabische Künstler. In der Galerie Krinzinger zeigt er seine typischen Bilder aus Stempeln und dazu Drucke seiner „Men at Work“-Serie: In das wunderschöne Ornament einer Moscheekuppel sind tiefschwarz gefärbte Soldaten mit Gewehren eingedrungen. „Es geht um den Kontrast zwischen Krieg und Religion,“ erklärt er. Die Stempel werden übrigens von der österreichischen Firma Trodat angefertigt, die das gesamte Stempelsortiment für die saudische Regierung liefert und damit „unsere Träume tötet“, wie Gharem die Willkür der staatlichen Stellen umschreibt.

 

Magnete erinnern an die Kaaba

Materialien aus seinem beruflichen Umfeld benutzt auch Mater, der mit Röntgenbildern und Magneten arbeitet. In einer Bildserie sind tausende kleine Eisenstücke um einen kleinen, schwarzen, quadratischen Magnet gruppiert. Diese Formation erinnert an die Kaaba im saudiarabischen Mekka und ihre Millionen Pilger, die das Heiligtum der Moslems jedes Jahr umkreisen. Deutlich Bezug auf das Leben in ihrem Land nimmt auch die bereits seit 1979 ausstellende Maha Malluh mit Fotogrammen aus Alltagsgegenständen. Jüngst dabei ist Saeed Salem, 1984 in Saudiarabien geboren, in Jemen aufgewachsen, ebenfalls im Medium Fotografie arbeitend und erst seit der Ausstellung in Jeddah im Portfolio von „Edge of Arabia“.

 

Bald Führerschein für Frauen?

Die spannendste Position allerdings repräsentiert Ali, die in Wien einen mitreißenden Rap vorführte, der mit deutlichen Worten ihre Unzufriedenheit mit gesellschaftlichen Zuständen in ihrer Heimat anspricht. Bei aller Kritik ist sie aber auch zuversichtlich: Der Führerschein für Frauen werde sicher kommen, erzählt sie später, zwar noch eingeschränkt auf berufstätige Frauen ab 30 Jahren, aber der gesellschaftliche Wandel sei kaum aufzuhalten. Dazu trage ganz wesentlich die Kunst bei, die den jungen Menschen eine gänzlich neue Perspektive biete. Nächstes Jahr will „Edge of Arabia“ eine Ausstellungstour durch die USA starten, die Liste der beteiligten Künstler und vor allem Künstlerinnen dafür ist noch längst nicht abgeschlossen.

Bis 7.Juli, Galerie Krinzinger, Wien 1, Seilerstätte 16.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2012)

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