Seine 68 Jahre sieht man Joel Sternfeld nicht an. Eher noch seine Identität als „Mann der 60er-Jahre“, als der er sich bei einem Vortrag in der Albertina Montagabend ironisch beschrieb: Wuschelkopf, Künstlerfamilie, dreijähriger Sohn, der ebenfalls künstlerische Begabung zeigt. Sternfeld scheint seinen „roots“ nicht zu entkommen. Schon sein Vater war Künstler, malte Filmplakate, die Mutter war Bildhauerin – und auch sie stöhnten, als der Sohn beschloss, ebenfalls kreativ zu werden. Erst dachte er an Schriftsteller, dann Maler. Bis ihm seine damalige Freundin einen Fotoapparat in die Hand drückte („Dabei dachte ich, alle Fotografen wären Idioten.“)
Heute ist er selbst einer, ein Fotograf, sogar einer der erfolgreichsten in den USA. Er zählt zur „New Color Photography“, die in Nachfolge von William Eggleston in den 70er-Jahren die Farbfotografie als Kunstform durchsetzten. Denn bis dahin hatte Fotografie mit künstlerischem Anspruch gefälligst in Schwarz-Weiß zu sein. Sonst stand man im Verdacht, für die Massen(medien) zu arbeiten. Sternfeld erzählt seine Geschichte amerikanisch, eloquent, amüsant und politisch engagiert. Sein Vortrag bildete den Auftakt zu einer großen Retrospektive auf sein Werk, die nach dem Folkwang-Museum in Essen jetzt in die Propter-Homines-Hallen der Albertina eingezogen ist. 130 Fotografien aus 30 Jahren kann man hier abschreiten – und es wird einem nie fad dabei. Sternbergs Alleinstellungsmerkmal ist sein Talent, anhand seiner Reisen durch Amerika Geschichten mit allgemeiner Gültigkeit zu erzählen. Weshalb er als Präsentationsform seiner Arbeit prinzipiell das Buch dem Museum vorzieht. Nachdem in der Albertina aber fast jeder Serie ein Raum gewidmet ist, geht Sternbergs Absicht dennoch auf.
US-Paradies: Adam im Whirlpool
Nach einem Einblick in sein bisher wenig bekanntes (noch verwechselbares) Frühwerk – mit flotter Kleinbildkamera geschossen, beeinflusst von der Street Photography – markiert die Serie „American Prospects“ rund um 1980 den Durchbruch: Verwendet wird jetzt eine große, unhandliche Plattenkamera, die Bilder werden dadurch malerischer und sind subtil, aber streng komponiert. Es geht nicht mehr ums Einzelbild, es wird ein Erzählbogen geschlagen. Erst wird das amerikanische Paradies der späten 70er-Jahre vorgestellt, ganze Wohngegenden in Gold und Pink, dann „Adam“ im Whirlpool. Der Sündenfall (eine von einer Highstreet abgestürzte Limousine). Und es beginnt die „dystopy“. Dystopie und Utopie erkannte Sternfeld als die beiden Aggregatzustände seiner Fotografie, sie sind es, die er mit seinem Blick für die große Inszenierung im Kleinen, im Alltäglichen, jagt. Er besuchte unscheinbare bis idyllische Schauplätze von Verbrechen – die nur durch seine Texte ihren Schauder erhalten. Er forschte nach alternativen Gesellschaftsformen, porträtierte Orte von Kommunen, Sekten etc. Wie Monet, der einen Heuberg im Wandel der Zeit malte, fotografierte er eineinhalb Jahre lang täglich einen Acker, der auf einem der ikonischen amerikanischen Landschaftsgemälde von Thomas Cole zu sehen ist – und schuf so eine Chronologie von menschlicher Besitznahme der Natur. Und vom Klimawandel.
Ein Hauptthema von Sternfeld, so reiste er etwa zur Klimakonferenz in Montreal 2005 und porträtierte dort die Teilnehmer in Posen der Verzweiflung. Eine Ausnahme, sind doch sonst fast alle seine Fotoserien im Außenbereich aufgenommen. Denn die Fotografie, so sagt er, sei ja eigentlich nur eine Ausrede, um die Natur beobachten zu können. So tat er das etwa auch bei der stillgelegten Bahntrasse, die sich durch New York zieht, die „High Line“. Es war eine Art urbane Wildnis. Heute ist sie, auch dank der Prominenz von Sternfelds Fotos, eine Attraktion, eine parkartige Flaniermeile. Bis 30.9.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2012)





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