Jeff Koons mit Generaldirektorin Sabine Haag im Kunsthistorischen Museum (KHM), nicht nur das Foto hat die Konkurrenz geärgert. Im heurigen Jänner war der US-Künstler im KHM zu Gast. Dieses widmet sich verstärkt zeitgenössischer Kunst, hat mit Jasper Sharp einen namhaften Kurator für diese engagiert – und macht auch sonst mit „Events“, etwa zum Thema Bacchus und Wein, von sich reden.
Die vom Ministerium lancierte Idee, dass Museen sich vor allem ihrem traditionellen Bereich widmen sollen, scheint vergessen. Koons' Skulpturen zieren auch das Titelblatt einer neuen Studie, die sich mit dem Management von Museen befasst. „Wir wollen nicht draufhauen, sondern neue Wege weisen“, sagt Unternehmensberater Stefan Höffinger. Seit 16 Jahren ist der WU-Absolvent in der Branche tätig, zuletzt war er bei Arthur D. Little. Nun hat er sich selbstständig gemacht und mit seiner Firma Hoeffinger Solutions die Museen durchleuchtet.
50 Prozent Eigenfinanzierung im Louvre
Er führte Gespräche mit Direktoren, nutzte den jüngsten Kulturbericht 2011 und verglich heimische Sammlungen mit ausländischen. Einige der Erkenntnisse: Österreichische Museen beklagen oft die zu geringe öffentliche Förderung, Subventionen werden kaum mehr valorisiert. Tatsächlich finanziert sich inzwischen sogar der Pariser Louvre zu 50 Prozent selbst, die Londoner Tate Modern zu 73, das New Yorker Metropolitan Museum sogar zu 87 Prozent. In Wien kommt das Belvedere auf 56 Prozent Eigenfinanzierung, die Albertina auf 50, das KHM auf 36, das Museum moderner Kunst auf 25 und das MAK auf elf Prozent. Sponsoring wird für Museen immer wichtiger. Das ist historisch gesehen keine Neuerung, früher waren Aristokratie und Geldadel Financiers von Museen. Von 2005 bis 2011 ist das Kultursponsoring in Österreich von 43 auf 50 Mio. Euro gestiegen, davon entfallen 27 Prozent auf bildende Kunst, 25 Prozent auf Musik und 21 Prozent auf darstellende Kunst. Deutsche Konzerne nutzen Sponsoring gezielt zur Imagepflege. Besucher scheinen international trotz Wirtschaftskrise in die Museen zu strömen. Der Pariser Louvre steigerte seine Besucherzahl von 2010 auf 2011 von 8,5 auf 8,9 Millionen, die Museumsinsel in Berlin blieb mit 3,4 Mio. stabil, ebenso das British Museum (5,8 Mio.). Das Pariser Centre Pompidou lockte 3,6 Mio. Besucher (2010: 3,1 Mio.) an, die Reina Sofia in Madrid 2,7 Mio (2010: 2,3). Sprünge bei den Besucherzahlen hängen oft mit Ausstellungen zusammen.
Unter den Top Ten der meistbesuchten Ausstellungen weltweit finden sich 2011 auf Platz eins die Abstrakten Expressionisten im Museum of Modern Art in New York mit 1,159 Mio. Besuchern. Es folgten Monet im Pariser Grand Palais (913.000 Besucher), „Landscape Reunited“, Malerei der Ming- und Qing-Dynastie im National Palace Museum von Taipeh (704.000 Besucher), „Alexander McQueen Savage Beauty“ (Mode) im Metropolitan Museum NY (661.000 Besucher) und Schätze der Maori im Shanghai-Museum (611.000 Besucher). Vom eurozentrischen Weltbild muss man sich verabschieden: Asien, Südamerika, der Orient werden als Kunstszene immer wichtiger. Die meistbesuchte Altmeister-Ausstellung war 2011 „Malerei und Skulptur in Rom im 18. Jh.“ in der Eremitage von St. Petersburg mit 425.000 Besuchern. Museen, die viel Verschiedenes anbieten, sagt Höffinger, sind im Vorteil. Dazu zählt die Berliner Museumsinsel, aber auch das weniger bekannte „MAS – Museum aan de Strom“ in Antwerpen: 2011 eröffnet, bietet es mit seinen 470.000 Objekten ein epochen- und stilübergreifendes Konzept zu den Themen Machtdemonstration, Weltstadt, Welthafen, Leben und Tod.
Veraltete Administration verändern
Neubauten sind stets wirkungsvoll, um Besucher anzulocken, sie müssen nicht hunderte Mio. kosten: Heuer im April wurde mit „The Eye“ in Amsterdam ein Filmmuseum im Origami-Stil von den Wiener Architekten Delugan Meissl eröffnet. Investiert wurden 40 Mio. Euro. Im internationalen Vergleich sind die Österreicher wie die Deutschen „Museumsmuffel“, in Österreich gehen 60 Prozent, in Deutschland 50 Prozent nie ins Museum. (65 Prozent der Dänen gehen ins Museum!) Was tun? Dass hohe Qualität nicht „mehrheitsfähig“ sei, hält Höffinger für falsch. Er empfiehlt den Museen, die unternehmerischer agieren als früher, einen weiteren Abbau von Berührungsängsten gegenüber Events und Kooperationen mit der Wirtschaft, klare Definition von Erfolgskriterien und mehr Förderung von Mitarbeitern mit eigenen Ideen – um die teils antiquierte, zu komplexe Administration zu verändern.
Albertina strebt kein Wachstum mehr an
Was haben die Museumsdirektoren Höffinger verraten? Nicht sehr viel, aber doch einiges Interessante. „Man würde lügen, wenn man sagt, man ist unbeeindruckt von Quoten“, erklärte KHM-Generaldirektorin Sabine Haag: „Jede/r wird an Besucherzahlen gemessen. Das KHM hat 13 wissenschaftliche Sammlungen, natürlich sind nicht alle Blockbuster, trotzdem müssen sie präsent sein, Wissenschaft nach außen sichtbar machen.“ Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder: „Im Moment gibt es keine langen Warteschlangen vor der Albertina, es gibt auch keinen Quotendruck.
Das Hauptthema ist: Stabilisieren! Das bedeutet, es wird kein Wachstum angestrebt. Das Ziel ist, in einem ruppigen Umfeld die Position zu halten. Es ist viel schwerer geworden, große Blockbuster-Ausstellungen zu machen, da die Kosten im Vergleich zu den Erträgen überdurchschnittlich hoch sind. Früher kosteten sie eine Mio, heutezutage sind es zweieinhalb bis drei Mio. Euro. Da bräuchte man 300.000 Besucher, um überhaupt einen Break-Even zu erreichen.“ Kunst könne nicht gepredigt, sie müsse erlebt werden, betont Schröder, das gelte zu jeder Zeit: „Ich fühle mich nicht als Künstler, sondern als Kunstvermittler. Ein Fehlen des Publikums heißt Scheitern der Kunstvermittlung.“
Für Direktoren und Direktorinnen öffentlicher Museen „gelten heute im Grunde dieselben Verhaltensregeln und Verantwortlichkeiten wie für das Leitungsmanagement privater Unternehmen“, erläutert Karola Kraus, Direktorin des Museums für moderne Kunst. Der erhöhte Einnahmen- und Kostendruck „birgt im Bereich der Vermittlung von Kunst die Gefahr einer Kommerzialisierung,“ so Kraus. Man müsse „die eigene Ausstellungs-und Vermittlungsfunktion aktiv und offensiv überdenken und erneuern“, dürfe aber keine „rein populistischen Konzepte verfolgen“: „Wir sehen uns nicht als Vertreter einer reinen Event-und Freizeitkultur, sondern fühlen uns dem Erbe einer aufklärerischen Moderne verpflichtet“, betont Kraus. Unterschiedliche Museen dürfen „nicht nivelliert“ werden. Die Unterstützung durch Unternehmen und Sponsoren weiß das Mumok zu schätzen, es gebe aber Grenzen, wenn Firmen „institutionsfremde Inhalte einfordern.“
MAK-Chef Christoph Thun-Hohenstein wünscht sich mehr gemeinsame Marketinganstrengungen von Museen. Die erfolgreichste Ausstellung des MAK in den letzten Jahren war ausgerechnet die medial teils heftig attackierte über Nordkorea. Das MAK „muss sich anstrengen“, Thun will die „weltweite Community“ ausbauen: „Wir sind eines der herausragenden Museen für angewandte Kunst. Mein Ziel ist es, unsere Kernkompetenz zu verfolgen. Uns ist auch der Dialog mit der Gegenwartskunst sehr wichtig. - und der gesellschaftspolitische Diskurs.“
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