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Sixtinische Madonna: Fünfhundert Jahre Engel in der Luft

10.07.2012 | 18:26 |  von Thomas Kramar (Die Presse)

Sixtinische Madonna. Raffaels Altarbild, seit 258 Jahren (mit zehnjähriger Unterbrechung) in Dresden, wird dort zum 500. Jubiläum gefeiert. In neuem Rahmen und einer Ausstellung über die „schönste Frau der Welt“.

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Vor jener hohen Gestalt, mit der stillen Größe, mit der Engelreinheit“ sei er oft gestanden, gestand Kleist; Dostojewski fand in ihr „das Ideal der Menschheit“; Martin Heidegger schrieb in „Über die Sixtina“ über das Scheinen und befand, dass dieses Bild „nichts anderes als die Jähe dieses Scheinens“ sei. Nur Nietzsche verweigerte die höhere Bewegung: Er sah in der Sixtinischen Madonna „die Vision der zukünftigen Gattin, eines klugen, seelisch-vornehmen, schweigsamen und sehr schönen Weibes, das ihren Erstgeborenen im Arme trägt“.

Ähnlich säkular – und ein wenig selbstironisch – klingt der Slogan, mit dem die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden für ihre Sonderausstellung werben: „Die schönste Frau der Welt“. Ob sie dies ist, mag jeder Besucher selbst entscheiden; wer vor ihr steht, wird von diesen aufs Unendliche fokussierten Augen gefesselt, von diesem Blick, dessen Traurigkeit ähnlich flüchtig ist wie das Lächeln der Mona Lisa. Er ist nicht sinnlich, bei Gott nicht, aber auch nicht völlig außerhalb dieser Welt wie der gesenkte Blick der Maria des Filippino Lippi.

Auch Raffael gab nicht allen seinen Madonnen diesen Blick. Die – ebenfalls in der Sonderausstellung gezeigte – „Garvagh Madonna“ etwa blickt eher müde, und zwar nicht auf Jesus, sondern auf dessen Spielgefährten und späteren Vorläufer Johannes, dem Jesus eine Nelke reicht. Schon auch auf einem anderen Madonnenbild Raffaels, der „Madonna di Foligno“, ist der Himmel voller Engel; doch auf dem von Sisto ist dieses Motiv so zart ausgeführt, dass man nicht gleich bemerkt, wie sich die Luft – der Äther, hätten die alten Physiker gesagt – in himmlische Schädel auflöst.

 

Erster Marienmaler: Der Evangelist Lukas

„Das hätt' ein Mensch gemacht?“ fragte Hebbel 1851 ungläubig in einem Gedicht über die Sixtinische Madonna, und antwortete: „Wir sind betrogen! Das rührt nicht her von einer ird'schen Hand!“ Kann ein Maler die Muttergottes „richtig“ malen? Nein, sagte die Überlieferung. So wie sich das „vera icon“, das wahre Abbild des Gesichtes Jesu, nur auf dem Schweißtuch der Veronika findet, so habe nur der Evangelist Lukas (der ja Maria mehr Platz widmete als seine Kollegen) die Madonna gültig gemalt. Auf einem Bild aus der Werkstatt Raffaels sieht man ihn, erkennbar an seinem Stier, wie er Maria und Jesus sieht und malt. Raffael steht hinter ihm, sozusagen als Augenzeuge zweiter Ordnung. Skurril wirkt dieses Bild dadurch, dass die von Lukas gemalte Maria so gar nicht vergeistigt und auch nicht schön, sondern derb aussieht.

Gut 300 Jahre später fanden Franz und Johannes Riepenhausen nichts mehr dabei, in einem Ölbild die Madonna mit Kind dem schlafenden Raffael direkt erscheinen zu lassen: Ihr „Traum Raffaels“ (1821) wirkt heute fromm, aber einfältig. Ganz im Gegensatz zur Sixtinischen Madonna.

Dass diese etwas Besonderes ist, war etwa dem Griechisch-Professor Giovanni Battisti Bianconi noch nicht klar, der ab April 1752 für den sächsischen Kurfürsten und Kunstkenner Friedrich August II. die Verhandlungen mit den Mönchen von San Sisto führte. Sie gehöre nicht zu den berühmtesten Werken Raffaels, argumentierte er. Dennoch einigte man sich auf den damals unerhörten Preis von 25.000 Scudi Romani. Zunächst galt die Madonna gar nicht als Prunkstück der Dresdner Kunstsammlung, Corregios „Heilige Nacht“ (1746 erworben) war viel populärer.

Heute, seit 1955 (nach zehn Moskauer Jahren als Beutekunst) wieder in Dresden, ist die Sixtinische Madonna ein „Kultbild im doppelten Wortsinn“, wie die Herausgeber des gewichtigen Katalogs zur Ausstellung schreiben. Zunächst ein Altarbild, geschaffen für den Hochaltar der Klosterkirche San Sisto in Piacenza; dann ein zentrales Werk der abendländischen Kunst (Oswald Spengler fand in ihm deren „letzte große Linie“) und auch der Modernen Kunst: Dalí machte eine „Cosmic Madonna“ daraus, Andy Warhol stellte ein Preisschild dazu: „699“.

In die Konsum- und Werbekultur eingegangen sind die beiden lausbübischen Engel, die Raffael an den unteren Rand malte, um das Bild zur Welt des Betrachters hin zu öffnen, wohl auch um den tiefen Ernst der Erscheinung zu konterkarieren. Ihre Aufgabe war es zunächst, die bei der Messe verwandelte Hostie in den Himmel zu tragen. Doch sie wurden für Keksdosen genauso verwendet wie für Postkarten, für Tiramisu und Dresdner Sekt, ja sogar für ein „Spiegel“-Cover zum Thema „überfütterte Kinder“. Auch wer ihre Madonna nicht kennt, kennt sie: eine einzigartige weltliche Karriere zweier im Ursprung doch geistlicher Wesen.

Die Sixtinische Madonna

1512/13 malte Raffael Santi sie für den Hochaltar von San Sisto in Piacenza. Diese Klosterkirche bewahrt die Gebeine von Papst Sixtus II. und der Hl. Barbara, diese beiden hat Raffael links und rechts der Madonna gemalt.

1753/54 erwarb sie der sächsische Kurfürst Friedrich August II. (als August III. auch König von Polen) für seine Sammlung in Dresden.

2012 haben die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sie in einen neuen Rahmen (die Kopie eines alten Tabernakelrahmens aus Bologna) und in den Mittelpunkt einer Spezialausstellung gehängt, die bis 26.August läuft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2012)

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