„Ein neuer Caravaggio? Nicht wirklich.“ Das schrieb Antonio Paolucci, Direktor der Museen des Vatikan, vor zwei Jahren: Er musste eine Meldung des Osservatore Romano dementieren, derzufolge ein Bild des heiligen Laurentius, das man irgendeinem Künstler zugeschrieben hatte, in Wahrheit von Michelangelo Merisi stammte, der unter den Namen seiner Vaterstadt – Caravaggio – berühmt und berüchtigt wurde. Berüchtigt wegen seines Lebenswandels: Ein bisexueller Totschläger soll er gewesen sein, der am Ende ermordet wurde. Was davon wahr ist, ist unklar, man weiß wenig über sein Leben.
Einiges mehr weiß man über seine Kunst: Der 1571 Geborene revolutioniert im Frühbarock die Malerei, mit Lichteffekten („Chiaroscuro“) und hartem Realismus, rund 50 Gemälde demonstrieren es. Mehr gab es nicht, auch keine Zeichnungen, er war der Maler, der „nie zeichnete“. Aber letzte Woche tauchten gleich hundert Zeichnungen auf, die entsprechend beworben wurden, 700 Millionen Euro seien sie wert, versicherten die Entdecker, Maurizio Curuz und Adriana Fedrigolli. Sie wollen mitverdienen, sie machen die Fotos der Zeichnungen via E-Book zugänglich und bewerben ihre „Chronik einer bahnbrechenden Entdeckung“ auf www.giovane.caravaggio.
„Entdecker“ sahen nur Fotos der Werke
Mehr als die Fotos haben die beiden selbst auch nicht gesehen. Denn dort, wo die Werke aufbewahrt werden – in der Sammlung des Lehrers von Caravaggio, Simone Peterzano in Mailand –, waren Curuz/Fedrigolli nie. „Was uns am meisten an der Sache überraschte, ist die Tatsache, dass diese Experten nie zu uns kamen, um die Werke anzusehen“, erklärte Sammlungskuratorin Francesca Ross. Sie wäre „glücklich, einen Caravaggio zu haben“, aber ihre Schätze seien schon von vielen Kennern vergeblich durchstöbert worden.
Curuz und Fedrigoli stöberten erst gar nicht, sie erbaten Fotos und suchten in ihnen Muster, die charakteristisch für Caravaggios sind. Hundert Mal wurden sie fündig. Damit handelten sie sich rasch Kritik ein, Claudio Strinati, Frühbarock-Kundler, erklärte den Caravaggio-Anspruch für „völlig absurd“. Diese Meinung teilen inzwischen viele, das Kunstmagazin „art“ hat Urteile zusammengetragen: Mina Gregori, Caravaggio-Expertin, sieht „einfach keine Anhaltspunkte“ für Caravaggio. „Induktiven Optimismus“, ortet Paolucci vom Vatikan-Museum. „Es ist einfach Schwachsinn, alle Zeichnungen Caravaggio zuzuordnen“, urteilt Caravaggio-Experte Mauricio Calvesi, allenfalls einige Zeichnungen könnten von dem Meister stammen. So sieht es auch Strinati, er formuliert es mit Feinsinn: „Keine ist von Caravaggio. Bestenfalls sind einige von Michelangelo Merisi.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2012)
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