„Verschollener Klimt entdeckt!“, lautete die jubiläumsgerechte Schlagzeile in der „Kronen Zeitung“ am Sonntag. Aufregung nahe Linz: Der Wilhelmsburger Antiquitätenhändler Josef Renz war von einem oberösterreichischen Garagenbesitzer verständigt worden, der das Rundbild „Der trompetende Putto“ bei sich gefunden hatte. Das Deckenfresko mit einem Durchmesser von 170 Zentimetern hatte seinen Stammplatz in Gustav Klimts Wiener Atelier. Bei einem Lifteinbau vor einigen Jahren wurde es verstaut, galt bald als verschwunden.
Doch ob das Klimt-Jahr mit einer sensationelle Wiederentdeckung gekrönt worden ist, bleibt zweifelhaft. Noch am Sonntag meldete sich Alfred Weidinger, Klimt-Experte und Belvedere-Vizedirektor, zu Wort: Das Bild sei längst bekannt und definitiv nicht vom berühmten österreichischen Maler. „Dieses Werk geistert seit den 1960er-Jahren als Werk von [Gustav] Klimt durch die Medien. Man versucht immer wieder, das Bild anerkennen zu lassen, gerade jetzt im 150-Jahr-Jubiläum“, sagte Weidinger gegenüber ORF-Oberösterreich.
Vorstudien von Ernst Klimt gefunden
In Recherchen für den Gustav-Klimt-Werkkatalog habe man Studien für dieses Gemälde von Ernst Klimt – dem kaum bekannten Bruder Gustavs – gefunden. Der APA bekräftigte Weidinger seine Bedenken: „Es ist reine Dekorationsmalerei und eine schlechte noch dazu.“ Die Arbeit sei „von Franz Matsch und Ernst Klimt. Es haben sich Vorstudien erhalten, und daher kann man hier eine eindeutige Zuordnung machen.“ Der eineinhalb Jahre jüngere Bruder Ernst hatte wie Gustav Klimt ab 1877 die k.k. Kunstgewerbeschule besucht, mit dem Schulfreund Matsch wurde 1881 eine Künstler-Compagnie gegründet, zwei Jahre später betrieben sie das Atelier in der Sandwirtgasse 8, das später der „Putto“ zierte.
Ernst Klimts Werk als Historien- und Dekorationsmaler blieb schmal: Er starb 1892 im Alter von 28 Jahren, kurz nachdem er Helene Flöge, Schwester von Gustavs Freundin Emilie Flöge, geheiratet hatte, die ihm eine Tochter gebar. Bald zerbrach die Compagnie, Gustav Klimt nahm sich der Witwe und des Kindes an, stellte dabei einige unvollendete Gemälde seines Bruders fertig. Der „Putto“ wird im zum Jahresende neu erscheinenden Werkverzeichnis Gustav Klimts nicht aufgenommen. apa/hub
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2012)
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