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Ikone Francis Picabia: Ein Clown, kein Maler

15.07.2012 | 18:24 |  von Almuth Spiegler (Die Presse)

Die große Sommerausstellung in der Kunsthalle Krems stellt einen Künstler vor, den man kennen sollte, will man die Postmoderne verstehen: den Meister des Subversiven Francis Picabia.

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Große Retrospektive in der Kunsthalle Krems, erste große Ausstellung in Österreich, großer Künstler, großer Einfluss, großer Trubel. Aber wer ist Francis Picabia? „Francis Picabia / Ist ein Spaßvogel / Ist ein Idiot / Ist ein Clown / Ist kein Maler / Ist kein Literat / Ist ein Schwachkopf / Ist ein Spanier / Ist ein Lehrer / Ist nicht ernst / Ist reich / Ist arm“. Man sieht – 1921 konnten die Menschen aus Francis Picabia auch nicht schlau werden. Die Täuschung, die Verwirrung, das Unklare waren Konzept.

Der 1897 in Paris als Sohn eines wohlhabenden spanischen Botschaftsattachés geborene Künstler wechselte die Stile wie die Hemden. Erst einmal begann er mit Impressionismus, übrigens die einzige Stilrichtung, zu der er zu spät kam, das sieht man auch an den allzu harmlosen Bildern, mit denen in Krems brav chronologisch begonnen wird. Doch 1908 macht der recht erfolgreiche Picabia radikal Schluss mit Kathedralen und Heuhaufen nach Monet und Co.: Ab jetzt ist er am Puls der Zeit, ihm meist einen Takt voraus, getrieben von rasch einsetzender Langeweile. „Eine kaleidoskopische Reihe kaum miteinander verbundener Erlebnisse“, beschrieb Komplize Marcel Duchamp Picabias Schaffen. Impressionismus, Kubismus, Fauvismus, Dada- und Surrealismus, Subversion und am Ende Abstraktion waren die Steinchen dieses Mosaiks von einem Werk.

 

Sein Markenzeichen: Kein Markenzeichen

Kein Wunder, dass der Markt den Mann, dessen Markenzeichen kein Markenzeichen war, nicht liebte. Seine Kollegen und Nachfahren umso mehr. Ein Künstler-Künstler, wie man so schön sagt. Picabia hat die Postmoderne, in der ja bekanntlich alles möglich gewesen sein soll, vorweggenommen und eingeleitet. Er wusste, wo die Zukunft liegt: nicht in der alteingesessenen Avantgarde-Metropole Paris, sondern im mit Busenfreund Duchamp öfter bereisten New York. Da entstanden Picabias mechanische Zeichnungen, inspiriert von Illustrationen in Bedienungsanleitungen. Sein Porträt von Fotograf Alfred Stieglitz erinnert an die technische Zeichnung eines Fotoapparats. Das war 1915, kurz vor Beginn des Dadaismus. 1922 schickte Picabia an Surrealisten-Papst André Breton kleine Zeichnungen für ihre Zeitung „Litterature“: abgezeichnete Werbungen aus Magazinen. Voilà – Pop-Art. Und schon hatte Picabia die Nase voll: „Meine Kollegen langweilten mich immer mehr, die einen, weil sie glaubten, wichtige Persönlichkeiten geworden zu sein, und die anderen durch ihre Nichtigkeit, ihre Schwachsinnigkeit oder Flegelei. All das sind Sachen, die ich nicht ertragen kann: Ich habe also den Entschluss gefasst, mich von den mehr oder weniger authentischen Dadaisten zu trennen, um wieder ein wenig Freude im Leben finden zu können!“ Er zog an die Côte d'Azur, richtete sich ein Schloss ein und widmete sich einem feudalen Lebensstil mit sieben Jachten, 127 Autos, einem Schloss, zwei Ateliers, zwei Frauen, fünf Kindern, rauschenden Festen.

 

Bilder nach Fotos aus Pornomagazinen

Dazu gab es natürlich Bilder, die diesen Lebensstil von Reich und Schön karikierten. Ungemein dekorativ, vor allem schöne Frauen: verführerische Spanierinnen, modische bzw. nackte Französinnen. Gemalt mit Autolack statt Ölfarben. Dafür wurde Picabia lange intellektuell gesteinigt: reine Geldesel, gar Anbiederung an den nationalsozialistischen Geschmack. Bis man nach Picabias Tod 1953 die Vorlagen fand: Fotos aus Softpornomagazinen, deren adrette, sexy Häschen Picabia in teils vampirisch wirkende Femmes fatales verwandelt hatte. „Bad Painting“, „Appropriation Art“ (Kunst der Aneignung) – all diese Tendenzen der 1980er und 90er finden sich hier bereits. Doch die Subversion ist ein Hund, die dem Ruhm nicht immer nützt.

Etwas mehr Subversion würde man sich auch von einer Picabia-Retrospektive wünschen. Die Flut an Beweisen für die Wichtigkeit dieses Unterschätzten (180 Werke, 50 Leihgeber) ist sehr klassisch geraten. Doch wie sehen subversive Ausstellungen aus? Am ehesten wohl wie die glamouröse Auktion, in der Damien Hirst zu Beginn der Wirtschaftskrise ein Best-of seines Gesamtwerks versteigern ließ. Auch er hat seinen Picabia offenbar gut gelesen, der Duchamp 1926 bat, einen Querschnitt seines Werks in Paris zu versteigern. Picabias Karriere ist ein Schnelldurchgang durch die Kunstgeschichte der Postmoderne. Man kann sich also dem Künstler nur anschließen, dem „Spaßvogel“, „Idioten“, „Clown“, „Schwachkopf“, „Spanier“, „Lehrer“: „Francis Picabia empfiehlt Ihnen, seine Bilder im Herbstsalon anzusehen, und reicht Ihnen seine Finger zum Kuss.“ Unterzeichnet 1921 mit dem Pseudonym: „Funny Guy“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2012)

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1 Kommentare
Gast: silberwald
15.07.2012 22:50
1 0

Vorsicht!

Muss aber ein fantastisches Genie gewesen sein, wenn er schon mit elf Jahren ...
Naechstes Mal waere Probelesen eine gute Sache,
liebe Frau Spiegler. Statt 97 79 waer richtig gewesen.
Und ja, er war ein Chamaeleon. Hat nie einen eigenen Stil kreiert, ein Trittbrettfahrer. Die Maer vom Kuenstler - Kuenstler klingt gut, ist aber bei Picabia ungerechtfertigt. Muss man deshalb ihm gleich eine grosse Ausstellung machen, liebe Leute von der Kunsthalle? Es gibt verdammt wichtige Zeitgenossen in Oesterreich, die fleissig negiert werden ...