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Inspirationen von Bären und Berbern

22.07.2012 | 18:17 |  von JULIA KASTEIN (Die Presse)

Eine Ausstellung im British Museum in London widmet sich den Einflüssen, die den Dichter und sein Werk prägten: Sensationen seiner Zeit, Könige, Kämpfe, Kolonialismus und der raue Alltag.

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Im Hafen von Portsmouth spielten Soldaten der Royal Navy Theatre Association am vergangenen Samstag Shakespeares „Viel Lärm um nichts“, nur eine von 260 britischen Amateur-Theatergruppen, die sich diese Saison an den Werken ihres Nationaldichters probieren, mit immer wieder erstaunlicher Professionalität. Die BBC hat nach 30 Jahren Pause diesen Sommer die Historiendramen „Richard II.“, „Henry IV.“ und „Henry V.“ neu fürs Fernsehen inszeniert. Das Londoner Globe Theatre, Nachbau von Shakespeares Originaltheater, brachte kürzlich seine sämtlichen 37 Dramen in 37 Sprachen auf die Bühne. Sozusagen das höherwertige Pendant zu „Shakespeares Werke leicht gekürzt“, wie sie in kabarettistischer Form seit Jahren auf dem Kontinent populär sind.

Shakespeare im Radio, Shakespeare im Park, Shakespeare auf Konferenzen, in Vorlesungen, bei Rezitationen: Knapp 400 Jahre nach seinem Tod zelebrieren die Briten heuer William Shakespeare (1564-1616) bei jeder Gelegenheit – und bis zur Übersättigung. Auch das British Museum macht mit: In der Bildungsschatzkammer der Nation hat jetzt die Schau „Shakespeare – Staging the World“ eröffnet, Teil des diesjährigen „World Shakespeare Festival“.

 

Reise um den Globus im Globe Theatre

Die größte Schwierigkeit sei gewesen, bei diesem Überangebot noch einen originellen Ansatz zu finden, so die Kuratoren, Shakespeare-Experte Jonathan Bate von der Oxford University und Dora Thornton, Leiterin der Renaissance-Sammlung des Museums. Statt sich, wie spätestens seit Roland Emmerichs „Anonymous“ unter Fachleuten und Laien populär, an den Spekulationen um Shakespeares „wahre“ Identität und die Urheberschaft seiner Werke zu beteiligen nach dem Motto „Wer war er und wie viele?“, will die Ausstellung einen Dialog herstellen, „zwischen den imaginären Welten in Shakespeares Stücken – und der tatsächlichen Welt, in der er lebte“, heißt es im Begleittext.

Zu den über 190 Exponaten gehört das Ölporträt von Abd el-Ouahed ben Messaoud, des marokkanischen Botschafters am Hofe Elisabeth I. : Ein eindrucksvoller, dunkelhäutiger Berber mit weißem Turban und reich verziertem Säbel am Gürtel. „Dieser Besuch des Botschafters sorgte damals in London für riesiges Aufsehen. Seine Delegation hatte Kamele dabei, sie blieben für ein halbes Jahr in der Stadt“, so Bate. „Shakespeares Truppe hat für sie Theater gespielt – und der Botschafter womöglich seinen Othello inspiriert.“ Auch ein „Schwert aus Spanien“, von dem Othello kurz vor seinem Selbstmord spricht, ist zu sehen: „Diese Schwerter waren damals bei den Adeligen sehr in Mode“, so Kuratorin Thornton. „Es war also sehr passend, dass ein Mann wie Othello sich mit so einem Schwert umbringen will.“

Von London um 1600 und dem Hof Königin Elizabeths, die in ihrem eigenen Film (mit Cate Blanchett) sowie in „Shakespeare in Love“ ihre großen Auftritte hatte, über Shakespeares Heimat in Warwickshire, den Wald von Arden, der in „Wie es Euch gefällt“ eine wichtige Rolle spielt, führt die Ausstellung zurück ins Mittelalter, nach Venedig, ins Rom und Griechenland der Antike und schließlich in die „neue Welt“ und koppelt reale Objekte aus diesen Epochen, wie Stiche, Gemälde, Waffen, Wandteppiche und Münzen, mit Zitaten aus Shakespeares Werk und Videoaufzeichnungen der wichtigsten Monologe, gespielt von Mitgliedern der Royal Shakespeare Company. Shakespeare, der große Unbekannte, der keine persönlichen Zeugnisse hinterließ, wird samt seinen Stücken aus dem Zeithintergrund erläutert.

Neben einer Vitrine mit zwei abgegriffenen Silbermedaillen zu Ehren von Sir Francis Drake, der 1580 zum ersten Mal die Welt komplett umsegelt hatte, findet sich ein Oberon-Zitat aus dem Mittsommernachtstraum: „Schneller als die Monde kreisen, können wir die Erd umreisen.“ Der Dichter habe Großbritannien zwar nie verlassen – doch er sei fasziniert gewesen von der Entdeckung der Welt, von den vielen Fremden, die durch Migration, Tourismus und Handel damals nach London kamen. „Shakespeare reiste in seiner Fantasie“, so Bate. „Er hat sein Theater nicht umsonst ,Globus‘ genannt.“

 

Identitätsbildung für die Briten

Auch der Londoner Alltag und seine Wirkung auf Shakespeares Werk werden dokumentiert: Wer sich schon immer gefragt hat, worauf sich die Anspielung auf „Sackerson“ im ersten Akt der „Lustigen Weiber von Windsor“ bezieht, findet Antwort in dem vergilbten Complet aus dem späten 16. Jahrhundert, das in den Londoner „Bärengarten“ einlädt: Sackerson war einer der tierischen Stars, die zur Volksbelustigung kämpfen mussten und misshandelt wurden.

Besonders stolz ist Kuratorin Thornton auf eine Vitrine mit dem Schwert, Helm, Schild und Sattel von Heinrich V. – die echten Grabbeilagen des Königs, die von 1422 bis 1972 in seiner Gruft in der Westminster Abbey und dann im Museum der Kirche lagen. Shakespeares Historiendramen über die Könige Richard II., Henry IV. und V., sagt Shakespeare-Experte Bate, seien schon zu seinen Lebzeiten besonders populär gewesen: „Er hat darin ausgelotet, was es bedeutet, Engländer zu sein. Und wenn man nicht lesen konnte oder keinen Zugang zu Büchern hatte, war das der Geschichtsunterricht.“ Das Theater, als eigenständige Institution mit professionellen Schauspielern, sei damals neu gewesen – und die Bühne als Fenster zur Welt habe die heutige Funktion von Fernsehen und Internet erfüllt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2012)

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