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Ein Bildhauer im Schwebezustand

24.07.2012 | 17:01 |  von Almuth Spiegler (Die Presse)

Die neue NÖ Landesgalerie für zeitgenössische Kunst eröffnet in der säkularisierten Dominikanerkirche in Krems mit einer Retrospektive des österreichischen Bildhauers Manfred Wakolbingers.

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Sie leben in den Lüften, essen nie, landen nie, sterben nie. Selbst ihre Eier legen die „Göttervögel“ im Flug. Die Sonne brütet sie im Fallen aus, die Jungen schlüpfen noch in ihrem Element. Nur manche zerschlägt es an Land. Die Schale birst, und verwirrte Kreaturen bleiben über. Sie werden nie fliegen lernen. Aber sie lernen, aufrecht zu gehen. Mit dem Wissen belastet, eine andere Bestimmung gehabt zu haben.

Schwer heben einige von ihnen in der Apsis der säkularisierten Kremser Dominikanerkirche gerade die eiförmigen Köpfe. Sie stützen sich an die gotischen Mauern, richten sich langsam auf, ragen schließlich weit über das menschliche Maß hinaus. Es hat etwas Erhebendes, wenn man sich unter diese hier gestrandeten „Göttervögel“ Manfred Wakolbingers mischt. Der Bildhauer ließ sich zu den monumentalen Kupferfiguren von der indischen Sage inspirieren, die Peter Sloterdijk in seinen „Frankfurter Vorlesungen“ zitierte. Und fast wirkt es, als wäre das gesamte hier gezeigte Schaffen Wakolbingers aus drei Jahrzehnten rund um diese der Schwerelosigkeit entfallenen Wesen entstanden.

Alles wartet auf den „Sputnik“

Das hätte man sich gleich denken können, als am 4. Oktober 1957 ganz Mitterkirchen in Oberösterreich auf der Straße stand und den Überflug des „Sputnik“ erwartete. Die Menschen reckten die Hälse, vergebens. Doch das kollektive Warten hat Wakolbinger als Kind schwer beeindruckt und ist eine hübsche Anekdote, um seinen Drang zur Erforschung von Körpern und Räumen zwischen den Sphären zu erklären. Erst begann er mit der Introspektion, mit dem Blick von außen auf ein geheimnisvolles Inneres. Mit den „Gefäßen“ und „Laboratorien“ aus den 1980ern beginnt die Ausstellung und begann auch Wakolbingers Karriere, mit ihnen war er 1987 bei der „Documenta 8“ vertreten.

Außen wirken sie unscheinbar, wie massive Behälter aus Beton. Blickt man durch Öffnungen, präsentiert sich einem aber ein warmes, schimmerndes Innenleben aus Kupfer. Die Hüllen der sanften kupfernen Formen wurden transparent, die Plastiken wie Schneewittchen in Glasvitrinen verpackt. Dann benutzte Wakolbinger Räume als Hüllen, hängte die abstrakten Formen mit Ketten von der Decke etwa des 20er Hauses ab. Die Formen bekamen Zweck und wurden zu Möbeln für Körper und Seele („Placements“), bekamen Füße und wurden zu „Travellers“ im öffentlichen Raum. Dazu gesellte sich die Fotografie, die schwarz-weiße, die farbige, zuletzt die Unterwasserfotografie.

Sie ist heute ein eigener Strang in Wakolbingers Werk, kreuzt sich manchmal mit den Skulpturen oder führt zu eigenen Fotobänden wie zum heuer erschienenen Buch „Unter der Oberfläche“ mit Essays von Christoph Ransmayr und Wolf D. Prix. Hier lernte man in wundervollen Bildern schon die selten zu beobachtende Seescheide kennen, die Wakolbinger bei nächtlichen Tauchgängen auf offenem Meer vor die Linse bekam. Erst leben diese wie die Menschen zu den Chordatieren zählenden „Salpen“ in Kolonien, bilden bis zu 40 Meter lange Ketten. Dann trennen sie sich und werden bei lebendigem Leibe von anderen Tieren zerfressen.

Eine solche Seescheide schwebt auch im Zentrum von Wakolbingers Ausstellung, sie ist die raumschiffartige Architektur, die durch seinen Film „Galaxies 1–3“ führt. Die Fotos, die später animiert und mit Musik von Christian Fennesz unterlegt wurden, entstanden vor der indonesischen Insel Sulawesi, wo das Volk der Toraja daran glaubt, einst von einem Raumschiff zur Erde gebracht worden zu sein. In einem Kirchenschiff finden all diese Zusammenhänge jetzt ihren Brennpunkt. Auf der in den Raum gebauten, lettnerartigen Black Box, in der der Film läuft, befinden sich zwei drehbare Spiegel. Mit ihnen kann man für sich selbst den Status der Schwerelosigkeit zumindest simulieren – und der Flugbahn folgen, die die gestrandeten Göttervögel genommen haben und die ein Aluminiumschlauch, der sich durch die gesamte Höhe der Kirche schwingt, nachzeichnet.

Und so blicken wir suchend in die Unendlichkeit, wie einst Wakolbinger als Kind, um den Sputnik zu sichten. „Dass der Mensch so etwas zustande bringen kann – etwas so weit hinauszuschießen und wieder zurückzubringen. Wie weit geht doch sein Einflussbereich, und wie wenig kommt er doch mit sich selbst zurande“, staunt der Künstler noch heute. Bis 14. Oktober

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