Für sein jüngstes Werk hat der Londoner Künstler Nick Franglen sein Leben und eine Anzeige wegen widerrechtlichen Betretens eines Grundstücks riskiert: An geheimem Ort, irgendwo in den Docklands, hat Franglen in einem verlassenen, baufälligen Fabrikgebäude seine Antwort auf die Olympischen Spiele installiert. „Legacy“ (Erbe), so der Titel, sei ein Begriff, der in Zusammenhang mit London 2012 „bis zur Wertlosigkeit überstrapaziert wurde“, wie Franglen auf seiner Internetseite (www.franglen.net) schreibt: „Wir hören vom Erbe der Spiele, dem Erbe für das Land, für das East End. Ich glaube nicht, dass man das Erbe miteinplanen kann, wenn man etwas kreiert – man verdient es, man entdeckt es im Nachhinein.“
So sprießen nun im siebten Stock der Fabrik Radieschen, Spinat und Zwiebeln. Die Samen hat Franglen aus einem Schrebergarten, der für den Bau des olympischen Dorfes vor Jahren planiert worden war. 250 Kilo Kompost habe er an den Wachleuten vorbei in die Halle geschleppt, so Franglen zur „Presse“: „Das hat mich fast umgebracht.“ Wasser bekommen die Pflanzen, wenn der Regen (wie heuer häufig) durch die undichte Decke tropft: „Ich konnte es erst gar nicht fassen, dass sie hier tatsächlich wachsen.“
Noch schwieriger war der zweite Teil der Installation: Auf dem Dach, in einer teichgroßen Pfütze, ließ Franglen zweihundert mit Solarzellen betriebene Spielzeug-Ruderboote zu Wasser; eins für jede Teilnehmernation bei Olympia: „Ich musste die Boote wasserdicht machen, dadurch wurden sie zu schwer und sind erst immer gesunken.“
Die Installation, so der 47-Jährige, der sein Geld als Profimusiker verdient (er spielt in der Band „Lemon Jelly“, wirkte an Alben von Blur, Björk, Pulp und John Cale mit), sei keineswegs als prinzipieller Protest gegen die Olympischen Spiele gedacht. Er habe nur sein Unbehagen angesichts einiger Aspekte ausdrücken wollen: den enormen Kosten, den massiven Veränderungen im East End, der „Hyper-Kommerzialisierung“ der Spiele.
Ursprünglich wollte Franglen sein Projekt Ende Mai abschließen. Doch wegen der massiven Sicherheitsmaßnahmen aufgrund von Thronjubiläum und Olympia konnte er die Installation erst knapp vor der Eröffnungsfeier seinem einzigen „Zeugen“, einem „Guardian“-Journalisten, zeigen. Und eigentlich habe er auch gehofft, dass „Urban Explorer“, also Stadterforscher, die sich nicht von Bauzäunen abschrecken lassen, sein Olympia-Erbe zufällig entdecken würden. Doch auch die hätten derzeit keine Chance, ins Gebäude hineinzukommen: „Vielleicht kommt nach den Olympischen Spielen wieder jemand vorbei. Das wäre toll. Aber ich will niemanden in Gefahr bringen. Ich verrate nicht, wo es ist.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)
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