Die Presse: Sie hatten in den Achtzigerjahren einen singenden Hund. Der hörte auf, Laute von sich zu geben, als er einen Gefährten bekam. Was sagt uns das?
Christian Ludwig Attersee: Dem ist der Spaß angesichts der männlichen Konkurrenz vergangen. Wenn ich Klavier gespielt habe, ist er davor immer bei meinen Beinen gesessen und hat mit fünf, sechs Tönen mitgemacht. Das war so unterhaltend, dass er öfters auch mit mir aufgetreten ist.
Wie erinnern Sie sich Ihrer Anfänge als Rock'n'- Roll-Sänger im Linzer Rosenstüberl?
Ich hatte eine wunderschöne Stimme, mit gutem Vibrato, Lautstärke und einer gewissen Nähe zu Elvis Presley, aber mit mehr Kraft. Ich musste nie am Mikrofon picken. Eine Zeitlang wollte ich sogar Opernsänger werden. Bildhübsch war ich auch noch, lange Zeit einer der schönsten Männer Österreichs. Ich spielte frei gegriffenes Klavier und sang in meinem Attersee-Englisch, das ich mir erfunden habe, weil ich das konventionelle Englisch nie wirklich gelernt habe. Und geübt wird nahezu nie.
Sie improvisieren also?
Es handelt sich um eine Art Zufallsmusik. Da passieren bisweilen Akkorde, die so gut sind, dass Profis wie Bela Koreny in die Luft springen, weil sie so was noch nie gehört haben. Das ist das Gute: Das Publikum weiß, dass es bei etwas Unwiederholbarem dabei ist.
Wie sind Sie überhaupt mit den Protagonisten des Wiener Aktionismus in Kontakt gekommen?
In der Fluxus-Bewegung war es en vogue, dass Maler über das Ende der Leinwand hinausgedacht haben. In Berlin war die Verbindung der Malerei mit der Dichtkunst und dem Theater stark, in New York mehr mit Musik. In Wien hat man ähnliche Dinge entwickelt. Die Wiener Gruppe, also Bayer, Achleitner, Rühm und Wiener, machte Kabaretts aktionistischen Inhalts. Es gibt also genügend Vorformen.
Sie haben schon vor dreißig Jahren mit unterschiedlichsten Künstlerkollegen Matineen veranstaltet. Was passierte da?
Es ging um freie Improvisation von Musik machenden Künstlern, wobei jeder zwischen Weibel und Lüpertz einen anderen Weg eingeschlagen hatte. Dazwischen habe ich aber immer, um die Leute zu verwirren, auch Schubert-Lieder gemischt. Dieses Gemisch hat die Leute damals in Scharen ins Zwanzgerhaus gelockt.
Bringt der Maler, der auf fremden Kunstgebieten dilettiert, mehr zusammen als andere Hobbyisten?
Gewöhnlich schon, weil er sich Systeme geschaffen hat, die ihm helfen, auf neuen Territorien zurechtzukommen. Ich habe keinen Plan. Auf los, geht's los! Bei der Malerei kann ich unter Umständen etwas übermalen, in der Musik tu ich mir mit Korrekturen schwerer. Wenn ich am Klavier danebengreife, muss ich drei-, viermal den Griff wiederholen, damit die Leute glauben, der ist echt.
Sie machen subversive, hoch künstlerische Musik, haben andererseits aber auch erstaunlich schöne Schlageralben wie zuletzt „Äpfel der Liebe“ aufgenommen. Wie geht das zusammen?
Die Schlager sind meine private Unterhaltung, Erinnerung an meine Jugend. Was ich aber jetzt im Porgy gemacht habe, waren meine Lieder für Sprechgesang, die sowohl erotische als auch politische Komponenten aufweisen.
Wohl nicht politisch, sondern markant erotisch klingt Ihr Lied „Frucht und Form“. Worum geht es denn darin?
Es ist eine Dreierbeziehungsgeschichte. Sie ist so zwischen Aggression und Zartheit aufgebaut, dass sie letztlich ins Publikum geht. Sie holt sich am Ende den Samen des Publikums. Der Inhalt ist bei mir stets herausfordernd. An so einem Werk prallt jegliches Moralisieren ab. Erotik, also die tägliche Jagd nach erotischen Möglichkeiten, dominiert ja auch meine Malerei. Deshalb ist es logisch, dass dieses Thema auch meine Liedtexte dominiert.
Ihre Jugend fand in züchtigeren Zeiten statt. Ging es Ihnen jemals um das Brechen von Tabus?
Man darf nicht Erotik mit Sexualität verwechseln. Mir geht es um die anhaltende Beschäftigung mit dem sogenannten Vorspiel. Das Vorspiel ist unendlich, während der eigentliche Sex ja oft nur zehn Minuten währt. Es ist der Aufbau einer erotischen Architektur der mich reizt, mit all den Brüchen, die da im Umgang mit den uns umgebenden Symbolen passieren. Für mich ist Kunst nichts anderes, als die Jagd nach einem Ersterlebnis.
Wie kommt Ihre Kunst in der Damenwelt an?
Immer schon gut. Kürzlich traf ich auf einem Flughafen die (ehemalige Unterrichtsministerin) Hilde Hawlicek, die mir gestand, dass sie nur zwei erotische Sänger kenne: Leonard Cohen und Attersee. Das fand ich nett. Meine Stimme, obwohl sie sich sehr verändert hat, löst immer noch etwas aus. Wenn ich „Love Me Tender“ von Elvis singe, kann man mich nicht einmal urheberrechtlich belangen. Weil da stimmt weder Text noch Melodie, nur die Erotik überlebt offenbar in meiner Interpretation.
Christian Ludwig Attersee macht sowohl Kunstlied als auch Schlager. Nach dem verführerischen Schlageralbum „Äpfel der Liebe“ lockt er nun mit einer Sechs-CD-Box voll mit Stücken, die er mit aktionistischen Freunden wie Günter Brus, Ingrid und Oswald Wiener, Hermann Nitsch und Gerhard Rühm gestaltet hat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2012)
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