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Ruhrtriennale: Wo die Skulpturen laufen lernen

20.08.2012 | 16:57 |  Von EVA PFISTER (Die Presse)

Der neue Intendant Heiner Goebbels mag Grenzüberschreitungen: Skulpturen werden lebendig, eine Cage-Oper funktioniert nach Prinzipien des I Ging. Erstmals nimmt das Museum Folkwang an der Ruhrtriennale teil.

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„Stellen Sie sich vor, Sie würden durch das Labyrinth eines Theaters irren und plötzlich auf der Bühne landen!“ Dieses Überraschungsmoment möchten die Kuratoren der Ausstellung „12 Rooms“ bei den Besuchern hervorrufen: keine kontemplative Betrachtung eines toten Kunstobjekts, sondern eine frische, intensivierte Wahrnehmung, Auge in Auge mit den Darstellern der Live-Art von zwölf Künstlern, die Klaus Biesenbach und Hans-Ulrich Obrist im Essener Museum Folkwang versammelten. Man öffnet eine Tür – da liegt ein junger Mann auf einer Sonnenbank und übt französische Vokabeln (Simon Fujiwara: Future/Perfect). Man öffnet eine andere – da lächeln einen die eineiigen Zwillinge an, die Damien Hirst unter zwei nicht identische Punktebilder gesetzt hat. Durch eine halb offene Tür betritt man einen finsteren Raum und nimmt, wenn sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, zwei graue, gesichtslose Gestalten wahr, die am Boden liegen und sich umarmen (Xavier Le Roy: Untitled).

Nicht jede Live-Art von „12 Rooms“ ist neu. Die Frau in der Pose des idealen Menschen (wie in der Zeichnung Leonardo da Vincis), die nackt auf einem schmalen Sattel reitet und auf den zweiten Blick weniger triumphal denn gequält wirkt, ist Marina Abramovis „Luminosity“ aus dem Jahr 1997. „In Just a Blink of an Eye“ verharrt eine zierliche Chinesin unbeweglich wie im freien Fall; diese erstaunliche Studie schuf Xu Zhen über die Situation chinesischer Wanderarbeiter im  Jahr 2005.

Tanz statt Schauspiel

Besonders beeindruckt eine Begegnung mit Santiago Sierras Kriegsveteran: Ein Soldat steht in der Ecke eines Raums, den Blick zur Wand gerichtet. Je länger man allein mit ihm auf dieser imaginären Bühne verweilt, desto mehr spielt sich im Kopf ab: Was geht in ihm vor? Wird er sich plötzlich umdrehen? Was dann? Natürlich wird er sich nicht umdrehen, er ist der Darsteller einer Skulptur, wechselt sich mit einem Kollegen ab und wird bei Schließung des Museums nach Hause gehen, so wie die anderen „Skulpturen“ auch.

Erstmals nimmt das Museum Folkwang an der Ruhrtriennale teil und erfüllt mit diesem Crossover von Kunst und Theater die programmatische Forderung des neuen Intendanten Heiner Goebbels, die „obsoleten Grenzlinien“ zwischen den Sparten zu überwinden. Der mehrfach ausgezeichnete Komponist, Regisseur und Theatertheoretiker wird im September in Oslo den Internationalen Ibsen-Preis entgegennehmen, als einer der „großen Kreativen unserer Zeit“. Der Name Ibsen passt indes nicht so ganz zu dieser zehnten Ruhrtriennale, denn eine konventionelle Schauspielaufführung fehlt im Programm. An den Grenzlinien von Tanz, Performance und Installation bewegen sich die Produktionen, darunter auch neue von Robert Lepage, Anne Teresa De Keersmakers, Romeo Castellucci, dazu Konzerte, eine Neuinszenierung von Carl Orffs „Prometheus“ und – Goebbels Eröffnungsinszenierung – John Cages „Europeras“, das bisher nur ein einziges Mal, 1987, auf die Bühne gebracht wurde.

„Alle einzelnen Elemente und Parameter sind unabhängig voneinander“ lautet das Motto von John Cage, dessen 100. Geburtstag im September ansteht. In „Europeras 1 & 2“ hat der Avantgarde-Komponist Bilder und Töne aus 128 Opern nach dem Zufallsprinzip des chinesischen Orakels I Ging zusammengewürfelt. Die Zeit, deren Verrinnen in der Bochumer Jahrhunderthalle durch große Uhren angezeigt wird, ist der einzige fixe Rahmen. Darin wechseln die Szenerien und Auftritte, die Kostüme und Arien im Minutentakt, überschneiden sich, geraten durcheinander. Entstanden ist ein opulentes Bildertheater, getragen von zehn Sängern, dem Festivalorchester  und 50 „Assistenten“-Statisten, auf denen die Arbeitslast des von Klaus Grünberg verantworteten Bilderzaubers liegt, der vor aller Augen immer neu konstruiert wird.

Man kann sich angesichts dieses Kaleidoskops einzelner Momente allerdings fragen, ob dies wirklich eine Änderung unserer Wahrnehmung provoziert – oder nicht genau im Trend der Zeit liegt:  Clip-Art, wenn auch live und auf hohem ästhetischen Niveau. Den 70 Kids aus dem Ruhrgebiet, die zur offiziellen Festivaljury berufen wurden, könnte es gefallen.

Auf einen Blick
Die Ruhrtriennale wechselt alle drei Jahre ihren Intendanten. Den Anfang machte 2002 Gerard Mortier, es folgten Jürgen Flimm, Willy Decker und nun Heiner Goebbel. „12 Rooms“ im Museum Folkwang ist bis 26. August zu sehen, die Oper „Europeras 1 & 2“ wird bis 2. September gezeigt. Insgesamt sind 30 Produktionen eingeladen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2012)

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