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Buchstabensuppe und Kitschalarm über Linz

02.09.2012 | 18:25 |  von Thomas Kramar (Die Presse)

Die Linzer Klangwolke bot eine sinnlos bombastische Technikrevue. Sie war heuer ins Festival integriert, das unter dem Motto "The Big Picture" stand. Mit viel Wissenschaftskunst.

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Willkommen im 21.Jahrhundert!“, ruft eine freundliche Stimme, dann erklingt der Donauwalzer zu Heimorgelrhythmen, und im Himmel tanzen bunte Hubschrauber dazu. Nächste Durchsage: „Wir sind das Volk. Wir sind das Netz. Wir sind die 99Prozent. (...) Ob wir die Herausforderung meistern, liegt an uns allen.“

Nein, das war jetzt nicht die Belangsendung der HHPÖ (Harmonie- und Heimatpartei Österreichs), das war eine Szene der Linzer Klangwolke 2012. Die, kurz gesagt, kitschig und banal wie schon lange keine Klangwolke war. Das ist aus zwei Gründen besonders enttäuschend. Erstens hat heuer die Ars Electronica, die bisher die Klangwolke eher als peinliche Traditions- und Massenveranstaltung am Rande ihres Festivals behandelt hatte, aktiv mitgewirkt.

Gewiss, das hat ganz handfeste Gründe in einer Subventionskürzung: Die Ars konnte sich ein eigenes großes nicht mehr leisten und beschloss, heuer die traditionelle Klangwolke (wieder) gemeinsam mit dem Brucknerhaus zu veranstalten. Eine gute Idee, doch man hätte sich von diesem Festival, das ja doch ein gewisses Niveau hat, Intelligenteres erwartet als eine seichte, musikalisch großteils inferiore Fortschrittsrevue.

Zweitens war der Ansatz vielversprechend: 5000Leuchtbuchstaben für Linzerinnen und Linzer, die die Buchstaben selbst schmücken und sie/sich zu Wörtern und Sätzen formieren konnten. Ein volksfestliches Mitmachtheater wie die Klangwolke 2009 (als apokalyptische Tiere durch die Stadt spazierten), mit Voest-Alpine-Blasorchester beim Auftakt auf dem Hauptplatz usw. Bei der eigentlichen Klangwolke leuchteten und blinkten die Buchstaben zwar eindrucksvoll, hatten aber gegen all den Bombast keine Chance.

 

Vier Buchstaben und ein Urapfel

Schade. Man hätte noch so gut mit den Lettern spielen können. Etwa mit vier davon: C, G, T und A, die bekanntlich für die vier Basen der DNA stehen. Wissenschaftler und Künstler, vor allem Computerkünstler, sind anhaltend fasziniert von diesem quaternären Code, von diesem knappen Alphabet, in dem, wie man gravitätisch sagt, das Leben geschrieben ist. So übersetzte der Biophysiker Max Delbrück 1958 den Satz „I am the riddle of life, know me and you will know yourself“ in „Gensprache“; da man damals noch nicht so gut DNA synthetisieren konnte, bastelte er nur ein Model aus Zahnstochern. Der US-Künstler und -Forscher Davis hat ihn mit professioneller echt synthetisiert (und das schon 2000 bei der Ars gezeigt).

Ein typisches Werk dieses klugen Kauzes, der auch buddhistische Gebetsfahnen mit DNA bedruckt, den Klang von Bakterien ergründet („Bacterial Radio“), die Signaturen vaginaler Kontraktionen per Teleskop ins Weltall sendet, ein Gen einer archaischen Apfelsorte aus dem Kaukasus als „Eden Protein“ sequenzieren lässt. Er war heuer so etwas wie der Patron des Festivals. Als Neopythagoräer meint er, jeder Künstler müsse Mathematik studieren; als typischer Amerikaner glaubt er an die Wissenschaft, an das wissenschaftliche Weltbild, das der Kanadier Adam Bly – ebenfalls Teilnehmer am heurigen Ars-Symposium – noch etwas treuherziger vertritt: Er glaubt an eine „wissenschaftliche Renaissance des 21.Jahrhunderts“ und daran, dass die Physik „die Existenz dunkler Energie nachgewiesen“ hat.

Das wissenschaftliche Weltbild ist im Grunde das „Big Picture“, nach dem die Ars heuer programmatisch suchte – im Bewusstsein, dass Wissenschaft und Kunst einander bei der Suche nach Bildern für die Welt helfen können. So zeigt „Authagraph“, dass Weltkarten nicht den Norden größer als den Süden darstellen müssen. So präsentierte die Mathematikerin Gabriele Lohmann von NMR-Methoden erzeugte Bilder unseres Gehirns, aus denen man keineswegs Gedanken lesen kann, wie sie zugab. Dennoch erklärte sie fast überrascht: „The duality of body and soul may have been an illusion.“ Als ob das nicht seit immer die Arbeitshypothese der Hirnforschung gewesen wäre!

Zwar nicht von Seele, aber von „Herz“ spricht der Roboterforscher Hiroshi Ishiguro– auch er ein Stammgast der Ars – gern: Er baut derzeit Androide zum Umarmen („Hugvie“) und Smartphones in Gestalt flauschiger Puppen, die einem helfen sollen, „die Präsenz des Gesprächspartners zu spüren“. Ob solch kuscheliges Gewand für die Datengeräte auch jene Menschen besänftigen kann, die fürchten, dass immer mehr scheinbar privates Wissen über ihr Leben öffentlich ist? Man kann das „Big Picture“ als Bild im Hirn eines „Big Brother“ interpretieren, auch das ist ein altes Thema der Ars. Heuer nahm sich etwa Seiko Mikami seiner an: Ihre Installation „Desire Of Codes“ wird im Kunstmuseum Lentos groß präsentiert, sagt aber weder inhaltlich noch ästhetisch etwas Neues: Ja, man kann sich einbilden, dass die Kameras einen verfolgen, aber man muss sich dafür schon anstrengen. Und vor allem spürt man nichts von der „Schaulust der Maschine“, die im Katalog erwähnt wird.

Nein, diese Maschine ist lustlos. Und „das Netz“ hat keinen Willen, es ist kein Subjekt, das Daten gegen uns ansammelt, es ist vielleicht „Außer Kontrolle“ (so heißt heuer die einschlägige Schau im Ars Electronica Center), aber das heißt ja auch, dass kein großer Bruder die Fäden zieht. Obwohl: Für die Klangwolke 2012 würde man gern einen solchen verantwortlich machen...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2012)

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4 Kommentare

"Man hätte noch so gut...

...gut mit den Lettern spielen können. Etwa mit vier davon: C, G, T und A, die bekanntlich für die vier Basen der DNA stehen."

Danke für die Belehrung, liest man immer gerne. Und wie hätte die Basenpantscherei zur Klangwolke gepasst?

So ein Scheiß!

ich war unter Den 90.000 Zuschauern und muss sagen, dass die klangvolle echt genial war!

Höchstwahrscheinlich war der author dieses Artikels nicht mal dabei!

Gast: Der Münchner
03.09.2012 10:28
2 0

Toll

Bin extra wg. der Klangwolke nach Linz gekommen und kann nur sagen: Prima. Linz ist aber nicht nur wg. der Klangwolke eine Reise wert!

grüße aus Deutschland

Gast: Der Freie Geist
02.09.2012 21:26
1 0

Bericht

Ich war de facto dabei! Da ich die Klangwolke heuer zum ersten Mal sah, war sie für mich spektakulär. Ein Freund aus Linz, der jährlich diese Veranstaltung besucht, bestätigt, dass die Show nicht die Beste war...