Die Kunstgeschichte ist eine arrogante Schnepfe. Aber ärgerlicherweise hat sie meistens recht. Es gibt zum Beispiel nicht viele Künstlerinnen, die zu Unrecht vergessen wurden. Es gibt nur viel zu viele Künstler, die zu Unrecht nicht vergessen wurden. Oder nehmen wir die Kunstgeschichte unserer östlichen Nachbarländer her, aus aktuellem Anlass Ungarn. Da fällt uns zwischen den Polen Mihály Munkácsy (1844–1900), der das Stiegenhaus-Hauptbild des Kunsthistorischen solide beigesteuert hat, und László Moholy-Nagy (1895–1946), Mitglied der Bauhaus-Akademie, nicht leicht jemand ein, der Wesentliches zur Entwicklung der Moderne beigetragen hätte.
Dass diese Lücke kein Vakuum war, davon erzählt uns jetzt die neue große Ausstellung im BA-Kunstforum. Dass diese Lücke, die die beginnende ungarische Moderne in unserem Gedächtnis hinterlassen hat, diese in der Regel auch vollständig ersetzt, davon bekommt man hier aber auch eine Ahnung. Obwohl der Name der Gruppe, die nur wenige Jahre, nur zum Beginn einer ästhetischen Revolution eine solche war, überzeugt: „Die Acht“ nannten sich die jungen Burschen pragmatisch, als sie von Paris wieder heimkehrten, um die schwer traditionelle, spätimpressionistische, symbolistische Kunstszene ihrer Heimat aufzumischen.
In Paris hatten sie den Aufbruch der „Fauves“, der „Wilden“, erlebt – Matisse, Derain und Vlaminck. Sie hatten Cézanne und Picasso kennengelernt und in den Salons von Gertrude Stein und beim Kunsthändler Ambroise Vollard verkehrt. 1909 zeigten sie ihre in diesem neuen Geiste entstandenen Bilder erstmals in einer Galerie in Budapest, sie waren die Speerspitze der Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen in Ungarn, zu ihrem Kreis zählte auch der Komponist Béla Bartók oder der Philosoph György Lukásc. Wie es sich damals so gehörte, wurde die Ausstellung von Presse und Bürgertum zerfetzt – „grünhaariges Monster“ schimpfte man etwa das Selbstporträt von Dezsö Czigány. Es war aber auch das erste Bild, das verkauft wurde, erzählt die Wiener Kuratorin Evelyn Benesch, die gemeinsam mit zwei ungarischen Kollegen die Schau gestaltete.
Diese folgt grob den drei gemeinsamen Ausstellungen, die „Die Acht“ bestritten. Endend mit einem skurrilen Auftritt in Wien, den man besser nicht erfinden könnte: 1914 lud das Wiener Künstlerhaus das Budapester Künstlerhaus zu einem Gastspiel ein, dessen Mitglied „Die Acht“ waren. Ein pures Versehen, denn eigentlich hatte man die Kollegen der konservativeren Budapester Kunsthalle einladen wollen. So aber kam man in Wien in die Verlegenheit, zwei Maler der unerwartet anreisenden Gruppe wieder ausladen zu müssen, es waren die beiden progressivsten oder eigenwilligsten Vertreter der „Acht“, Róbert Berény und der taubstumme Lajos Tihanyi, der vor allem Selbstporträts schuf. Wenn man sich diese beiden Namen merkt, hat man seine Schuldigkeit schon getan.
Die beiden kamen in dem heute völlig unbekannten Kunstsalon Bük in der Wiener Innenstadt unter. Was auch ein Ende der „Acht“ markierte, die erst rund hundert Jahre später, als Pécs 2010 Kulturhauptstadt war, in einer großen gemeinsamen Ausstellung wieder als Phänomen entdeckt wurden. Jetzt bekommen auch wir Nachbarschaftsnachhilfe. Und das ist total okay so.
Bis 2. 12. tägl. 10–19 h. Fr. 10–21 h.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2012)
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