Maximilian I., der Ritter mit dem Publicity-Tick

Habsburgerkaiser Maximilian I. wusste an der Wende zur Neuzeit, wie man sich multimedial als Sieger inszeniert. Der „uomo universale“ nutzte alle zur Verfügung stehenden Kanäle, auch die der Kunst.

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Noch immer, fast fünf Jahrhunderte nach seinem Tod 1519, gilt Maximilian I. hierzulande als „der letzte Ritter“, als Habsburgerkaiser, der eine große Vergangenheit nostalgisch verbrämte. Dabei war dieser Herrscher auch ein moderner Mensch, der sich in seiner Großmachtpolitik eher an Niccolò Machiavellis zynischem Fürstenspiegel „Il Principe“ orientierte als an mittelalterlichen Heldenepen, die er angeblich gern las. Seine Mutter Eleonore, Gattin des zaudernden alten Kaisers Friedrich III., habe diese Träume genährt, heißt es in der Überlieferung, immer wieder habe sie ihrem Söhnchen heroische Sagen aus ihrer Heimat Portugal erzählt.

Albertina: Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit



Aber solche Geschichten sind mit Vorsicht zu behandeln, denn auch Maximilian war ein großer Märchenerzähler – ein PR-Genie, das einen ganzen Kreis von Humanisten beschäftigte, die ihren Mäzen mit Schriften über seine großen Taten glorifizierten. Wie kalkuliert Hofgeschichtsschreibung und Selbstdarstellung damals waren, kann man im Katalog zur eben eröffneten Ausstellung in der Albertina erfahren: „Kaiser Maximilian I. und die Dürerzeit“ (Prestel Verlag) beschäftigt sich in zwei Essays speziell mit Biografie und Rezeptionsgeschichte jenes Mannes, der 1477 Herzog von Burgund wurde, 1486 deutscher König, 1493 Erzherzog von Österreich, 1508 schließlich Kaiser des Heiligen Römischen Reiches.

Die Verräter: Fürwittig, Unfallo, Neydelhart

Eine der Storys, die von frühen Prägungen durch die Mutter angeregt worden sein könnte, ist der „Teuerdank“, eine Selbstverherrlichung in reimpaarigen Versen. Der Titelheld unternimmt eine Werbungsfahrt. Als Ritter will er Hand und Herz der holden Königin Ernreich gewinnen. Ihr eben verstorbener Vater hatte die Verbindung gefördert – aus gutem Grund, denn diesen jungen Helden muss man sich als eine Mischung von Errol Flynn und Ryan Gosling vorstellen. In 88 Kapiteln erweist sich Teuerdank als Seriensieger bei illustren Turnieren. Verräterische Hauptleute mit sprechenden Namen – Fürwittig, Unfallo und Neydelhart – können ihm mit Hinterhalt und wildesten Intrigen nichts anhaben. Der künftige König übersteht Schiffbruch, Krankheit und jedwede Gefahr unbeschadet. Die Bösen werden schließlich hingerichtet, Ernreich schmilzt dahin vor dem „besten aller Ritter“. Fröhlich geht ihr das Ehegelöbnis von den Lippen, doch erst noch muss der Mann hinaus in die Welt, um die Heiden im Morgenland zu besiegen, ehe die Hochzeit vor der Apotheose im Schlusskapitel folgt.

Parallelen des fiktiven zum richtigen Leben sind gewollt, Maximilian hat seinen Humanisten einen Schlüsselroman diktiert. Mit 18 hatte er 1477 in Gent Erbherzogin Maria von Burgund geheiratet, die Tochter Karls des Kühnen. Die Bösen sind die niederländischen Stände. Und der Kreuzzugsplan war lebenslange Utopie. „Teuerdank“ erschien 1517 in Augsburg, zwei Jahre vor dem Tod des Kaisers, das Buch wurde im selben Jahrhundert noch sechsmal nachgedruckt.

Eine Rohfassung, multimedial und hochmodisch angereichert mit Holzschnitten und Zeichnungen, blieb zu Lebzeiten Maximilians Prosa-Historie „Der Weißkunig“. Auch hier geht es, im ersten Teil, um Brautwerbung, um die des alten weisen Königs (Friedrich III.). Es folgt die Geschichte des jungen weisen Königs (Max). Er ist ein Superstar, der beste Fechter, Reiter, Jäger, beherrscht die magischen und mechanischen Künste sowie sieben Sprachen. In kurzer Zeit überflügelt er seine Lehrer. Noch einmal wird geheiratet, die Tochter des „Kunigs vom Fewreyßen“ (Maria von Burgund), dann geht es in den Kampf der Weißen gegen die Blauen (die bösen Franzosen).

Holländer sind grau, Ungarn sind grün

Den einzelnen Mächten sind Symbole und Farben zugeordnet, der Fisch Venedig, der Schwan Cleve, das Graue den Holländern, das Grüne den Ungarn. Die Gegner sind von Anfang an moralisch zweifelhaft, ehrenvoll ist nur der Weißkunig, ein „uomo universale“, ein Fürst der Renaissance. Maximilian I. wollte seinen ganzen Ruhm dargestellt wissen – in Grafik, Plastik und Literatur, sogar in Latein. Er gab bei Richard Sbrulius den „Teuerdank“ als Hexameter-Heldengedicht „Magnanimus“ in Auftrag.

Wie aber schaute die Realität aus? Nüchtern. Maximilian, der in seinen burgundischen Jahren, in einer fortschrittlichen Region, gelernt hatte, europaweit zu denken, herrschte in Wendezeiten, musste Dutzende Kriege führen, um seine Gebietsansprüche zu verteidigen.
Im Westen wurde Frankreich zum großen Rivalen, im Osten drängten die Osmanen. Das Reich war für die expansiven Pläne des Kaisers eher ein Hemmnis. Ständig plagten ihn Finanzprobleme. Er lernte taktieren, setzte in den Erblanden Reformen durch, blieb beharrlich, wenn es um langfristige Strategien ging. Er strebte nach Hegemonie. Als sein Enkel Karl Kaiser wurde, konnte der ein Weltreich etablieren. Das hatte der letzte Ritter konsequent vorbereitet. So wie seinen Nachruhm. Der weise König sagt: wer ime in seinem leben kain gedachtnus macht, der hat nach seinem tod kein gedächtnus und desselben menschen wird mit dem glockendon vergessen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2012)

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