Fast ein Jahrhundert stand das Haus leer. Der Bau hatte 1910 begonnen, aber der I.Weltkrieg unterbrach die Fertigstellung. Bald pfiff durch die leeren Stockwerke laut der Wind, auf dem Bosporus weht meist eine heftige Brise. Die Bewohner rundherum an der wunderbaren Promenade von Istanbul tauften es das „Geisterhaus“, auf Türkisch „Perili Kösk“. Erst am Ende des 20. Jh.s begann die Renovierung und Fertigstellung, einige Jahre später mietete die Borusan Holding diese außergewöhnliche Terrassenarchitektur für die zentrale Verwaltung des Unternehmens an.
Außen blieb die historische Architektur mit den neun Stockwerken erhalten, innen ist alles für die Büroräume adaptiert. Seit einem Jahr ist Perili Kösk öffentlich begehbar, zwar nur an Wochenenden, dafür aber mit Kaffeehaus. Nicht nur die Architektur und der grandiose Blick locken die Besucher, sondern vor allem Ahmed Kocabiyiks Sammlung zeitgenössischer Kunst, verteilt im gesamten Haus. Borusan Contemporary ist nicht das erste Privatmuseum in Istanbul. Zeitgenössische Kunstförderung in der türkischen Metropole ruht auf Privaten.
Vielleicht hat sich darum auch die Galerien- und Museumsszene in solch atemberaubendem Zeitraffertempo entwickelt. Lange war die 1987 gegründete – bis heute ebenfalls privat finanzierte - Istanbul Biennale die einzige Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die aber kaum auf Interesse in der Stadt stieß. 2001 eröffnete dann das Proje 4L/Elgiz Museum als erstes Privatmuseum, Ende Dezember 2004 folgte das Istanbul Modern, heute sind es bereits zehn Häuser, dazu eine global agierende Galerienszene, und es gibt auch immer mehr international bekannte Künstlerinnen und Künstler.
Zu den interessantesten Sammlungen gehört Kocabiyiks „Borusan Contemporary“. Er begann vor 25 Jahren mit türkischer Kunst, seit zehn Jahren wird weltweit gesammelt. Auch wenn heute in seinen Büroräumen Werke von Jim Dine über Sol LeWitt bis Axel Hütte hängen, das Treppenhaus mit einer Wandtapete voller farbiger Röhren von Peter Kogler besetzt ist, zielt der Unternehmer nicht nur auf berühmte Namen. Es ist eine höchst individuelle, spannende Sammlung, die Interesse an seriellen Strukturen, abstrakten Konzepten und oft starken Farben aus allen Kulturen zeigt. Zweimal im Jahr wechselt die Präsentation im Haus, dreimal im Jahr finden in den beiden unteren Etagen Wechselausstellungen statt. Es sind schwierige Räume, mit unruhigem Grundriss, Säulen mittendrin, lauten Lampen an der Decke und einer breiten Tür ins Treppenhaus. Zuletzt war Gerwald Rockenschaub eingeladen, jetzt Brigitte Kowanz – Kocabiyik scheint ein Faible für Österreich zu haben. Es ist eine großartige Ausstellung, die Kowanz hier installiert hat. Eingeladen von der jungen Kuratorin Kathleen Forde zeigt sie zwölf neue Lichtobjekte. Edelstahl, Spiegel oder auch dunkle Flächen dienen als Hintergrund von Neonröhren, die im Kurz-Lang-Rhythmus des Morsealphabets Worte wie „Volumen“ oder „Reich der Möglichkeiten“ formen. Gleichzeitig als Titel verwendet, eröffnen diese Worte einen ähnlich unkonkreten, grenzenlosen Raum wie die Spiegelungen und Reflexionen des Lichts.
Von jedem Ort im Raum sind in den Objekten andere Lichtwelten zu sehen, die sich zudem in den verspiegelten Säulen unerwartet miteinander verbinden, vervielfältigen und ein einziges großes Raumbild entstehen lassen. Eine grenzenlose Wirklichkeit jenseits unserer Raumvorstellung entsteht. Je weiter wir hineindringen möchten, desto unsicherer werden wir, nicht nur in unserer räumlichen Verortung. Die endlosen Reflexionen schaffen keine rationale Klarheit, sondern das Gegenteil: Oben und unten, vorne und hinten, innen und außen sind unentflechtbar verwoben.
Neonklare, unendliche Perspektiven
Diese Entgrenzung, gerade hier in unmittelbarer Nähe der Fatih-Sultan-Mehmed-Brücke, ist spannend. Die Brücke verbindet den europäischen mit dem asiatischen Kontinent. Der Namensgeber der Brücke eroberte 1453 Konstantinopel und beendete das Byzantinische Reich. Sein Sieg wurde als epochale Zeitenwende empfunden. Bis heute nehmen wir Asien und Europa als getrennte Welten wahr, lesen Geschichte als Momente von Abgrenzungen, Zäsuren, anstatt den Blick auf Verbindendes zu richten.
In Kowanz' Raumbild liegen Erkenntnis und Schönheit in unaufhörlichem Ineinander. In dieser Architektur des Lichts betreten wir eine Welt, die erst durch die vielen Perspektiven entsteht, neonklar, unendlich und so zeitlos, dass darin Kontinente zusammenfinden - und selbst jener Geist, den die Nachbarn in diesem Haus zu hören glaubten, zur Ruhe gekommen ist.
Brigitte Kowanz, 1957 in Wien geboren, gehört zu den bekanntesten österreichischen Künstlerinnen und unterrichtet Medienkunst an der „Angewandten“. Ihre Lichtskulpturen (Now I see, ad infinitum) sind Klassiker. Ausstellung: „Cut a long story short“ (Langer Rede kurzer Sinn), Borusan Contemporary, Istanbul, Baltaliman Hisar Cad 5, bis 20.1.2013, offen nur am Wochenende.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2012)
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