Elisabeth und Gott Achilles: Eine griechische Liebschaft

Zerrissen zwischen Österreich und der Welt, zwischen Verpflichtung und Freiheit. Das Hofmobiliendepot behandelt zum 175. Geburtstag die Reisen der Kaiserin.

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(c) ORF

Die reisende Kaiserin, die Ausreisende, die Ausreißerin – Elisabeth wird gern als getriebene, rastlose Reiselustige gezeichnet. Tatsächlich spielen Reisen in der Biografie Sisis (diese Schreibung hat sich offenbar durchgesetzt) eine ambivalente Rolle: Einerseits sind sie wegen des tragischen Tods ihrer Erstgeborenen Tochter Gisela Trauma, andererseits immer Erholung von den krankmachenden Umständen in der Habsburger-Hauptstadt, boten sie Ablenkung von der beschwerlichen und krisenreichen Ehe mit Franz Josef.

Ende des 19. Jahrhunderts – es ist wahrlich eine Zeit für vornehme Reisen: Die Schienen der Eisenbahn führen dank industrieller Revolution tief in den Kontinent, der Kaiserin stehen auch die Schiffe der k.u.k. Kriegsmarine zur Verfügung, mit denen sie weit entfernte Ziele erreichen kann. Die Archäologie erlebt durch Heinrich Schliemanns unerbittliche Suche nach Troja, dem sagenhaften Schauplatz aus Homers Epen, eine fürstliche Renaissance. Nun interessiert sich der europäische Adel ganz besonders für Italien und Griechenland, möchte in die Fußstapfen der mythologischen Könige, Helden und Götter treten und begibt sich daher auf Erkundung. Sehen und gesehen werden: Die Fotografie kommt da genau gelegen und kann diese symbolträchtigen, bedeutungsschwangeren Momente einfangen – der Adel und sein Streben nach Gottheit.

Sisis Reisen können als Ausdruck der Zerrissenheit der Kaiserin zwischen Wien und der Welt, Verpflichtung und Freiheit gesehen werden. Und zugleich auch als Verbindung dieser gegensätzlichen Werte: Das zeigt ihre Vorliebe für bedeutende, erhabene, königliche – ja göttliche Orte. Und nicht zuletzt hat Sisi durch ihren umfangreichen Reisehofstaat Wien überall hin mitgenommen – oder neu errichtet.

 

„Nur seinen Träumen gelebt“

Achilleion – so hat Sisi ihr 1891 errichtetes, prunkvolles Domizil auf Korfu genannt. Inspiriert von ihrem Lieblingshelden der griechischen Mythologie, Achilles, mit dem sie sich identifizieren konnte, verbunden fühlte. „Er hat nur seinen eigenen Willen heilig gehalten und nur seinen Träumen gelebt, und seine Trauer war ihm wertvoller als das ganze Leben“, zitiert ihr Griechisch-Lehrer Constantin Christomanos Kaiserin Elisabeth in seinem Tagebuch. Die Skulptur des sterbenden Achilles mit dem Pfeil in der Ferse vom Berliner Bildhauer Ernst Gustav Herter beeindruckte die Kaiserin derart, dass sie diese im Achilleion aufstellen ließ: an zentraler Stelle, im Park am Aufgang zur Villa, als Willkommensgruß.

Aber Sisi liebte nicht nur Achilles, sondern auch die Insel Korfu, generell Griechenland, die griechische Mythologie und Geschichte. Die Kaiserin lernte Alt- und Neugriechisch, übersetzte Epen, schrieb Gedichte und unternahm während ihrer Aufenthalte auf Korfu ausgedehnte Spaziergänge, Erkundungstouren durch das anliegende Gebiet. „Jedesmal, wenn wir ein Ziel unserer Ausflüge erreichen – und das sind meistens die Grate der Berge, von denen man auf beide Meere ausblicken kann –, da ist es wirklich, als ob sie in ihr Königreich feierlich Einzug hielte, als ob sie erst Kaiserin über sich selbst würde“, beobachtete Christomanos.

Ein weiteres Symbol zieht sich durch die Ausstellung im Hofmobiliendepot, nämlich der Delfin. Er ist auf Gläsern und Vasen aus der Villa Achilleion eingraviert, das Porzellan des Anwesens damit bemalt. Auch Sisis Bademantel ziert er klein und feinst gestickt. Der Delfin – heilig in der griechischen Mythologie, sagenumwoben im Altertum – bedeutete für die Kaiserin die Verbindung zwischen Wasser und Erde, Leben und Tod. Er war das Zeichen für Sisis Liebe zum Meer, aber auch für ihre Beschäftigung mit dem Jenseits.

Im Hofmobiliendepot sind Delfin und Achilles Metaphern für das ganze Dasein. Die dramatische Kaiserin hat sich bewusst mit ihnen umgeben. Diese ohne Schnörkel und Kitsch inszenierte Ausstellung zeichnet das Bild einer reisenden Kaiserin zwischen Flucht und Sehnsucht, Fern- und Heimweh, Selbstfindung und -darstellung. Stimmungsvolle Aquarelle der Villa ergänzen Reiseutensilien, prachtvolle Kleider, Möbel und verschiedene Sammlungen der Kaiserin – Stücke österreichisch-griechischer Geschichte.

Sisi auf Korfu, Hofmobiliendepot, bis 27.Jänner 2013, Di bis So: 10–18h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2012)

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