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Die japanische Sonne ist ein Kreis

27.09.2012 | 18:28 |  BETTINA STEINER (Die Presse)

Die Ausstellung "Japan" Fragilität des Daseins - zeigt uns, warum wir Japan nicht verstehen. Kernstück ist die Sammlung Genzō Hattori. Der große Vorteil der Ausstellung ist, dass sie Jahrhunderte umspannt.

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Japan ist uns fremd. Wir rätseln, wie die Japaner nach Fukushima diese Beherrschung an den Tag legen konnten, wir staunen über Rituale wie die Teezeremonie, wir versenken uns gern in Geschichten von Geishas, wir bewundern ihre Kunst. Aber verstehen? Was verstehen wir, wenn wir eine „Kiefer im Schnee“ von Yamamoto Shunkyo sehen? Erkennen wir die zugrunde liegenden Konzepte von Harmonie und Ausgleich, die Symbolik von Vergangenheit und Werden, von denen der Katalogtext spricht? Was wissen wir schon von Buddhismus und Taoismus, die uns den Weg zum Herzen dieser Kunst zeigen sollen?

Westliche Besucher nähern sich darum dem Thema am besten mithilfe einer Gegenüberstellung: Der österreichische Künstler Roman Scheidl hat die „100 Ansichten des Berges Fuji“ von Hokusai (1760–1849) paraphrasiert, jenem Künstler, dessen „Große Welle vor Kanagawa“ im Zuge des Tsunami so bekannt geworden ist, dass sie sich nach wie vor unter den ersten Bildvorschlägen findet, wenn man dieses Stichwort googelt. Scheidls Tuschzeichnungen hängen also in der Ausstellung neben den Holzschnitten des Japaners, und nichts macht die Unterschiede zwischen europäischer und japanischer Kunstauffassung deutlicher als diese Annäherung: Auch wenn Scheidl denselben Bildausschnitt wählt, dasselbe Motiv und eine fast japanisch anmutende Pinselführung: Seine Bilder sind belebt.

Das bedeutet nicht, dass auf Hokusais Gemälden keine Figuren vorkämen: Auch bei ihm sehen wir Fischer im tosenden Meer. Aber nur bei Roman Scheidl fragen wir uns, ob sie es bis ans Ufer schaffen werden. Beide zeigen uns Träger auf ihrem beschwerlichen Weg. Aber bei Scheidl dreht sich eine Figur zu den anderen um, und das reicht, um das Bild eine Geschichte erzählen zu lassen – oder besser: Es reicht, damit der Betrachter beginnt nachzufragen: Ist es vielleicht eine Mutter, die ihre Kinder zum Aufbruch mahnt?

 

Das Geäst der Bäume, die Gischt der Welle

Die bildende Kunst Europas vor der Moderne – und diese Moderne hat einiges bei der japanischen Grafik abgekupfert! – funktioniert sehr oft wie ein Roman. Die japanische Kunst dagegen erinnert an Lyrik – an jene Haikus auch, die quer durch die Ausstellung verstreut sind. Da geht es so wenig um Psychologie, dass Kurator Diethard Leopold, wie er im Rahmen der Pressekonferenz erzählte, von der Tuschzeichnung Kanō Tanyūs annahm, sie zeige einen Taoisten. Das wäre ein Sinnbild großer Sammlung. Dabei sehen wir, wie sich herausstellte, einen chinesischen Hofbeamten auf dem Weg in die Verbannung. Sinnbild großer Einsamkeit.

Oder um es noch klarer zu machen: Die japanische Kunst ist an Gefühlen so wenig interessiert, dass nicht einmal Darstellungen des Geschlechtsakts auf den westlichen Betrachter obszön wirken. Wir sehen bloßgelegte, vergrößert gemalte Penisse und Vulven, wir sehen Männer und Frauen ineinander verkeilt – aber wir sehen eben nur einen Geschlechtsakt, keinen Sex. Die Gesichter wirken wie jene Masken, die wir aus dem Nō-Theater kennen.

Es wäre aber ein Fehler anzunehmen, den Künstlern ginge es statt um den Menschen eben um die Natur. Denn auch diese ist nur Anlass, Impuls, sie liefert Versatzstücke, aus denen sich wunderbar harmonische Bilder komponieren lassen: Der japanische Mond ist ein Kreis, der Fluss ist ein Band, der Horizont ist ein Strich, der berühmte Berg Fuji ein Dreieck. Andere Motive, die sich immer wieder finden, erfüllen ähnlich klare ästhetische Zwecke: In der Opposition Flächigkeit versus Kleinteiligkeit, aus der die Arbeiten einen Teil ihres Reizes beziehen, spielen das Geäst der Bäume, die Gischt der Wellen eine wesentliche Rolle.

Das klingt nun weniger anregend, als es ist. Das klingt sehr regelhaft. Aber oft ergibt sich – wie wir aus der Lyrik mit ihren Reimen und Versmaßen wissen – gerade aus der (Selbst-)Beschränkung das Bezauberndste, Anrührendste. Wer die Schwertlilien des Hiroshige gesehen hat, wird sie schwer vergessen, auch wenn er die dahinterliegende Philosophie nicht kennt.

Der große Vorteil der Ausstellung im Leopold-Museum ist, dass sie Jahrhunderte umspannt: Die Sammlung Genzō Hattori reicht bis ins zwölfte Jahrhundert zurück und zeigt auch Netsuke und Kalligrafie, wobei Diethard Leopold, der Sohn Rudolf Leopolds, darauf hinweist, dass in Japan die Schrift betrachtet, die Bilder gelesen werden. Auch dieser Aspekt wurde in Europa von der Moderne aufgenommen, man denke an die Konkrete Poesie. Das 19.Jahrhundert wird vor allem durch Holzschnitte abgedeckt, die Rudolf Leopold mit kundigem Blick erworben hat, es sind Arbeiten von bekannten Meistern, die nun endlich gezeigt werden.

Leopold-Museum: „Japan – Fragilität des Daseins“, bis 4. Februar 2013.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2012)

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2 Kommentare

dieser artikel ist mir fremd

Japan als fremd zu stilisieren, scheint eine ganz bequeme Methode zu sein, wenn man keine Ahnung hat und trotzdem etwas schreiben muss.

Es braucht eben, wie bei jeder Kunst, auch bei der japanischen eine gewisse (keine allzu große) Vertrautheit, um darin mehr als starre Masken zu erblicken. Gerade die bewegten Bilder Hokusais sind aber ein sehr einfacher Einstieg in diese Richtung. Hier den Humor und die menschlichen Details nicht zu erkennen, bedarf schon eines soliden Vorurteils um nicht zu sagen Borniertheit.

Das Problem ist, dass immer noch so getan wird, als könne man bei der japanischen Kunst bei Null anfangen. Aber es gibt seit über hundert Jahren eine Beschäftigung damit, sie ist uns vertrauter als wir meinen.

Daher meine Bitte an die Herausgeber dieser Seite/dieser zeitung: Man braucht nur ein bisschen suchen und findet sehr wohl Leute, denen Japan nicht ganz fremd ist: Bitte beim nächsten Mal diese zu Wort kommen lassen.

Bescheid (Wien)

Gast: bescheid
28.09.2012 15:54
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dieser artikel ist mir fremd

Japan als fremd zu stilisieren, scheint eine ganz bequeme Methode zu sein, wenn man keine Ahnung hat und trotzdem etwas schreiben muss.

Es braucht eben, wie bei jeder Kunst, auch bei der japanischen eine gewisse (keine allzu große) Vertrautheit, um darin mehr als starre Masken zu erblicken. Gerade die bewegten Bilder Hokusais sind aber ein sehr einfacher Einstieg in diese Richtung. Hier den Humor und die menschlichen Details nicht zu erkennen, bedarf schon eines soliden Vorurteils um nicht zu sagen Borniertheit.

Das Problem ist, dass immer noch so getan wird, als könne man bei der japanischen Kunst bei Null anfangen. Aber es gibt seit über hundert Jahren eine Beschäftigung damit, sie ist uns vertrauter als wir meinen.

Daher meine Bitte an die Herausgeber dieser Seite: Man braucht nur ein bisschen suchen und findet sehr wohl Leute, denen Japan nicht ganz fremd ist: Bitte beim nächsten Mal diese zu Wort kommen lassen.