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GlobArt Academy: Nein, John Cage muss nicht fad sein

01.10.2012 | 18:34 |  THOMAS KRAMAR (Die Presse)

„Experimente“ war heuer das Motto der GlobArt Academy- Tagung in Krems, die Kunst und Wissenschaft verbinden soll. Ein Schwerpunkt war das Werk von John Cage.

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Im Zen-Buddhismus sagt man: Wenn dir etwas nach zwei Minuten langweilig ist, dann probiere es vier Minuten lang. Wenn dir dann noch immer langweilig ist, dann acht Minuten. Und so weiter: 16, 32, 64,... Schließlich wirst du merken, dass es gar nicht langweilig ist.

Dieser Aphorismus, wenn man es denn so nennen kann, ist aus John Cages „Indeterminacy“ (1958/59), einer Sammlung von 30 bzw. 90 Texten, die gelesen je eine Minute dauern sollten. Er fand sich auch in der Auswahl, die Elke Tschaikner und Christian Scheib zum Ausklang der GlobArt Academy im Kloster Und vortrugen.

Es ist ein Aphorismus, der nett daherkommt, aber eine arge Zumutung ist. Weil er unterstellt, dass Langeweile nur im Hirn des Betrachters liege. Weil er den Hörer, den Seher nötigt, sich seiner Langeweile zu stellen. Genau diese Zumutung ist es, die unsereins oft von John Cage, aber auch anderen Exponenten der modernen E-Musik, abhält: die Androhung der Langeweile, die wir ertragen müssen. Und/oder die Angst, dass uns geht wie dem Herrn, den einst Bob Dylan in seiner „Ballad Of A Thin Man“ verhöhnte: „Something is happening but you don't know what it is – do you, Mister Jones?“

 

Hinterhäuser: Einfühlsame Interpretation

Zugegeben: Bei der Vorführung von John Cages Film „One“ ging es einem leicht so. So intelligent Henning Lohner die Absicht, das Konzept hinter diesem Lichtspiel erklärte – langsame, durch Zufall entstandene Abfolgen von Weiß und Schwarz unterfordern den Geist, er sucht vergeblich nach Mustern, und das kann quälend sein.

Es war an Markus Hinterhäuser, dem heuer programmatisch an Experimenten interessierten GlobArt-Publikum zu zeigen, dass John Cage auch Musik geschrieben hat, in der man nicht vergeblich nach dem sucht, was laut Arthur Schopenhauer alle Musik ausdrückt: einen Willen. Er spielte die „Sonatas & Interludes“ für präpariertes Klavier auf einem Flügel aus dem Jahr 1949 (der einst Arthur Rubinstein gehört hatte), sorgfältig versehen mit Schrauben und Radiergummis, die bestimmte Saiten so bremsen, dass sie perkussiv klingen. Welche Saiten auf diese Weise in Perkussionsinstrumente verwandelt werden, ist nicht zufällig, nicht indeterminiert, nein, Cage hat das exakt vorgeschrieben. Genauso sind auch die Partituren dieser kurzen Stücke exakt notiert. Hinterhäuser arbeitete die Melodien, die oft Fragen und Antworten gleichen, einfühlsam heraus, ließ zugleich die Rhythmen – die durchaus nicht immer sofort wieder abbrechen – wirken. Und er nahm die Pausen sehr ernst, ließ keinen Zweifel daran, dass in ihnen der Grundrhythmus des Stücks weiterläuft, auch wenn er gerade nicht realisiert wird. Natürlich haben diese Stücke nur selten größere melodische Bögen, natürlich scheinen sie oft von Verklingen, von Vergeblichkeit und Scheitern zu erzählen. Aber sie sind gewiss nicht das, was man moderner E-Musik gern zu sein unterstellt: Tröpfelmusik.

Wie exakt John Cage die Rezepte der Pilzgerichte notierte, die er als Schwammerlsucher gern aß, ist nicht bekannt. Paul Renner servierte jedenfalls zwei von Totentrompeten gefährlich schwarz gefärbte Speisen. So ging der Abend monochrom zu Ende.

 

Zeitreisen des Geldes

Am nächsten Morgen plädierte der tschechische Ökonom Tomáš Sedláček eindringlich gegen den Zwang zum Wirtschaftswachstum: Erwachsene Ökonomien, meint er, müssen nicht wachsen. Und Zinssätze seien an sich problematisch, da sie sich auf die Zukunft beziehen, und die ist unsicher. Sie machen Zeitreisen des Geldes möglich – wie Alkohol Zeitreisen der Energie: „Alkohol nimmt dir deine Samstagmorgen-Energie und gibt sie dir am Freitagabend. Aber das ist berechenbar.“

Dazu passte dann eines der abschließenden John-Cage-Bonmots gut, das zeigt, dass sich dieser gar nicht so leicht tat, die (kompositorische) Verantwortung aus der Hand zu geben: „Die Frage ist: Wie kann man Menschen frei sein lassen, ohne dass es albern wirkt?“ Etliche Möglichkeiten, von der Art Brut bis zum „Essayismus als Lebensform“, von der Piraterie bis zur Schwarm-Intelligenz, hatten die Teilnehmer bei dieser GlobArt Academy besprochen und praktiziert, in drei Tagen außerhalb des schon von Goethe beklagten veloziferischen Alltags.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2012)

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