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Phettberg ist 60: "Bin nicht mehr der, der ich einmal war"

05.10.2012 | 12:19 |   (DiePresse.com)

Der Ex-Talkmaster lebt zurückgezogen, Schlaganfälle haben sein Sprechvermögen stark beeinträchtigt. Trotzdem bleibt er ein scharfer Beobachter.

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Der ehemalige Talkmaster und "Falter"-Kolumnist Hermes Phettberg, der mit bürgerlichem Namen Josef Fenz heißt, feiert am 5. Oktober seinen 60. Geburtstag. Er lebt zurückgezogen in seiner Wohnung an der Gumpendorferstraße, aber seine körperlichen Gebrechen halten ihn nicht davon ab, weiterhin seinen "Predigtdienst" zu verfassen, in dem er sich als scharfer Beobachter gegenwärtiger Diskurse profiliert.

Von dem einstigen Koloss und medienwirksamen "Extremerotiker" ist wenig übrig geblieben. Mehrere Schlaganfälle haben sein Sprechvermögen stark beeinträchtigt, er hat rund 100 Kilo abgenommen und ist nur noch um die 70 Kilogramm schwer. Viermal pro Woche wird er von einer Heimhilfe betreut, diese hat "mein Leben gerettet", sagt Hermes Phettberg gleich zu Beginn des APA-Gesprächs in seiner Wohnung in Wien-Mariahilf. Es geht im "elend", so elend, "dass ich nicht mehr an 'Gotty' glauben kann". 'Gotty' ist sein Name für Gott, seine Helfer nennt er liebevoll "Nothelfys".

Medikamente und "Jeansboys"

An den Wänden der mit Medikamenten, angebissenen Äpfeln und getrockneten Kornspitzen übersäten Dreizimmerwohnung hängen zwischen erotischen Gemälden zahlreiche Poster von "Jeansboys", auf den Tischen türmen sich Zettelberge, neben seinem Rollator liegen Hermann Hesses "Demian" und Thomas Glavinics "Unterwegs im Namen des Herrn". Neben den Büchern füllen vor allem Radiosendungen seinen Alltag: "Ich lebe nur von Ö1", sagt Phettberg, wie alles, mehrmals hintereinander.

Immer wieder muss er sich zurücklehnen, sich "sammeln", um weitersprechen zu können. Wer sein Internet-Tagebuch, die "Gestionen" kennt, weiß, dass der Schein trügt: Hermes Phettberg denkt klar, kritisch, zynisch. Bloß die Artikulation macht nicht immer mit.

"Mir entgeht nichts", schmunzelt er in Hinblick auf seinen Radio-Konsum. Doch ausgerechnet das Fernsehen, das wesentlich zu seinem einstigen Ruhm beigetragen hat, bleibt ihm verwehrt. Nach seinen Schlaganfällen kommt er nicht mehr mit den beiden Fernbedienungen zurecht. "Es ist einfach zu kompliziert für mich, den Fernseher einzuschalten. Aber ich will es auch nicht."

Aufregung um den "Garten der Lüste"

Jüngst gab es wieder Aufregung um eine Kunst-Aktion Phettbergs: Mit der Aktion "Garten der Lüste" im Rahmen der "Wienwoche", bei der er sich an einen Baum fesseln ließ, demonstrierte er gegen Homophobie. Einige Medien witterten die Verschwendung von Steuergeldern. Phettberg spendete seine Gage für Asylwerber.

Die Aufregung lässt Phettberg selbst kalt. Schließlich habe er sein Honorar der "Rosa-Lila-Villa" gespendet, um einem türkischen Transsexuellen, der in seiner Heimat verfolgt wurde, ein Zimmer in Wien zu organisieren. "Unser Staat ist reich, er sollte sich bemühen, Andersartige, die in ihrer Heimat verfolgt werden, aufzunehmen", unterstreicht Phettberg.

"Ein Kind hätte es in meinem Leben nicht leicht gehabt"

Die Situation von Schwulen und Lesben schätzt er heutzutage als wesentlich besser als vor einigen Jahrzehnten. Dennoch: "Dass die ÖVP dagegen ist, dass Schwule und Lesben Kinder adoptieren dürfen, ist ein Wahnsinn. Nur ein Kind macht die Vaterschaft perfekt." Er selbst bereut es nicht, keine Kinder zu haben: "Ich bin dafür auch zu dumm gewesen. 'Gotty' hat schon Recht gehabt. Ein Kind hätte es in meinem Leben nicht leicht gehabt", so Phettberg selbstkritisch, aber wehmütig.

Im Laufe des Gesprächs hat sich Phettbergs Gemütszustand von "elend" auf "voller Glück" verbessert. "Ich lebe von der Sozialhilfe. Mein größter Wunsch ist es, mir jeden Tag einen Kaffee und ein Butterbrot mit Schnittlauch im Cafe Jelinek leisten zu können. Das reicht mir." Aber auch beim Essen stößt Phettberg nunmehr an seine Grenzen. Kommenden Montag wird ihm sein letzter Backenzahn gezogen. Er sieht zu seiner Heimhilfe auf: "Ich bin nicht mehr der, der ich einmal war."

Phettbergs Werdegang
Hermes Phettberg wurde am 5. Oktober 1952 in Hollabrunn geboren. Der Sohn von Weinbauern arbeitete zunächst als Bankangestellter, bevor er nach einer theologischen Fortbildung Pastoralassistent in der Erzdiözese Wien wurde.

Mitte der 80er-Jahre war er Mitbegründer des Vereins "Libertine Sadomasochismusinitiative Wien" und des Projekts "Polymorph Perverse Klinik Wien". Öffentlich bekannt wurde er mit sadomasochistischen Kunstaktionen (wie seiner "Verfügungspermanenzen") gemeinsam mit Walter Reichl im Rahmen von "ErotiKreativ" im WUK.

In der Theatergruppe "Sparverein Die Unz-Ertrennlichen" rund um Kurt Palm spielte er ab Anfang der 90er-Jahre verschiedene Rollen, seit 1992 schreibt Phettberg für den "Falter" die wöchentliche Kolumne "Phettbergs Predigtdienst". Eine Sammlung der Falter-Kolumnen erschien als Faksimile der Typoskripte unter dem Titel "Hundert Hennen. Katechesen 1992 - 2003".

In seiner Talkshow "Phettbergs Nette Leit Show" begrüßte er ab Ende 1994 verschiedene Prominente, darunter etwa Marcel Prawy, Hermann Nitsch, Manfred Deix oder Josef Hader . Gemeinsam mit Kurt Palm gab er 1996 das Buch "Frucade oder Eierlikör" mit Interviews und Monologen aus der Show heraus. 2003 und 2004 strahlte ATV die Sendung "Beichtphater Phettberg" aus. Als jährlicher Fixpunkt gilt nach wie vor sein jährlicher Auftritt auf der Regenbogenparade auf dem Wiener Ring.

Phettberg erhielt 1993 den Franz-Grillparzer-Preis der "Anonymen Aktionisten" und 2002 den Preis der Stadt Wien für Publizistik. 2007 widmete sein alter Freund und Entdecker Kurt Palm dem nunmehrigen Sozialfall einen Dokumentarfilm: "Hermes Phettberg, Elender".

Ein neuer Film entstand im Vorjahr: Sobo Swobodnik drehte die Schwarz-Weiß-Doku "Der Papst ist kein Jeansboy", ein Kino-Starttermin steht jedoch noch aus. Am 18. Oktober (19 Uhr) wird im Rahmen des Rauchsalons in der Wiener Secession das im Sensationsverlag herausgegebene Buch "Alles Erschreckliche! Ausgewählte Texte" präsentiert. Hermes Phettberg wird kommen, hundert signierte Bücher liegen als Vorzugsausgabe bereit.

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)

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18 Kommentare

kluger kopf

leider haben ihn viel zu wenige verstanden. ein grenzgänger, der niemandem verletzt hat und nur sich selber zerstört hat.

Gast: Messalina-X
05.10.2012 19:38
4 1

leben und leben lassen...

er tut niemandem etwas zuleide

Gast: der mann aus la mancha
05.10.2012 17:01
5 1

ich liebe die außenseiter a bunta hund wiara im biachl steht

Der staksig-"schmuddelige" Mann ist innerlich verwahrlost. Wenn er es mit seiner offensichtlichen Intelligenz gerade zum Sozialfall gebracht hat, ist der öffentlich-soziale Rhythmus total aus den Fugen geraten: Der kennt sii anfoch von hinten bis vuan neahma aus. So lässt man ihn die (…) „arme …“ in seiner drunter und drüber 3-Zimmer-Behausung dahin wurschteln. Mein Vorschlag: Da sein schreibender Geist nach wie vor bestens funktioniert, müsste es doch eine Möglichkeit geben den guten Mann direkt vor Ort in eine redaktionelle Arbeit einzubinden. Er wird mit einem Fahrzeug in die Redaktion gebracht, wo er seine blitzgescheiten Artikel verfasst, und wenn er nicht mehr zum aushalten ist, wird er vom Behelfsauto wiederum nach Hause kutschiert. Nur so kann dem geistig immer noch sehr eloquenten Phettberg wirklich geholfen werden. Er muss raus aus seiner Bude, mitten rein in die körperliche Betriebsamkeit journalistischer Tagesschriftstellerei. Unsere unzähligen Zeitungsmacher sollten einmal darüber nachdenken…

Antworten Gast: Selig die Winner
05.10.2012 17:31
0 0

Re: ich liebe die außenseiter a bunta hund wiara im biachl steht

Willst du Fortschritte machen, so musst du es ertragen können, wenn man dich für närrisch und einfältig wegen deines äußeren Verhaltens hält. Wolle auch nicht den Anschein erwecken, als verständest du etwas; und wenn andere es von dir glauben, mißtraue dir selbst.
Denn wisse: es ist nicht leicht, seine Seelenverfassung so zu erhalten, wie die Natur es verlangt, und zugleich die äußeren Verhältnisse zu berücksichtigen, sondern es gibt nur ein Entweder-Oder: wer sich um das eine bekümmert, der muß das andere vernachlässigen. - Epiktet

Gast: Nemesis
05.10.2012 16:49
3 20

Mancher bekommt doch was er verdient

Insoweit.......

4 2

Re: Mancher bekommt doch was er verdient

In dem Fall wohl nicht. Und bei Ihnen hat es auch nicht funktioniert.

Antworten Antworten Gast: Nemesis
05.10.2012 22:30
2 0

Re: Re: Mancher bekommt doch was er verdient

Ich gebe was andere verdienen

Gast: Johann S
05.10.2012 16:43
9 1

Ein

immer friedlicher origineller Typ,schade daß er so
bedient ist.
Hat unter anderem die Frucade wieder salonfähig gemacht.
ALLES GUTE

Gast: Nick K.
05.10.2012 16:24
7 3

Hermes ist ein besonderer Mensch

Habe immer seinen Scharfsinn und seine Klugheit geschätzt.


Man sagt, dass der Geist den Körper trainiert und nicht umgekehrt. Nun ja, wie kann dann jemand geistreich sein...

...der seinen Körper dermaßen verwahrlosen lässt? Nichtsdestotrotz Alles Gute zum 60igsten, Herr Phettberg.

Antworten Gast: Barrorscho
05.10.2012 17:21
2 1

Re: Man sagt, dass der Geist den Körper trainiert und nicht umgekehrt. Nun ja, wie kann dann jemand geistreich sein...

Marxisten meinen, "das Sein schafft das Bewusstsein". Deshalb sind ja reiche und schöne Menschen immer so intelligent.

Antworten Antworten Gast: tigerzahn
05.10.2012 19:38
0 1

Re: Re: Man sagt, dass der Geist den Körper trainiert und nicht umgekehrt. Nun ja, wie kann dann jemand geistreich sein...

LOL
und die besonders muskulös-fitten geradezu genial intelligent.

0 0

Re: Re: Man sagt, dass der Geist den Körper trainiert und nicht umgekehrt. Nun ja, wie kann dann jemand geistreich sein...


Yesss!

Gast: michelmaik
05.10.2012 14:43
12 4

Alles Gute, lieber Hermes Phettberg!

Auch wenn Sie heute gebrechlich sind - viel zu früh, leider, denn was sind schon 60? - ich war immer Ihr Fan und ich bleibe es.
Von Ihrem Verstand, Ihrem sozialen Engagement, besonders aber Ihrer radikalen Ehrlichkeit könnten sich Viele ein Stück abschneiden.

Alles Gute zum Sechzigsten!

Gast: andi007
05.10.2012 13:41
11 2

tja

ein wrack, mit sicherheit, aber ein niemand noch nicht! zu seinen hochzeiten ein absoluter gigant! er muss schon fast froh sein, nicht mehr den fernseher einschalten zu können, das aktuelle orf programm dürft ihm den rest geben!

alles gute!

22 4

Egal wie man zur Person Phettberg steht,

es gibt zu wenige die aus der Gesellschaft ausscheren und das scheinbar "Richtige und Normative" in Frage stellen, sich dabei aber weder der Gewalt noch der Verunglimpfung bedienen. Diese Form der Gesellschaftskritik ist eine Kunst die kaum jemand beherrscht und nur wenige Kritiker haben ein Sprachrohr über das sie die Bevölkerung erreichen können.
Wir bräuchten mehr Menschen die scheinbar "sinnvolle gesellschaftliche Normen" in Frage stellen, sonst wird sich unsere Gesellschaft nie weitereintwickeln können, denke ich.
Unsere Profitmaximierungskonsumgesellschaft steuert auf den Untergang zu wenn nicht bald ein Konsens über echte Werte entsteht, die man nicht durch Geld ausdrücken kann. Das BIP ist nicht alles und es macht weder glücklich noch sichert es Lebensstandards.
Die Gesellschaft müsste wieder anfangen zu denken, statt einfach nur nach alten Mustern zu handeln.

3 1

Re: Egal wie man zur Person Phettberg steht,

Ja, Sie bringen es auf den Punkt, wie ich das auch sehe. Er ist einfach ein anständiger Mensch im Wortsinn, aber leider offenbar selbst nicht glücklich geworden dabei.

16 2

Re: Egal wie man zur Person Phettberg steht,

T'schuldigung, das hätte ein fettes Plus werden sollen, aber irgendwie habe ich mich verdrückt.
Volle Zustimmung zu ihrem Kommentar!