Wenn moderne Kunst zerstört oder beschädigt wird, steckt sehr oft Ignoranz dahinter – etwa als ein Hausmeister 1986 Joseph Beuys' „Fettecke“ wegputzte und eine Putzfrau 2011 den Kalkfleck von Martin Kippenbergers Installation schrubbte, obwohl ihr der Titel „Wenn's anfängt von der Decke zu tropfen“ hätte zu denken geben müssen. Manchmal weckt die Moderne auch schlicht Aggressionen: So ein Gemälde hätte „jeder Lehrling“ machen können, erklärte 1982 ein Student auf die Frage, warum er auf ein zwei Millionen teures Barnett-Newman-Werk mit der Plastikstange losgegangen sei.
Diesmal war es anders: Jener Mann, der am Sonntag ein Werk Mark Rothkos zerstörte, ist ein großer Verehrer des russisch-amerikanischen Malers. Besucher der Tate Modern in London sahen ihn erst vor einem Gemälde der Serie „Seagram Murals“ sitzen, dann ging er seelenruhig auf das Bild zu und signierte das rechte Eck: „Vladimir Umanets, A Potential Piece of Yellowism“ steht nun darauf in schwarzer Schrift. Anschließend floh Umanets und gab dem „Guardian“ und der BBC per Telefon Auskunft: Er habe das Gemälde nicht zerstört und er sei auch kein Vandale: „Es ist kein Schaden entstanden. Wenn das Rothko-Bild wiederhergestellt ist, wird der Wert des Gemäldes zuerst sinken. Aber nach ein paar Jahren wird es noch wertvoller sein als zuvor, eben wegen meiner Aktion.“ Umanets sieht sich als Künstler in der Tradition Marcel Duchamps: „Kunst erlaubt uns, etwas zu nehmen, was ein anderer gemacht hat, und es mit einer neuen Botschaft zu versehen“, so Umanets.
Was er nicht sagte: Als Duchamp der „Mona Lisa“ einen Bart verpasste, marschierte er nicht in den Louvre, sondern er bediente sich einer Reproduktion. Wie immer: Die Idee, dass man sich ein kostbares Gemälde künstlerisch aneignet, indem man es beschädigt, ist nicht neu: 2009 hatte eine junge Frau namens Sam Rindy einen Kussmund auf ein weißes Bild Cy Twomblys gedrückt. Ihre Begründung: Sie sei vom Anblick so „überwältigt und glücklich“ gewesen, dass sie sich nicht mehr zurückhalten konnte. Es sei ein „künstlerischer Akt“ gewesen, sie selbst eine Künstlerin. Das Gericht sah das anders: Sie habe das Gemälde „vergewaltigt“. Dafür kam Sam Rindy noch vergleichsweise glimpflich davon: 18.400 Euro musste sie für die Restaurierung zahlen. Bei Mark Rothko wird es teurer werden: Rothkos „Orange, red, yellow“ wurde im Mai um 66,6 Millionen Euro versteigert und gilt als das teuerste zeitgenössische Kunstwerk, das bisher unter den Hammer kam. best
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2012)
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