Es ist die Woche der Extreme: Am Dienstag wurde in New York der Aktionskünstler David Blaine aus seinem Schutzanzug geschnitten und ins Krankenhaus zur ärztlichen Untersuchung gefahren. Drei Tage lang war er, ohne einen Bissen zu sich zu nehmen, auf einer Säule gestanden – und zwar in unmittelbarer Umgebung von einer Million Volt: Vor den ständigen Blitzen schützte ihn eine zwölf Kilo schwere Faraday'sche Ausrüstung. Es ist nicht das erste Projekt, mit dem David Blaine an seine Grenzen ging: Er ließ sich schon in einen Eisblock einfrieren und baumelte zweieinhalb Tage lang kopfüber an einem Seil. Ist das Kunst?
Etwas ist Kunst, wenn es so produziert wird, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit als Kunst wahrgenommen wird. So lautet eine Definition, die im Gegensatz zu anderen von der Moderne nicht widerlegt wurde und so breit ist, dass sie erklären kann, warum ein Ready-made wie Marcel Duchamps Urinal ein Kunstwerk ist. Auch wenn man den Trick, etwas umzubenennen und dann in ein Museum zu stellen, nicht allzu häufig nachmachen kann. Wie immer: Wenn diese Definition stimmt, hat es David Blaine zumindest im deutschen Sprachraum geschafft. Hier wird er konsequent als Aktionskünstler vorgestellt, als trete er in die Fußstapfen von Joseph Beuys.
US-amerikanische Agenturen und Medien bevorzugen dagegen die Bezeichnung Magician und seine Aktionen nennen sie „Stunts“.
Wer Formel 1 fährt, muss fit sein
Der Nachteil eines so breiten Kunstbegriffs: Er sorgt für Verunsicherung. Darum macht man sich auch gern über ihn lustig. Yasmina Reza baute ein ganzes Theaterstück rund um die Frage, wie es zugehen kann, dass ein Sammler für ein „weißes Bild mit weißen Streifen“ 200.000 Francs zahlt.
Man könnte nun glauben, dass die Definition von Sport weniger umstritten ist. Sport hat – so der Sprachgebrauch – mit Bewegung zu tun. Der Deutsche Olympische Sportbund ist dabei sehr streng, er besteht darauf, dass der Körper sich selbst bewegen muss. In diesem Fall wäre Felix Baumgartners Sprung von 36,5 Kilometern Höhe, der ja genau genommen kein Sprung, sondern eher ein Fall ist, kein Sport. Andere Vereinigungen sind in dieser Hinsicht offener, sie zählen auch den Motorsport dazu. Wer Formel 1 fährt, müsse körperlich fit sein, lautet die Begründung.
Aber was ist dann mit dem durchschnittlichen Autofahrer? Und wie hält man es mit Schach? Ist es Bewegung genug, wenn Figuren von Feld zu Feld gezogen werden?
Hier springt eine andere Definition ein, laut der Sport mit Wettkampf zu tun hat: Mann gegen Mann, Mannschaft gegen Mannschaft, Mensch gegen Uhr. Ein Wettbewerb ist Felix Baumgartners Solosprung aus der Stratosphäre jedenfalls nicht, erklärt der „Presse“-Sportchef, und er wolle Baumgartner auch nicht auf den Sportseiten sehen. Das Gegenargument: Sport habe mit Extremen zu tun, mit dem Versuch, an die Grenzen zu gehen. Der Sportler ist so gesehen ein Nachfahre von Ikarus, der sich nicht hat aufhalten lassen, näher zur Sonne zu fliegen. Und wer geht mehr an die Grenzen als Felix Baumgartner mit seinem Sprung/Fall? Immerhin hat noch kein Mensch die Schallmauer durchbrochen, der nicht durch Tonnen von Stahl geschützt gewesen wäre.
George Mallory: „Weil er da ist“
In diesem Sinn wäre David Blaine vielleicht gar kein Künstler, sondern ein Sportler – und das dritte Extrem dieser Woche wäre ebenfalls eine sportliche Leistung. Immerhin geht es dort auch um eine Schranke, die überwunden wird: die überaus mächtige Ekelschranke.
In den USA brach der Sieger eines Kakerlakenwettessens tot zusammen. Er und seine Gegner hatten lebende Küchenschaben und Würmer verschlungen, die übrigens, betonte der Veranstalter, aus eigener und kontrollierter Produktion stammten. Was unterscheidet Kakerlakenwettessen vom Versuch, aus 36.000 Meter Höhe zu springen und die Schallmauer zu durchbrechen?
Der britische Bergsteiger George Mallory hat einmal auf die Frage, warum es denn der Everest sein müsse, geantwortet: „Weil er da ist.“ Das wird gern zitiert, vielleicht weil Mallory sein Ziel nie erreicht hat: Er starb beim dritten Versuch, den Berg zu „bezwingen“, wie es so entlarvend heißt.
Auch Ikarus starb. Was man dabei gern vergisst: Ikarus flog nicht aus reinem Übermut, er und sein Vater bastelten sich Flügel, um so König Minos zu entkommen. Das Extreme zu suchen, nur weil es extrem ist, ist charakteristisch für moderne Gesellschaften, ob es nun Kunst genannt wird oder Sport oder auch Jackass. Irgendeine Bezeichnung macht die Sache gesellschaftlich akzeptabel. Die Sherpas haben jedenfalls nicht verstanden, was Mallory auf dem Everest wollte. Angeblich sagte einer: „Da oben ist ja nur Schnee.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2012)
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