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Acconci: Erst das Wort, dann der Entwurf

11.10.2012 | 15:53 |  Norbert Philipp (Die Presse - Schaufenster)

Künstler, Designer, Architekt und dabei immer Poet: Der New Yorker Vito Acconci glaubt an die Kraft der Formen und der Kunst.

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Der Raum musste ihm einfach irgendwann zu eng werden: Das Feld des Künstlers Vito Acconci war in den 1960er-Jahren nicht größer als ein Blatt Papier. Heute breitet er Lyrik und die Kraft des künstlerischen Ausdrucks auf viel mehr Fläche aus, als Designer und Architekt. In Graz hat er seinen Entwurf der Murinsel im Fluss, im kollektiven Stadtgedächtnis und im Bewusstsein der Österreicher verankert. Kürzlich war er in Wien, um für den „NWW Design Award“ zu  jurieren, den die Neue Wiener Werkstätte ausge- und mit dem Thema „Meta-Mobilität“ überschrieben hatte. Und Mobilität und Beweglichkeit verlangt Acconci auch von architektonischen Enwürfen. Mit dem „Schaufenster“ sprach er über Heimat- und andere Gefühle.

Acconci: Kraft der Formen

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Ihre Entwürfe scheinen mit poetischer Wirkkraft aufgeladen. Ist es Sinn der Architektur, auch soziale Effekte auszulösen?
Die Form soll natürlich einen Zweck erfüllen. Schließlich soll Architektur das Leben der Menschen verändern, etwa unterschiedliche soziale Klassen zusammenbringen. Das wird ihr nicht oft gelingen. Aber der Versuch sollte zumindest spürbar werden. Das größte Problem ist ja, dass die Menschen die Architektur nicht verändern können.

   
Also sind die Menschen der Architektur ausgeliefert?
Die Architektur bestimmt, was Menschen tun. Dabei sollte es doch genau gegensätzlich laufen. Die Menschen sollten die Architektur formen. Die Architektur sollte die Menschen freier machen und nicht unfreier.


Sollen die Architekten also nur Vorschläge machen, die sie den Menschen zum Formen überlassen?    
Ich finde es wichtig, dass Architektur so etwas haben sollte wie ein offenes Ende. Dass sie nicht fertig ist oder vollständig. Dass sie sich verändern darf, wenn sie genutzt wird. Und das würde bedeuten, dass der Architekt seine Rolle als Master-Architekt verliert. Das wäre gut. Denn der Master-Architekt macht alles, definiert alles. Ich weiß ja nicht, ob die Menschen irgendwann tatsächlich fähig sind, für sich selbst zu denken. Aber es wäre schön, wenn sie selbst ihren Raum verändern. Ich frage mich aber, wie viele Menschen das wirklich möchten, für sich selbst entscheiden statt zu sagen „Tu etwas für mich!" 


Manche Menschen lassen sich also lieber von den Ideen anderer diktieren?  
Natürlich. Das macht es ja viel einfacher. Doch im Grunde sollten sich die Menschen alle paar Jahre überlegen: Wollen wir die Architektur noch immer, in der Form, wie sie jetzt ist? Oder wollen wir das ändern? 


Und irgendwann falten wir einfach die Häuser zusammen und gehen mit ihnen woanders hin?
Ja, wieso nicht. Gebäude könnten tragbar werden, beweglich. Einfach mobil. Gebäude sind noch nicht wirklich weich und flexibel. Aber vielleicht können sie es werden.


Viele moderne Gebäude in Wien etwa scheinen den Menschen einfach egal zu sein. Weil ihnen vielleicht so etwas fehlt wie Seele?  Wie viel Emotion kann moderne Architektur vermitteln? 
Ich glaube, Menschen tendieren zu den Dingen, die es schon eine gewisse Zeit gibt und die sie gut kennen. Ich glorifiziere nicht die architektonische Vergangenheit. Das kann ich gar nicht, denn ich war nicht dabei, ich war nie dort in der Vergangenheit. Doch mich interessiert mehr, was in der Zeit passiert, in der ich selbst bin. Außerdem gefällt mir die Idee von Monumenten nicht. Aber ältere Gebäude wirken oft monumental. Ich glaube, dass die Menschen von der Architektur ihrer Zeit mehr angesprochen werden sollten. Doch ich muss Ihnen zustimmen: 95 Prozent der aktuellen Architektur wird nicht einmal wahrgenommen.


Warum sind manche banalen Gebäude nicht in der Lage, auch nur ein wenig mehr als ihren bloßen Zweck zu erfüllen?
Wenn Sie von Wien sprechen: Das ist auch ein schwieriger Platz, muss man sagen. Weil er so wirkt, als wäre er noch immer in einem bestimmten Jahrhundert verhaftet. Ich war ja schon oft hier. Auf der einen Seite verspüre ich ein tiefes Hingezogensein zu Wien. Auf der anderen Seite legt die Stadt sehr viel Wert auf eine Epoche, die nicht die gegenwärtige ist. Es scheint fast so, als wären die Menschen hier in der Gegenwart nur Besucher. Aber die Position, zwischen Ost und West, macht die Stadt interessant. An der Grenze zu sein ist ja ohnehin spannender als in der Mitte.


Mit der Randposition und der Migration, die daraus folgt, können die Wiener nicht unbedingt gut umgehen. 
Irgendwie scheint es so, als wäre man auf der ganzen Welt gegen Migranten. Aber vielleicht gibt es ja bald das Phänomen gar nicht mehr. Weil es auch keine Nationen mehr gibt. Und keine Grenzen.


Architektur könnte ja auch eine Integrationsaufgabe übernehmen.  
Ich glaube, dass die Art von Architektur, die das am besten könnte, eine Mischung ist, ein Mix ganz unterschiedlicher Dinge. Das Zusammenlegen von Stilen könnte eine mögliche interessante Architektur der Zukunft sein. So sehr gemischt, dass sie geografisch gar nicht mehr zuordenbar ist.


Sie sind als Jury-Vorsitzender des „NWW-Design-Awards“ der Neuen Wiener Werkstätte gekommen. Das Thema war „Meta-Mobilität“. Soll Design nur die Mobilität unterstützen oder nicht auch die Menschen verorten und ihnen Heimat geben? 
Ich frage mich manchmal, ob Heimat tatsächlich noch so wichtig ist. Ich mag es, in New York zu leben. Aber fühle ich wirklich, dass ich hierher gehöre? Ich weiß es nicht. An New York mag ich diese Vielfalt an Menschen. Ich mag es, wenn ich auf der Straße den Menschen in die Gesichter schaue und ich keine Ahnung habe, woher sie kommen. Ich erkenne manchmal an ihrem Äußeren ihre ethnische Herkunft nicht mehr. Die Art von Heimat, die wir von unseren Eltern kennen, scheint nicht mehr so wichtig. Vielleicht ist man einfach nicht mehr so abhängig von seiner Geschichte. Das ist natürlich wiederum in den USA leichter als in Europa, wo die Geschichte eine viel längere ist.


Doch gerade in den USA spielt der Heimatgedanke, der Patriotismus doch eine große Rolle. 
Ich hoffe, dass es wichtiger ist, was man wird, als woher man kommt. Manche Menschen sagen: Das ist meine Nationalität, das ist meine Heimat, das sind meine Eltern. Doch welchen Einfluss soll oder kann das haben? Das ist vielleicht eine verwöhnte amerikanische Perspektive, aber: Man kann doch machen, was man will. Und ja, es gibt trotzdem noch viel mehr Menschen auf der Welt, die nicht selbst entscheiden können, was sie tun. Doch in Amerika spüren die Menschen diese Freiheit, sie kamen schließlich von überall her. Herkunft zählt nicht mehr. Auf der anderen Seite sind die USA das vielleicht konservativste Land der Welt. Als in den späten 1960er-Jahren Nixon kam, dachten wir, schlimmer kann es nicht kommen. Wir haben uns so geirrt . . .


Sie haben sich ursprünglich mit Lyrik beschäftigt. Also sind Sie gewohnt, mehr auszudrücken als das Notwendige. Als Architekt kann das doch nur von Vorteil sein.  
Architektur und Design müssen sich vor allem trauen, auch die Dinge mal auf den Kopf zu stellen. Und zu überlegen: Wird das Ding jetzt nutzlos? Oder gar noch nützlicher? Die Menschen müssen davon weggeholt werden zu glauben, dass sie ohnehin wissen, was sie erwarten dürfen. Überraschungen müssen her. Die dauern zwar nicht lang, deshalb muss umso mehr die Architektur eine flexible, veränderbare sein. Und wenn sich Architektur wandelt, werden sich auch die Menschen wandeln. Das ist nicht leicht, aber neue Materialien und Möglichkeiten machen es leichter als früher.


Gibt es Parallelen zwischen dem Schreiben und der Architektur? 
Als ich geschrieben habe, habe ich mich intensiv mit der Seite auseinandergesetzt. Wie bewege ich mich vom linken Rand zum rechten. Und wie komme ich auf die nächste Seite. Also Raum und Bewegung. Und dann habe ich realisiert, wenn ich mich so dafür interessiere, warum soll ich mich mit Raum und Bewegung auf die Größe einer Seite limitieren?  


Doch der Raum ist ein gänzlich anderer. 
Wenn man schreibt, ist der Raum dir gegenüber. Aber dieser ist nie so wichtig wie jener, der dich umgibt. Wie Klänge und Geräusche umgibt er dich, du weißt nicht genau, woher er kommt. Die Architektur gab mir auch die Möglichkeit, die Kunst in den öffentlichen Raum zu bringen. Sonst ist sie ja dort, wo sie nur Kunstinteressierte sehen. So würde ich ja 95 Prozent der Menschen ignorieren. Noch dazu hat, wer in Kunstgalerien geht, bereits die vorgefasste Meinung, dass Kunst wichtig ist. Besser ist es, wenn die Menschen nicht wissen, dass es sich um Kunst handelt. Und einfach darüberstolpern, eben im öffentlichen Raum.


Hat das auch auf der Murinsel in Graz funktioniert?    
Ja, das war interessant. Dort haben wir alles „umgedreht“. Hier eine Schüssel, die in der Mur schwimmt, das Theater, daneben die umgedrehte Schüssel, also die Kuppel, in die das Café hineinkam. Und es war interessant, wie auch ältere Menschen kamen und plötzlich lachten, als sie sahen, dass hier Schüssel und Kuppel aneinanderstießen. Und das ist der Zweck. Wenn man lacht, dann zeigt das deutlich: Man hat noch ein zweites Mal über etwas nachgedacht. Und genau das soll Kunst bewirken.

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