Der Killer spuckt Blut, in Fontänen. Sein Magengeschwür bringt ihn um. Aber er umklammert sein Gewehr, den Auftrag will er unbedingt zu Ende bringen: „Ich muss die beiden töten!“ Den magenkranken Mörder Thompson trifft man auf der ersten Seite des Comics „Zum Abschuss freigegeben“: Länger braucht er auch nicht, um einen Job schnell und skrupellos durchzuführen. Mit dem Sägeblatt. Der nächste Auftrag wartet schon und sollte auch kein Problem sein: Thompson leitet die Entführung eines Millionenerben. Ein verzogener Bub, der samt seinem neuen Kindermädchen Julie gekidnappt wird. Julie kommt gerade aus der Psychiatrie: eine Renitente mit krimineller Vorgeschichte. Ideal, um ihr das Verbrechen in die Schuhe zu schieben, sobald das Kind beseitigt ist. Julie muss einen gefälschten Bekennerbrief unterzeichnen, dann soll sie mit dran glauben. Perfektes Verbrechen, voilà!
Aber dann läuft alles schief: Eine Verfolgungsjagd quer durch Frankreich beginnt, die eine Blut- und Brandspur nach sich zieht, in immer absurderen Wendungen. Bis zum vollends surrealen Finale vor verrückter Architektur, in dem sich Gewaltorgie und Kinderspiel vermischen. Ein Plot, der charakteristisch ist für Jean-Patrick Manchette, den „Guru des Neo-Polár“.
Subversiver Krimi-Erneuerer. Manchette kam aus der linksradikalen Szene und stand den Situationisten nahe: Als wichtigster Erneuerer des französischen Kriminalromans setzte er auf einen knappen, beschreibenden Stil, der Bret Easton Ellis neidisch werden ließe: Manchettes mitreißende neun Krimis, erschienen zwischen 1971 und 1981, erzählen von Figuren in einem Teufelskreis, charakterisiert nur durch Äußerlichkeiten – die Kleidung, die sie tragen, die Waffen, die sie benutzen, die Phrasen, die sie dreschen.
Obendrein dreschen sie buchstäblich aufeinander ein, um die angestauten Aggressionen loszuwerden. Oder schießen sich zu Brei, mit extrem detailliert geschilderten Resultaten. Sie sind nur Teil einer vom Warenkreislauf definierten Welt. Als Julie den entführten Buben trösten will, sagt sie „Denk an etwas Schönes. Denk an den Hulk.“
Tiefschwarzer Humor ist ein essenzielles Element von Manchettes subversiven Intentionen: Den trockenen hardboiled-Stil seines großen Krimi-Idols Dashiell Hammett entwickelte er in Richtung Nouveau Roman weiter. Was objektiv geschildert wirkt, ist gleichzeitig voller absurder Unsicherheiten, den Unsicherheiten der modernen Welt. Jeder gute Krimi, schrieb der auch als Genretheoretiker der Série noire bedeutende Autor, sei ein sozialkritischer Roman: „Die Definition des Roman noir als grundsätzlich antifaschistischem Roman mag zwar albern sein, erscheint uns aber nicht widerlegbar.“ Die Vielseitigkeit Manchettes – er liebte Jazz, Schach und Wortspiele, verfasste Drehbücher und Literaturkritiken, übersetzte Kollegen wie Donald E. Westlake und Ross Thomas – zog ihn auch in den Bereich der Comics. Er gab Magazine heraus und übersetzte die gefeierte graphic novel „Watchmen“.
Schlagende Kombination. 1978 kam es so zum ersten Gipfeltreffen mit einem anderen Genregott: Comic-Künstler Jacques Tardi, der kurz davor seine gefeierte Serie „Adeles ungewöhnliche Abenteuer“ begonnen hatte. In der Zeit um den Ersten Weltkrieg erlebt darin die Titelheldin unheimliche, oft okkulte Abenteuer in einem sorgfältig nach Originalbildern recherchierten und enorm detailreich gezeichneten Paris: eine schlagend effektive Kombination.
Wie das Album „Der Schnüffler“ nach einem Manchette-Szenario zeigte, eignete sich Tardis Zeichenstil auch ideal, um den sozialen Vertigo einzufangen, der Krimis von Manchette prägt: Präzis konturierte Figuren in der Ligne-claire-Manier von „Tim und Struppi“-Schöpfer Hergé vor manchmal überbordend ausgestalteten Hintergründen. Neben Adele-Abenteuern, großen Antikriegs-Comics oder einem Ausflug zur Pariser Kommune verfolgte Tardi die Krimilinie weiter, vor allem mit Adaptionen der Nestor-Burma-Romane des Surrealisten Léo Malet, zuletzt – lange nach dessen Tod 1995 – auch wieder mit Manchette-Stoffen.
2005 erschien der Tardi-Manchette-Comic „Killer stellen sich nicht vor“, 2010 folgte „Im Visier“, mit „Zum Abschuss freigegeben“ hat er nun einen der wahnwitzigsten Manchette-Romane in bewährt stimmungsvolle Schwarz-Weiß-Bilder übertragen. Allein der Titel kann einen dabei schon in den Wahnsinn treiben, wie ein unterhaltsames Nachwort der Übersetzer belegt: Im Original pervertierte Manchette ein Rimbaud-Gedicht zu „? Dingos, ô Châteuax!“ (in etwa: „O Verrückte, o Schlösser“), die deutsche Erstausgabe hieß „Der Killer im Labyrinth“, die verdienstvolle Neuübersetzung von 2002 „Tödliche Luftschlösser“ (1975 gab es auch noch eine Verfilmung mit Tomas Milian namens „Zum Freiwild erklärt“). Aber das ist alles nichts gegen den Wahnsinn, der im Finale die Figuren mitreißt. Da scheint es ganz normal, wenn im Schlussbild urplötzlich ein Indianerhäuptling grüßt.
Der Zeichner. Jacques Tardi, geboren 1946 in Valence, zählt zu Frankreichs größten Comic-Künstlern. Bekannt wurde er mit „Der Dämon im Eis“ (1974, frei nach Jules Verne), berühmt durch „Adeles ungewöhnliche Abenteuer“ (1976 bis 1998). Tardi zeichnete zudem immer wieder nach Krimis.
Der Autor. Jean-Patrick Manchette, geboren 1942 in Marseille, war Autor und Journalist. Er galt als zentraler Erneuerer des französischen Krimis in den 1970ern („Néo-Polar“). Im Genre sah der linksradikale Schriftsteller Potenzial für Sozialkritik. Vor seinem Tod durch Krebs 1995 in Paris litt er an Agoraphobie und verschanzte sich über eine Dekade meist in seinem Haus.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)
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