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Leopold-Museum: Zeigst du mir deins, zeig ich dir meins (nicht)

18.10.2012 | 17:38 |  Von Almuth Spiegler (Die Presse)

„Nackte Männer“ bietet einen straighten, seriösen Überblick zur Entwicklung des Männerbildes in der Kunst an. Auf kulturhistorische Seitenblicke wird meist verzichtet. Obwohl sie manchmal spannender wären.

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Wer hat Angst vorm Zorn des Achill? Wer die „Illias“ kennt, weiß, dass dieser recht sexuell motiviert war, wurde ihm doch gerade die Kriegsbeute aus dem Bett gerissen. Man muss die U-Bahnzeitung also wohl verstehen, wenn sie ihren Lesern gerade bei diesem brisanten Thema das Geschlecht des Helden vorenthalten möchte, sicherheitshalber sozusagen: Man legte dort gestern bei der Ankündigung der Ausstellung „Nackte Männer“ im Leopold-Museum doch tatsächlich ein Feigenblatt vors Achilles-Zipferl (und es ist in diesem Fall wirklich nicht viel mehr) im Klassizismus-Schinken François-Léon Benouvilles.

Leopold Museum: Ganz seriöse ''Nackte Männer''

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Es fällt schwer, eine Kunstgeschichte männlicher Nacktheit nicht als eine der Verhüllungen zu erzählen. Zu verlockend sind all die Geschichten – vom roten Balken, der gerade über die Geschlechter dreier Fußballspieler auf dem Werbeplakat der Leopold-Ausstellung gelegt werden musste. Von Klimts stilisiertem Bündelchen in Theseus' Schritt auf dem Plakat zur ersten Secessions-Ausstellung 1890, das erst aufgehängt werden durfte, als Klimt vor expliziter Stelle ein phallisches Bäumchen wachsen ließ. Von Michelangelos Akten in der Sixtinischen Kapelle, damals mit einem „unzüchtigen Badehaus“ verglichen, die man nach dem Tod des Meisters mit Tüchern verdecken ließ, „Hosenmaler“ musste sich Daniele Volterra fortan schimpfen lassen. Die Übermalungen sind heute großteils entfernt, nur über Petrus' bestem Stück liegt noch ein Schleier der Verdrängung.

„Blech vor den Schwanz hängen“

Feigenblätter über nackten Wahrheiten waren allerdings noch bis in die Zwischenkriegszeit üblich in Museen, aus Gips, aus Bronze, aus Papier. Mark Twain machte sich während eines Florenz-Aufenthalts darüber lustig. 1759 fand der deutsche Papst der Antikenbegeisterung, Johann Joachim Winckelmann, noch harschere Worte: „Diese Woche wird man dem Apollo, dem Laokoon und den übrigen Statuen im Belvedere ein Blech vor den Schwanz hängen [. . .]. Eine eselsmäßigere Regierung ist kaum in Rom gewesen, wie die itzige ist.“ So viel noch zur U-Bahnzeitung rund 250 Jahre später.

Tobias Natter und Elisabeth Leopold, die Kuratoren der Wiener Ausstellung, hielten sich mit derlei kulturhistorischen Sidesteps allerdings nicht auf. Sie wollen so straight wie möglich durch das monströse Thema pflügen, was ihnen vor allem im historischen Teil gelungen ist, im zeitgenössischen wird der Blick naturgemäß unsicherer. Gelungen ist dennoch ein Überblick, den man so noch nicht gesehen hat, vom ältesten „Nude in town“, einem ägyptischen Entertainment-Beamten von 2400 v. Chr. aus dem KHM bis zu Robert Mapplethorpes wie gemeißelt wirkenden SW-Fotos ikonischer Schwänze.

Das Herz aber bildet der Wiener Frühexpressionismus mit den ersten radikalen Künstler-Selbstakten der Geschichte von Richard Gerstl und Egon Schiele. Es ist eben kein Zufall, dass gerade in Österreich die Kunstgeschichte der männlichen Entblößung aufgearbeitet wird, doppelt sogar, vom Leopold-Museum und vom Lentos Linz (ab nächster Woche). In Wien um 1900 wurde der Blick gedreht, wurde aus dem voyeuristisch betrachteten Sexobjekt, das fesche nackte Knaben seit der Antike immer auch waren, das selbstkritische Subjekt. Fern vom Schutz-, Helden- und Harmonie-Ideal der Antike, fern von selbstbestimmter Bürger- bzw. stolzer Genieattitüde aus Renaissance und Klassizismus, die männliche Nacktheit rechtfertigten. Die weibliche Nacktheit kam übrigens vergleichsweise spät ins Spiel, erst 350 v. Chr. mit einer Venus-Skulptur von Praxiteles. Davor liefen die Damen bekleidet, die Männer nackt über Vase und Wandbild.

Die Diskussion, worin über die Jahrhunderte hinweg die Unterschiede in Darstellung und Rezeption zwischen nacktem Mandl und nacktem Weiberl lagen und liegen, lässt man hier aus Kapazitätsgründen weg, obwohl sie äußerst spannend wäre. Sie über einen Vergleich der Werbeplakate anzureißen, wie bei der Pressekonferenz, ist allerdings wenig hilfreich. Dass ein Farbfoto nackter Penisse mehr Leute aufregt als eine zeitgleich plakatierte strammstehende Nackte, gemalt von Klimt, ist kein Zeichen für irgendetwas. Sondern hat schlicht anatomische Gründe. Man sollte eher an Courbets berühmtes Gemälde „Ursprung der Welt“, den direkten Zoom aufs weibliche Genital, denken, das Facebook ratzfatz zensiert hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2012)

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11 Kommentare

Wie schön,

.. dass hier nur eine Art der Provokation zugelassen wird.
Anderes fällt der Schere zum Opfer.

Gast: Gast 0000
19.10.2012 11:22
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Traurig...,

... daß man im Jahr 2012 solche Diskussionen führen muß. Man ist schon so übersättigt von nackten Frauen, überall, es holt niemanden mehr "hinterm Ofen hervor" (von Kindern ganz zu schweigen, die das täglich zu sehen bekommen und die schon von klein auf mit dem Bild der "ewig lüsternen Frauen" konfrontiert werden) aber kaum kommt ein bzw. drei "Spatzis" in Sicht, gehen die Wogen hoch! In welcher verlogenen Doppelmoral leben wir eigentlich??? Es ist soo krank...

Antworten Gast: Phil Andros
19.10.2012 12:16
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It's the anatomy, stupid

Ein frontal nackter Mann hat im Vergleich zu einer Frau nun einmal ein zusätzliches Kriterium in Sichtweise und Beurteilung - und DARUM dreht sich alles in dieser Diskussion, nur bleibt der eigentliche Grund fast überall unerwähnt, und DAS ist das eigentlich Scheinheilige daran oder beweist, dass der Penis nicht erst heute eben einen höheren Stellenwert hat....

Antworten Antworten Gast: Ripper
20.10.2012 19:22
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Re: It's the anatomy, stupid

Seit wann hat denn bitte der Penis einen höheren Stellenwert (als was überhaupt)? Ich denke dass Menschen die so denken (wie Sie offensichtlich) einmal einen Psychiaterbesuch in Betracht ziehen sollten. Ich sehen keinen Qualitativen Unterschied in der Darstellung des männlichen oder weiblichen Geschlechts. Ganz im Gegenteil ich finde Nacktheit natürlich und schön. Unnatürlich ist es nur sich aufgrund gesellschaftlichen Zwangs (der durch Menschen wie Sie ausgeübt wird) hinter zich Schichten Kleidung zu verstecken, was irgendwann darin ausartet, dass nur noch ein Schlitz zum durchsehen bleibt.

Antworten Antworten Antworten Gast: Phil Andros
22.10.2012 00:22
1 0

Seit wann?

Seit der ersten Erektion zeigt sich sein höherer Stellenwert....

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Die Probleme möcht ich habn

wenigstens kennt sie de Spieler aus. Mir war net guat die letzte Zeit, weil mir niemand in die letzten 10 Jahr mit mir wegen meiner Männlichkeit gred hat.

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Die Probleme möcht ich habn

wenigstens kennt sie de Spieler aus. Mir war net guat die letzte Zeit, weil mir niemand in die letzten 10 Jahr mit mir wegen meiner Männlichkeit gred hat.

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Sonderbar

Ja, das wird oft verdeckt. Ich kenne auch wenige Kunstwerke in denen Frauen mit gespreizten Beinen dargestellt sind. Männer sind also viel öfter mit nacktem Geschlechtsteil zu sehen.

Es hat schon absurde Formen angenommen, alles so hinzudrehen, dass eine Benachteiligung der Frauen herauskommt.

Danke, dass Sie wissen, ...

... wie man "Leopold-Museum" schreibt. Es ist sehr wohltuend, in diesem Zusammenhang einmal nicht das Deppenleerzeichen erdulden zu müssen.

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Re: Danke, dass Sie wissen, ...

Sie sind ja nicht nur ein Pfefferstreuer sondern ein richtiger Pfeffer Streuer.

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was ist ein

straighter, seriöser Überblick?
Gibt es auch einen "straighten", unseriösen Überblick?

Wie steigert man "straight"?
straight - straighter - am straightesten