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Kleine Stadtgeschichten: Wie Scrabble fast aus Wien kam

24.10.2012 | 18:26 |  GEORG RENNER (Die Presse)

Arbeiter-Schachmeister, Nazi-Quartett und die „Stoß“-Szene: Die neue Schau am Karlsplatz beleuchtet Aspekte des Spielens in der Stadt.

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Es gibt Themen, an denen kann man als Museum eigentlich nur scheitern – der Komplex „Spiele“ gehört zweifellos dazu. Schon Wittgenstein hat nämlich erkannt, dass die verschiedenen Konzepte, die unter das Wort „Spiel“ fallen – Brett-Spiel, Fußball-Spiel, Glücks-Spiel, Spiel-Zeug, Schau-Spiel und so weiter – nur „Familienähnlichkeit“ aufweisen; vereinfacht gesagt steht hier ein Begriff für völlig unterschiedliche Dinge, die praktisch nichts miteinander zu tun haben.

Das ist das Grundproblem, unter dem das Wien-Museum gestern, Mittwoch, die Ausstellung „Spiele der Stadt – Glück, Gewinn und Zeitvertreib“ eröffnet hat. Das Gute ist: Es ist ein Problem, dessen sich die Aussteller um Kulturwissenschaftler Ernst Strouhal (Angewandte) durchaus bewusst waren.

Statt sich auf einzelne Aspekte zu beschränken – etwa nur die Glücksspielgeschichte herauszugreifen –, umarmt die Schau die ganze Breite des Begriffes zwischen 1750 und Ende des 20.Jahrhunderts: Künstlerische Darstellungen der Kartensalons des 18. Jahrhunderts stehen hier neben Entwürfen für Kinderspielzeug im Bauhaus-Stil, ein Video-Interview mit Herbert Prohaska über die Spiele seiner Kindheit im selben Raum wie Spiele aus dem Dritten Reich („Führer-Quartett“).

 

Große Geschichten im Kleinen

Einen roten Faden, ein große geschichtliche Erzählung sucht man vergeblich in der dichten Ausstellung, die bis April 2013 angesetzt ist. Zu Recht – denn was die spielerischen Exponate am besten können, ist, „einzelne, große Geschichten an kleinen Dingen zu erzählen“, wie es Strouhal formuliert.

Mit dieser Erwartung sollte man auch in die Ausstellung gehen: Nicht um einen umfassenden Überblick über die Wiener Spielkultur geht es hier – sondern um viele kleine Alltagsepisoden von Spielern der Stadt. – Da ist etwa das Spiel „Typ-Dom“, beworben als „Mischung aus Domino und Kreuzworträtsel“, das der Wiener Andreas Weigl 1935 erfunden hatte – es ging darum, zufällig gezogene Steine mit Buchstaben zu Worten zusammenzusetzen. 1939 hätte Weigl beinahe 100.000 Stück von „Typ-Dom“ nach Amerika verkauft – der Weltkrieg kam dazwischen. Pech für Weigl: 1948 erlangte ein anderes Spiel mit der gleichen Idee unter dem Namen „Scrabble“ Weltruhm.

Oder der Nachbau der entscheidenden Stellung der zehnten Schachpartie zwischen dem Wiener Carl Schlechter und dem deutschen Titelverteidiger Emanuel Lasker bei der Weltmeisterschaft 1910. Schlechter hätte nur ein Remis gebraucht, um das Turnier für sich zu entscheiden. Er spielte aber auf Sieg – und verlor. Trotzdem war das der Höhepunkt der Wiener Kaffeehausschachkultur – deren Spieler, eine internationale Besonderheit, in weiten Teilen Arbeiterfamilien entstammten. – Ein weiterer Höhepunkt: Die Rekonstruktion der „Stoß“-Szene, jenes Glücksspiels, das in der Wiener Unterwelt um Prater und Gürtel zwischen 1950 und 1970 weite Kreise zog – und Falschspielern ein breites Betätigungsfeld bot.

Und da ist die Frage, wie viel Platz Kindern im öffentlichen Raum zum Spielen bleibt: Seit wann ist es etwa verboten, auf der Straße herumzutollen, seit wann wird kindlicher Spieltrieb auf eigenen Plätzen kanalisiert?

Diesem Thema ist auch die erste begleitende Veranstaltung gewidmet: Am 6.November referiert Landschaftsarchitektin Cordula Loidl-Reisch über Spielplätze einst und heute. Weitere Highlights im Programm: „Verbrechen und Spiel“ mit Zauberer Magic Christian und Ex-Sicherheitsbürochef Max Edelbacher und „Leidenschaft Tarock“, mit Lore Krainer und Andreas Khol.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2012)

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