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Nackter Mann gegen nackte Männer: 300 zu 155

24.10.2012 | 18:28 |  ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Nach dem Leopold-Museum vorige Woche eröffnet heute das Lentos Linz eine Schau über nackte Männer in der Kunst. Sie ist größer und spannender, ihre Schwäche ist allerdings die Vermittlung.

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Keiner weiß wann, aber einmal am Tag passiert es: Ein Tänzer im silbernen Höschen steigt auf das von Glühbirnen umrahmte kleine Podest, legt los und verschwindet wieder. Zurück bleibt eine leere Landefläche der Erwartungen, Sehnsüchte, Projektionen. Die Go-go-Dancing-Platform des 1996 an Aids verstorbenen Kubaners Félix Gonzáles-Torres ist das Lieblingsexponat von Lentos-Direktorin Stella Rollig in der größten Ausstellung, die im Linzer Museum je zu sehen war.

„Der nackte Mann“ (neben Rollig von Sabine Fellner und Elisabeth Nowak-Thaller kuratiert) ist aber auch die umfehdetste, zeigt doch das Wiener Leopold-Museum parallel dazu „Nackte Männer“, eine durch keine Kooperation entschärfte Aktion, deren Verlauf unklar bleibt. Die Unterschiede? Thematisch hat man im Lentos weiter, umfangreicher ausgeholt als im Leopold-Museum, in dem man dafür zeitlich länger zurückgeht. Will man daraus eine Besucherempfehlung formulieren: Tobias Natter und Elisabeth Leopold geben in Wien die kunsthistorische Einführung, die man dringend braucht, um die spannendere sozialhistorische Aufarbeitung in Linz unbeschwert genießen zu können.

Leopold Museum: Ganz seriöse ''Nackte Männer''

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Lächerliche Zahlenprotzerei

Hat man erst einmal das Wettrüsten, gespickt von Zahlenprotzerei verdaut – das Leopold gab bei der Pressekonferenz 300 Exponate an, um mit dem Lentos gleichzuziehen, dabei sind es laut Katalog nur 155 –, kann man sich tatsächlich freuen: Das nackte Mannsbild hat endlich sein verdientes Coming-out. Und man lernt – das Motiv war und ist beliebter, als man glaubte. Die Bilder wurden anscheinend nur nicht gern ausgestellt. Einerseits verkaufen sie sich ans Gros der Sammlerschaft (männlich, bürgerlich) nicht so reißend, wie Elke Krystufek bei ihren Männerakten feststellen musste. Andererseits wurden Museen von Männern geprägt. Und diese folgten wohl dem Verhaltensmuster, das eine 2001 verfasste, im Linzer Katalog zitierte Studie aufzeigt: Männer vergleichen sich zwar ständig, „dürfen sich aber den Blick aufeinander nicht eingestehen, da er Ausdruck des Begehrens sein könnte“.

Gegen diese unterschwellige Homophobie wird mit diesen Ausstellungen angekämpft, was sich auch in den Lieblingen der Kuratoren zeigt, die sich allen Querelen zum Trotz treffen. Auch ein Favorit von Tobias Natter stammt von Gonzáles-Torres: Auf einem Plakat sieht man ein verlassenes Bett, nur die Abdrücke zweier Köpfe in den Kissen sind geblieben. Es ist das Schlussbild der Leopold-Ausstellung. Und die perfekte Überleitung nach Linz, wo sich diese melancholische Grundstimmung durch alle zwölf Kapitel zieht. Diese überschneiden sich unvermeidlich mit manchen des Leopold-Museums, wo man sich prinzipiell aber eher chronologisch vorantastete, vom alten Ägypten bis ins Heute. In Linz beginnt man erst mit 1900 und legt den Schwerpunkt auf Zeitgenössisches. Schlagwörter wie „Ich“, „Schwul“, „Schmerz“, „Adam“ geben den Takt vor, unter „Herrschaft“ wird, anders als im Leopold-Museum, wo man sich dabei auf den Katalog beschränkt hat, auch der NS-Kunst Raum gegeben. Der von Ideologien missbrauchte männliche Körper ist aber ein starkes, unumgängliches Kapitel.

 

Alter Herr darf gleich zwei Mal sexy posen

Stärker vertreten und nicht zu einer Gruppe zusammengefasst, sondern untergemischt sind die weiblichen Blicke auf den Mann, mit Beispielen von Marlene Dumas, Helene Funke, Modersohn-Becker, Krystufek oder Maria Lassnig. Die beiden Letzten sind wie viele andere in beiden Schauen vertreten, auch genau gleiche Arbeiten finden sich: Ein Latexschatten Ilse Haiders, Katarzyna Kozyras aufwendige Filmspechtelei in ein orientalisches Männerbad und, seltsamerweise, das köstliche Sexy-Posing eines faunischen älteren Herrn, den hierzulande eigentlich niemand kennt, den kroatischen Konzeptkünstler Tomislav Gotovac.

Überhaupt, muss man sagen, sind die intensivsten oder ironischsten Arbeiten von Männern: Artur Zmijewskis nackte Militärparade im Ballettsaal. Franz Kapfers Video, auf dem ihn ein gewaltiger umgeschnallter Metallpenis in die Erschöpfung treibt. Ron Muecks hyperrealistisches, in Decken gehülltes Männerbaby. Der herausragende Strip des Durchschnittsmanns Peter Land. Lucian Freuds unendlich empathisches Porträt von Leigh Bowery. Was auffällt: Auch in Linz ist der Wiener Aktionismus nicht seiner enttabuisierenden Bedeutung entsprechend vertreten. Auf einige Linzer Lokalmaler hätte man ohne Gehaltsverlust verzichten können. Ebenso wie auf die meisten ungarischen Beispiele, die der Kooperation mit dem Budapester Ludwig-Museum geschuldet sind.

Ein wenig mehr Didaktik hätte schließlich dafür gesorgt, dass man Otto Normalbesucher zur Vorbildung nicht ins Leopold-Museum schicken müsste, wo man sich nicht zu gut war, auch die herausragende kunsthistorische Bedeutung des männlichen Akts u.a. von Schiele oder Anton Kolig darzulegen. Im Lentos beschränkt man sich auf knappe Beschilderung und gönnt nur mageren 36 von 300 Werken nähere Erläuterungen in einem Saalheft. Schade.

Bis 17.2., Di–So: 10–18h, Do: bis 21h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2012)

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1 Kommentare
Gast: bitteichweisswas
25.10.2012 11:01
0 0

soweit

ich weiss, handelt es sich bei Franz Kapfers "Metallpenis" um einen gusseisernen Metallboller, der lediglich an einen Phallus erinnert- das nur so nebenbei