Ein Kraftakt: Sieben Kilo Klimt

10.11.2012 | 18:25 |  von Almuth Spiegler (Die Presse)

Leopold-Museums-Direktor Tobias Natter hat einen monumentalen Klimt-Band herausgegeben, bei dem fetischistisch in Details geschwelgt wird. Die Aufsätze stammen von renommierten Experten.

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Das ist kein Coffeetable-Buch. Das ist ein Coffeetable. Fast jedenfalls. So einen „Prachtband“ hat man wirklich selten in (beiden) Händen gehalten, selbst für den aufwendige Produktionen gewöhnten Taschen-Verlag ist der neue Klimt-Band wohl opulent zu nennen: A3-Format, 659 Seiten stark, rund sieben Kilo schwer (zeigt die Personenwaage an). Wurde 2007 in der „Presse“ schon Alfred Weidingers Klimt-Goldziegel (Prestel) als „unsinnig groß“ kritisiert, muss man sich hier wohl auf „wahnsinnig groß“ steigern.

Für den täglichen Gebrauch ist diese Luxus-Ausgabe um 150 Euro wahrlich nichts. Und ohne die (schnell eingerissene) Kartontasche mit Plastikhenkel auch nicht ohne Weiteres zu stemmen. Ansonsten kommt man aus dem (provozierten) Staunen nicht heraus: Benedikt Taschen scheint ein nahezu fetischistisches Faible für den Jugendstilstar entwickelt zu haben. Was selbst den Herausgeber, Leopold-Museums-Direktor Tobias Natter, überrascht hat, merkte man ihm in einem Gespräch während der Entstehung an. Seite um Seite schlägt man um mit goldenen Spiralen, Schmetterlingen, Blümchen, lauter Details aus den Mosaiken des Palais Stoclets. Dann stößt man überhaupt erst auf Natters Vorwort.

Gerne würde man bei solchem Aufwand zumindest in der Bildlegende erfahren, welcher Vergrößerungsgrad – oder ist es die tatsächliche Größe? – hier gewählt wurde, um sich ein Bild vom Original zu machen. Wobei wir beim Lob wären: Denn alles in allem konnte man sich nie ein besseres Bild machen vom 1911 montierten Esszimmer-Mosaikfries des Brüsseler Palais Stoclets, zwei Meter hoch, acht Meter lang, einem absoluten Hauptwerk Klimts, das eifersüchtig in Privatbesitz gehütet wird. Nur selten lässt die Familie Experten in ihr Allerheiligstes. Für Taschen machte sie zwei Ausnahmen: Man ließ den Raum neu durchfotografieren. Und gestattete sogar, dass die Buchpräsentation hier stattfand. Anette Freytag hat den Aufsatz zum Fries geschrieben und kommt zum Schluss, dass Klimt hier einen „künstlichen Garten“ in Josef Hoffmanns Architektur pflanzen wollte. Dass bei einem derlei prominenten Aushängeschild für Wiener Kultur wie diesem Buch gerade der traditionsreiche Luster-Hersteller Lobmeyr falsch geschrieben wird („Lobmayer“), ist allerdings ziemlich peinlich.

Optisch setzt man weiter auf Überwältigung: Man kann sich von der Fernsicht auf die Mosaike bis zu den Details heranblättern, zum Teil mit ausklappbaren Doppelseiten, was der Materialvielfalt und der Präzision der Ausführung gerecht wird. In der unglaubliche 80 Seiten langen Bildstrecke hätte man statt seitenweise Mosaikdetails und poster-ähnlichen Faltblättern der Hauptfiguren aber lieber Klimts Vorzeichnungen aus dem MAK größer gesehen, die vergleichsweise winzig vorkommen. In Hochglanz hätten sie wohl nicht so viel hergegeben. Wobei der Beitrag von Albertina-Fachfrau Marian Bisanz-Prakken zu den Zeichnungen sehr wohl ausführlich bebildert ist.

Natter konnte weitere renommierte Klimt-Experten für Aufsätze gewinnen, u.a. Hansjörg Krug, der die Schriften Klimts kommentierte. Susanna Partsch nahm sich des Spezialgebiets Natters, der Damenporträts, an. Natter selbst konzentrierte sich auf den Gemälde-Katalog, ein immer mit Spannung erwartetes Verzeichnis, sind hier doch die Entdeckungen zu erwarten. Mit spektakulären Neuheiten kann Natter allerdings nicht aufwarten, was bei einem derart erforschten Künstler auch nicht zu erwarten ist. Die Konkordanz-Tabelle, also der Vergleich der bisherigen Werkverzeichnisse, legt dennoch sieben neue Nummern im Vergleich zu Weidingers Prestel-Band nahe.

Darunter sind vier verschollene Gemälde ohne Abbildung, gut. Ärgerlich aber sind zwei Stellvertreter-Eintragungen für nicht genauer definierte Porträts sowie „Unbekannte Landschaften“ – denn Klimt hat Briefen zufolge am Attersee mehr Bilder gemalt, als man kennt. Bei derart vagen Angaben wundert es aber doch, dass nicht auch „Seeufer mit Birken“ aufgenommen wurde, 2011 von Weidinger entdeckt und in London verkauft. Natter konnte es nicht mehr rechtzeitig sehen, gibt er an. Immerhin kann die bloße Existenz des Bildes aber durch ein historisches Foto einer Secessions-Ausstellung von 1901 doch als gesicherter gesehen werden als „in Arbeit“ befindliche Landschaften durch briefliche Erwähnungen. Die Konkurrenz hält die Klimt-Wissenschaft also lebendig: Im Mai erscheint Weidingers aktualisierter Werkkatalog. Aber keine Angst. Nach dem Prestel-Goldziegel und dem „Taschen-Trumm“ wird es wieder spartanischer – Weidingers Neuausgabe wird ein „reiner Werkkatalog, kein Bildband“ mehr. Buchpräsentation: 14.11., 19h im Leopold Museum

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2012)

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