Krems: Protest der Kuscheltiere

16.11.2012 | 18:32 |  ALMUTH SPIELGER (Die Presse)

Anna Jermolaewa stieß im Straflager auf Pussy Riot, als sie der Geschichte ihrer Familie nachspürte. Die Kunst der Austro-Russin ist politisch. Jetzt in der Kunsthalle Krems.

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Wie stellen Sie sich ein russisches Gefangenenlager vor? Weit weg von Moskau, Stacheldraht, baufälliges Gebäude, Schnee und Eis? Genau, so ist es. Die Fotos, die Anna Jermolaewa im Oktober in der Lagerregion Perm machte, bestätigen jedes Klischee. „Es war eine Reise in die Vergangenheit, die in Gegenwart und Zukunft führte“, erzählt die 1970 in Russland geborene, 1989 nach Österreich geflohene Videokünstlerin bei der Eröffnung ihrer ersten großen Werkschau.

Sie wollte dem Schicksal ihres 1930 deportierten Urgroßvaters nachgehen, reiste bei Minusgraden mit dem Auto in die im Sommer unzugängliche, weil sumpfige Gegend. Und fand dabei in einem Gefängnis ein Mitglied von Pussy Riot, der Künstlerinnen-Punkband, die wegen Kritik an Putin ins Arbeitslager geschickt wurden. Niemand wusste damals, wohin.Jermolaewa gab beim Eingang Lebensmittel für sie ab. Die Fotos des Gefängnisses, ein Film der Reise durch Perm und Fundstücke aus einem aufgelassenen Lager bilden jetzt den „Gulag-Raum“ in Krems. „In den vergangenen Jahren hat man politisch Andersdenkende zumindest unter einem Vorwand verurteilt, ihnen Drogen etc. untergeschoben. Pussy Riot sitzen einfach wegen Putin. Man muss also sagen: Es gibt wieder Gulags in Russland.“

Der „Gulag-Raum“ zählt zwar nicht zu den stärksten Werken Jermolaewas, dazu ist er zu dokumentarisch. Aber es ist gut so und liegt auf der Hand, dass die Zustände in ihrer Heimat gerade sie nicht kaltlassen. Auch sie war als Mitgründerin der ersten oppositionellen Partei Demokratische Union politisch verfolgt, musste fliehen.

Viele ihrer Arbeiten kreisen um diese Biografie. So verbrachte sie einige Tage auf einer Bank am Westbahnhof. 17 Jahre später hielt sie auf Video fest, wie unmöglich es ist, auf einer heutigen Bahnhofsbank eine vernünftige Schlafposition zu finden – und nährt damit den Verdacht, der in Los Angeles bewiesen ist: Die Bänke werden so gestaltet, dass Bedürftige sie nicht nutzen können. Jermolaewa kam dann ins Flüchtlingslager Traiskirchen: „Essen, Essen, Jamjam“, tönt es aus dem Lautsprecher in die Ausstellungshalle, so wie es im Lager Flüchtlingen entgegenschallte. Jermolaewa studierte dann in Wien Kunstgeschichte und Kunst bei Peter Kogler (und Birgit Jürgenssen, die sie sehr schätzte). 1999 war sie auf der Biennale Venedig mit einem Videotriptychon, das Hühner am Grill zeigt. Die Hühner zeigen eine Linie auf, die sich durch ihr Werk zieht: Immer wieder benutzt sie Tiere als Metaphern für soziale Muster. Einen entsetzlich engen Rattenkäfig etwa, den sie auf einem Tiermarkt in Mexico City filmte. Eine Hündin, die ihre Jungen säugt, während sie selbst gefüttert wird. Tauben, die auf den Zeigern der Bahnhofsuhr sitzen, allerdings nur dann, wenn die Zeiger horizontal stehen, keine volle Stunde anzeigen – „Good times/Bad times“, heißt die Arbeit (oben im Bild, © VBK)lakonisch.

Diese Lakonie ist wunderbar. Sie zeigt sich auch in Jermolaewas Hang zu Spielzeug, das sie wie die Tiere als Stellvertreter nutzt. „Überlebenskampf“ heißt ein Video, das nur zeigt, wie eine Gruppe russischer Stehaufmännchen immer heftiger ins Trudeln kommt, von unsichtbarer Gewalt getrieben. Von sichtbarer Gewalt getrieben, wollten russische Aktivisten das Versammlungsverbot unterlaufen, indem sie Plastikspielzeugfiguren an ihrer statt mit Schildern auf die Straße stellten. Was ihnen von der Polizei ebenfalls untersagt wurde – die Figuren kämen aus China, hätten keine Staatsbürgerschaft und dadurch kein Versammlungsrecht. Jermolaewa nahm sie kurzerhand mit und gibt ihnen jetzt in Krems das Recht. Protest der Kuscheltiere.

Auf einen Blick

Anna Jermolaewa wurde 1970 in St. Petersburg geboren, war politisch aktiv, floh 1989, kam nach Österreich, erst nach Traiskirchen, dann studierte sie Kunst, lehrte bis 2011 an der Kunst-Uni Karlsruhe.
Die Ausstellung läuft bis 17. 2. in der Kunsthalle Krems, tägl. 10–17h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2012)

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