Südamerikas Kunst kehrt heim

19.01.2013 | 18:39 |  von Sabine B. Vogel (Die Presse)

Eine Schweizer Unternehmersgattin schenkt Rio de Janeiro ein nagelneues Kunstmuseum. Die "Casa Daros" eröffnet noch dazu mit einer brisanten Ausstellung – Kunst aus dem Nachbarland Kolumbien.

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Früher war es ein Waisenhaus. Damals stand die Anlage noch vor den Toren Rio de Janeiros. Aber heute, 150 Jahre später, ist Rio auf Platz 24 der Liste der größten Metropolen der Welt. Jetzt ist hier das teuerste Viertel der Stadt. Nahe dem Jachthafen gleich vor dem berühmten Felsen namens Zuckerhut gelegen, lebt hier in abgezäunten Apartmenthäusern die neureiche Mittelschicht Brasiliens. Und mittendrin eröffnet in wenigen Wochen das ehemalige Waisenhaus als perfekt renoviertes, nagelneues Kunsthaus, und zwar mit einer brisanten Ausstellung: Kunst aus Kolumbien.

Kunst aus Brasiliens Nachbarstaat, der für Armut, Drogenkriege und paramilitärischen Wahnsinn bekannt ist? Genau dieses Vorurteil soll die Schau tatsächlich vorführen – und Brasilien, dem wirtschaftlich starken Land, einen Spiegel vorhalten. Die Situationen seien in beiden Ländern vergleichbar, erläutert Hans-Michael Herzog, was aber so nicht wahrgenommen wird. Er will mit der Ausstellung in Rio eine „kleine Bombe“ platzen lassen, den Eigenblick verändern und zugleich die kaum bekannte, hochpolitische Kunst Kolumbiens bekannt machen.

Sämtliche Werke stammen aus der Daros-Lateinamerika-Sammlung. Unter diesem Namen baut der deutsche Museumsmann Herzog im Auftrag der Schweizer Unternehmersgattin Ruth Schmidheiny seit 2000 eine der größten Sammlungen lateinamerikanischer Kunst mit Hauptsitz Zürich auf. „Angefangen haben wir bei null“, erzählt Herzog. „Aber wir hatten viel Zeit und waren oft die Ersten, die sich für die älteren Künstler interessierten.“ Sie kauften zunächst Werke aus den 1980er- und 90er-Jahren, später auch aus den 1960ern und kontinuierlich Aktuelles. Heute umfasst die Sammlung knapp 1200 Arbeiten von 115 Künstlern.

Ein unentdeckter Schatz.
Als jährliches Ankaufsbudget steht eine halbe Million Schweizer Franken zur Verfügung. Eine ordentliche Summe, für die es heute aber längst nicht mehr so viel zu kaufen gibt wie anfangs. „Damals war die Kunst Südamerikas noch ein nahezu unentdeckter Schatz“, erinnert sich Herzog. Nicht nur waren die poetisch-konzeptuellen Werke eines Helio Oiticica (1937–1980) oder die minimalistisch-verspielten Skulpturen von Waltercio Caldas (geb. 1946) im Westen nahezu unbekannt. Auch im eigenen Land spielte Kunst keine Rolle, Militärdiktaturen herrschten in mehreren Staaten, viele Künstler waren ausgewandert. Antonio Diaz (geb. 1944), von dem Daros elf Werke besitzt, lebte lange in Mailand, später in Köln und zog erst vor wenigen Jahren zurück in seine Heimat Rio. Denn mittlerweile ist Kunst in Lateinamerika zur gefragten Investition geworden. Heute ist Diaz ein Star. Seine mit Pop-Art-Elementen flirtenden Bilder aus den 1970ern werden über die Millionengrenze hochgesteigert.

Binnen etwas mehr als einer Dekade ist nicht nur die Kunst Südamerikas weltweit gefragt. Auch ohne die schwerreichen lateinamerikanischen Sammler wäre der Kunstmarkt ärmer, die Art Basel Miami gar nicht vorstellbar. Und schon planen erste westliche Galerien Filialen auf der anderen Seite des Pazifiks, White Cube aus London wird Räume in São Paulo eröffnen.

Der große Erfolg der lateinamerikanischen Kunst gibt der Daros-Sammlung recht. Warum aber bringt die Sammlung die Werke jetzt wieder zurück? „In Lateinamerika findet kein kultureller Austausch zwischen den Staaten statt“ – und genau das will Herzog mit der Casa Daros als „Scharnier“ ändern. Darum auch heißt es nicht Kunsthalle, sondern „Haus“. Darum gibt es eine öffentliche Bibliothek, Veranstaltungsräume und ein umfassendes Vermittlungsprogramm. Denn die Freude an dem steigenden Wert von Kunstwerken ist schön und gut. Ohne eine kulturelle Verankerung, kunsthistorische Aufarbeitung und einen lebendigen Austausch kann sich das aber schnell wieder ändern.

Eröffnung: 23.3.2013

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2013)

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