Schieles Liebesverrat kostet Millionen

02.02.2013 | 18:14 |  von Almuth Spiegler (Die Presse)

Die Leopold-Stiftung versteigert drei bedeutende Papierarbeiten Schieles, um den Vergleich mit Jenny Steiners Erben für das Bild "Häuser am Meer" zu finanzieren.

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Zuletzt hat das Leopold-Museum eher mit „Nackten Männern“ für Schlagzeilen gesorgt – mit einer speziellen Abendöffnung für Nudisten am 18. Februar schaffte man es sogar in englischsprachige Medien. Auf dem Kunstmarkt aber regieren – als Motiv! – immer noch die Frauen, und wenn sie nicht wie Klimts Adele in Gold gekleidet sind, dürfen sie ruhig auch nackt sein.

So auch das unbekannte Mädchen, das auf einem Blatt, das kommenden Dienstag in London versteigert wird, auf dem Rücken liegt und dabei die nackten, gekreuzten Beine so anzieht, dass ihre Scham frei liegt. Die Arme hat sie sich selbst um den Hals geschlungen, eine Selbstumarmung also, die sie zu genießen scheint, auch wenn ihre Gesichtszüge nicht ausgearbeitet sind. Es ist eine der letzten Zeichnungen, eine Kohlezeichnung, die der 28-jährige Schiele kurz vor seinem Tod 1918 angefertigt hat. Wobei Schiele ein ambivalentes Beispiel ist, um die zweifellos sexistische Aktzeichnung seiner Zeit zu beleuchten – hat er zwar sehr wohl radikal sehr junge Mädchen sehr sexuell dargestellt, so hat er doch auch sich selbst als Erster in der Kunstgeschichte nicht geschont. Seine Aktselbstporträts, die ihn sogar masturbierend zeigen, sind bahnbrechend und waren ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus. Dennoch: Den Sexualtrieb des Mannes stellte er eher als schmerzhaft dar, den der Frau als lustvoll, ganz den misogynen Theorien seiner Zeit folgend.

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Sein aus heutiger Sicht schwer suspektes Verhalten gegenüber seiner langjährigen und treuen Geliebten, Wally Neuzil, hat uns dennoch einige der besten Bilder über das Spannungsverhältnis von Mann und Frau geschenkt. Und gibt dem Leopold-Museum jetzt die Möglichkeit, bis zu 14 Millionen Euro einzuspielen, um ein Hauptwerk der Sammlung, Schieles Ölbild „Häuser am Meer“, zu halten, einen Restitutionsfall. Dafür hat man sich mit den Erben nach Jenny Steiner im Juni auf einen Vergleich geeinigt. Um diesen zu finanzieren, trennt man sich jetzt via Sotheby's-Auktion von drei bedeutenden Schiele-Arbeiten auf Papier, laut Auktionshaus „eine der wohl wichtigsten Gruppen von Papierarbeiten von Egon Schiele, die jemals auf dem Markt angeboten wurden“. Dem Auktionsmarkt, wohlgemerkt.

Eigener Auktionskatalog. Um das Ereignis auch dementsprechend zu zelebrieren, wurde sogar ein eigener Katalog für die drei Blätter gedruckt, auch eine Verbeugung vor dem Einbringer, der Leopold-Stiftung, einem Kunden, bei dem es sich wohl auszahlt, ihn opulent zu umwerben. Die Blätter jedenfalls haben es verdient, am wenigsten der etwas schwüle Mädchenakt, vor allem aber die beiden anderen: das Selbstporträt Schieles in smaragdgrünem Hemd, das einen fast skurrilen Gegensatz zeigt. Die Haltung eines Betenden mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen, und die eher mangelhafte Adjustierung mit knalligem Hemd und nackten Beinen. Es könnte, wird gemutmaßt, als eine Art Werbungsporträt gedient haben, der Unterhaltung der bürgerlichen Schwestern Adele und Edith Harms, die Schiele damals, 1815, gerade umwarb. Edith war schließlich die, die ihn heiratete. Und mit ihm wenig später schon an der spanischen Grippe starb.

Welcher Zwiespalt tatsächlich in seinem Inneren geherrscht haben muss, als sich Schiele mit Edith für eine bürgerliche Absicherung entschied und gegen die Liebe und Treue seiner langjährigen Geliebten Wally, die als Malermodell nicht standesgemäß erschien, zeigt das dritte Blatt, das Hauptwerk dieses Dreigestirns: Man sieht Wally, wie sie sich, zwischen den Beinen ihres Geliebten kauernd, an ihn klammert. Mit weit aufgerissenen, leeren Augen. Schiele wusste, dass er sie durch seine Entscheidung brechen würde. Linkisch streicht er ihr übers Haar, sein direkt auf den Betrachter gerichteter, unsicherer Blick heischt um Verständnis. Das Abbild einer menschlichen Tragödie. Seinen unbeholfenen Vorschlag, doch weiterhin einmal im Jahr miteinander Urlaub zu machen, lehnte Wally ab. Sie meldete sich als Krankenpflegerin und starb ein Jahr vor Schiele, im Dezember 1917, in Dalmatien an Scharlach. Das Andenken an ihre Verzweiflung soll jetzt allein schon acht bis 10,6 Millionen Euro bringen und könnte damit die teuerste Papierarbeit werden, die von Schiele je versteigert wurde. Der bisherige Rekord fiel 2007 mit rund 8,2 Mio. Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2013)

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2 Kommentare

Schiele..

..ist unser Held!

Ein ausgezeichneter Artikel !


Leider nur mit der Lupe zu finden



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