Familienfotos: Die Idylle drückt

Gerade heute scheint das Bedürfnis groß, die heile Familie fotografisch festhalten zu lassen. Wo die Vorbilder in der Kunst liegen. Und wie delikat so eine Repräsentation sein kann.

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Gibt es in Zeiten, in denen einem überall die Gesichter anblecken, in denen jeder pausenlos alles an alle digital übermittelt, eigentlich etwas Anachronistischeres, als sich porträtieren zu lassen? Und dann noch als Kernfamilie? Nein. Im Gegenteil. Es scheint sogar eine Art geheime interfamiliäre Leidenschaft zu sein: Die hochglänzende, perfekt inszenierte, idealisierende Selbstpräsentation einer heilen Welt boomt, wie eine kleine Facebook-Umfrage ergab. „Jeder hat irgendwo 10.000 Digitalfotos herumliegen, die nie jemand ansieht. Vielleicht will man einfach Bilder, die bleiben“, schreibt eine Freundin. Alle zwei Jahre beauftragt ihre Familie einen Fotografen oder eine Fotografin. Sogar mit künstlerischem Anspruch. Selbst das scheint nicht allzu selten.

Grund genug, sich einmal vor Augen zu führen, in welcher Tradition man damit eigentlich steht. Die ersten Familiendarstellungen in der Kunst stammen natürlich von der Heiligen Familie, ganz klassisch als Vater, Mutter, Kind bzw. mit dem erweiterten spirituellen Verwandtenkreis posierend. Schon hier vermischten sich manchmal Realität und Idealisierung, Künstler nahmen ihre Frauen als Modelle, Dürers Agnes etwa lieh einer heiligen Anna (selbdritt, 1519, Metropolitan Museum) ihre Züge. Die ersten Ehepaare schummelten sich als kleine Stifterfiguren schon seit dem Mittelalter in die Heiligenbilder.

Erstes Familienporträt war Fresko. Als erstes sakral unverbrämtes Familienporträt überhaupt gilt Andrea Mantegnas Fresko der Gonzaga-Familie im „Hochzeitszimmer“ des Palastes in Mantua, um 1470. Die steinalten Gesichter der Kinder sind grotesk – so sieht eine „Erblinie“ eben aus, also das, was Kinder bis vor gar nicht so langer Zeit für Familien bedeuteten. Fast ausschließlich.

Immer wieder sind es die Kinderdarstellungen in den Familienbildern, die haften bleiben: die so verloren wirkende Infantin Margarita in Diego Velázquez' „Meninas“, 1656–1657, umgeben von Hofstaat samt „Hofzwergen“, die Eltern nur als Spiegelbild in weiter Ferne präsent. Noch schräger: Francisco Goyas Bild der Familie von Karl IV., 1800–01: Thronfolger Ferdinand steht ganz am Rand, er wird sich später gegen seine Eltern wenden, die Frau neben ihm hat das Gesicht in einer unbequemen Verrenkung abgewandt – sie soll die Braut sein, die zum Zeitpunkt des Porträts noch nicht ausgewählt war! Und in der Mitte das ernüchternd hässliche Herrscherpaar. Das den drastischen Realismus Goyas tatsächlich zu goutieren wusste.

Ein Grund, warum das moderne Familienporträt in der Fotografie verankert ist, weniger in der Malerei. „Wir gehen immer noch davon aus, dass die Fotografie die Wahrheit vermittelt“, erklärt Meike Kröncke, die gerade das Buch „Beyond the Family. Inszenierungen von Gemeinschaft in der zeitgenössischen Fotografie“ veröffentlichte (Verlag Fink). „Die Familienfotografie fungiert als Indiz für das Bestehen der Gemeinschaft und war und ist stark symbolisch aufgeladen.“ An den Repräsentationsformen, der Wahl von Perspektiven, Orten, Anlässen hat sich im Lauf der Geschichte überraschend wenig geändert, obwohl die Umstände mittlerweile völlig andere sind. Gerade deswegen scheint unser gelerntes Bild einer heilen Welt aber mit allen optischen Mitteln festgehalten werden zu müssen. Interessanter ist also die Frage, was wird ausgegrenzt, so Kröncke. Welche Personen, welche Anlässe, welche Orte. So ein Familienporträt kann also eine ziemlich gefährliche Sache werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2013)

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