Fotografie: Ein Bild lügt mehr als tausend Worte

22.02.2013 | 18:44 |  OLIVER GRIMM (Die Presse)

Vom Bürgerkrieg in Paris bis zu Goebbels' peinlichen Frauengeschichten: Seit der Mensch Fotos schießt, verfälscht er sie. Die National Gallery of Art in Washington blickt nun auf 180 Jahre Manipulation in Kunst und Politik.

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An einem Sonntag im Oktober 1960 sprang Yves Klein von einem Hausdach auf die Straße. Das heißt: Eigentlich warf er sich nicht einmal, sondern mehrfach aus gut zehn Metern Höhe auf den Asphalt. Und wenn man es ganz genau nimmt, wartete da unten auf ihn nicht die harte Realität einer Pariser Vorstadtstraße, sondern ein Dutzend kräftiger Judokämpfer, die ein weiches Sprungtuch aufspannten.

Auf dem Bild, das einen Monat später Kleins einmalige Avantgarde-Zeitung „Dimanche“ zierte, sah man jedoch weder die Männer noch das Tuch. Klein hatte eines der berühmtesten Kunstfotos aller Zeiten geschaffen – mit einer manipulativen Technik, die mehr als hundert Jahre alt war.

Seit es Fotos gibt, werden sie nachträglich verändert: um sie schöner zu machen, ein Kunstwerk zu schaffen oder eine politische Botschaft zu transportieren. Dass dies in der Zeit vor der digitalen Fotobearbeitung kaum anders war als heute, wo jedermann mit Computerprogrammen wie Photoshop selbst zum Bilderfälscher werden kann, zeigt die Ausstellung „Faking it“, die soeben in der National Gallery of Art in Washington eröffnet wurde. (Sie läuft bis 5.Mai.)

 

Zu viel Licht am Himmel

„Die Leute fragen oft, wie Photoshop die Natur der Fotografie verändert hat“, sagt Mia Fineman, Kuratorin für Fotografie am New Yorker Metropolitan Museum of Art, wo diese Ausstellung ihre Premiere hatte. „Meine Antwort darauf ist: nicht sehr. Die Techniken haben sich geändert, aber die Motivationen und Ergebnisse sind dieselben.“

Das lässt sich anhand von Kleins Sprung ins Leere gut erklären. Das veröffentlichte Bild wurde in der Dunkelkammer aus zwei Fotos derselben Straße zusammengesetzt. Der obere Teil zeigt Klein im Sprung, der untere die bis auf einen unbeteiligten Radfahrer menschenleere Szenerie. Die beiden Fotografen, Harry Shunk und János Kender, machten das so kunstfertig, dass die Illusion des fliegenden Klein noch heute täuschend echt wirkt – genauso täuschend echt wie die dramatischen Landschaftsaufnahmen, die Édouard Baldus und Carlton E. Watkins in den 1850er- und 1860er-Jahren machten.

Sie fotografierten Landschaften und Himmel getrennt voneinander und bastelten sie erst nachher zu stimmigen Bildern zusammen. Das hatte einen einfachen Grund: Die Chemikalien, die man damals zum Fotografieren verwendete, reagierten besonders stark auf blaues und violettes Licht. Schoss man ein Landschaftsbild, war entweder der blaue Himmel darauf stark überbelichtet oder die Landschaft unterbelichtet. Sprich: Entweder war es oben auf dem Foto weiß oder unten schwarz.

Diese Fälschungen waren den Zeitgenossen von Baldus und Watkins egal, erklärt Fineman: „Man manipulierte, um die technischen Grenzen des Mediums auszugleichen. Unseren heutigen Standard objektiver Wahrheit gab es noch nicht. Das war ja vor dem Fotojournalismus.“

Die Geschichte der politisch motivierten Fotomanipulation beginnt allerdings auch im 19.Jahrhundert. Nach der Niederschlagung der Pariser Commune im Jahr 1871 inszenierte der reaktionäre Porträtfotograf Ernest Eugène Appert eine Reihe kleiner Motive unter dem Titel „Verbrechen der Commune“. Bei den tatsächlichen Geschehnissen war er natürlich nicht dabei, zumal es die damalige Technologie ohnehin nicht erlaubt hätte, bewegtes Geschehen bildlich festzuhalten. Also stellte er die Szenen mit Schauspielern nach und kopierte die Köpfe der stadtbekannten Communards auf deren Leiber. Das Ergebnis ist für das heutige Auge lachhaft unglaubwürdig. Doch Fineman erinnert daran, dass fotografische Propaganda damals wie heute nicht unbedingt wahrhaftig sein muss, sondern in erster Linie die vorgefassten Meinungen des Betrachters verstärken soll: „Als ich im US-Wahlkampf 2008 die Fotomontage von Sarah Palin im Stars-and-Stripes-Bikini mit Gewehr in der Hand sah, dachte ich mir im ersten Moment: Ja, das ist, was sie ist. Eine bewaffnete frühere Schönheitskönigin.“

 

Stalins Retuschen

Auf eine andere Weise bemerkenswert sind zwei weitere Beispiele propagandistischer Fotomontagen, die in der mehr als 200 Werke umfassenden Ausstellung mit Leihgaben von 45 ausländischen Sammlungen gezeigt werden. Von einem Bild aus dem Jahr 1926, das Stalin mit vier Vertrauten aus dem Politbüro zeigt, sind bis 1949 nacheinander drei Männer wegretuschiert worden. Denn in der „Großen Säuberung“ hat der Diktator ab 1936 tausende Parteimitglieder ermorden lassen. Eine ironische Geschichtsfälschung: Der Diktator, der sich so allmächtig fühlt, dass er per Fotomontage Geschehenes ungeschehen machen zu können glaubt, fühlt sich gleichzeitig von simplen Bildern in seiner Macht bedroht.

Das war im Dritten Reich nicht anders. Ein Foto von Hitlers Leibfotografen, Heinrich Hoffmann, zeigt den Führer 1937 mit der Regisseurin Leni Riefenstahl im Garten ihrer Berliner Villa. Doch wo im Original Joseph Goebbels stand, an Riefenstahls Seite, klafft in der veröffentlichten Version eine verdächtige Lücke. Kein Wunder: Der Propagandaminister trug den Spitznamen „Bock von Babelsberg“; nicht nur mit Riefenstahl sagte man ihm außereheliche Affären nach.

Solch plumpe Manipulation würde im Zeitalter von Facebook und Twitter rasch enthüllt werden – man denke nur daran, wie sich der ägyptische Machthaber Hosni Mubarak vor der Weltöffentlichkeit blamierte, als er ein Bild vom Besuch des US-Präsidenten, Barack Obama, manipulieren und sich selbst in den Vordergrund rücken ließ. „Die Leute sind heute viel skeptischer“, sagt Fineman.

Das Medium und seine Werkzeuge mögen heute digital sein. Die Beweggründe der Menschen hinter der Linse aber sind unverändert. „In der Minute, in der du die Kamera in die Hand nimmst, beginnst du zu lügen – oder deine eigene Wahrheit zu erzählen“, sagte der Mode- und Kunstfotograf Richard Avedon, der mehr als 40 Jahre lang mit demselben Retuscheur arbeitete. „Die Frage ist bloß, wie weit du gehen willst.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2013)

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2 Kommentare

Alles Lüge!


jööö - ääächt - sowas gips ?

°O°

Meinung

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