Geschichten über die, die Geschichte erzählen

29.03.2013 | 18:32 |  ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Ein verlassenes Stefan-Zweig-Archiv, der nachgestellte Wohnraum von Josef Weinheber, Swarovski und die Federkrone Moctezumas: Die Ausstellung „Laboratorium Österreich“ zeigt Metageschichte.

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Dass Geschichte ein Konstrukt ist, vergessen wir manchmal, wenn wir sie in Büchern lesen, schwarz auf weiß, festgeschriebene Wahrheit. Wenn wir Kunst über Geschichte sehen, wird sie schon fragiler, die Idee einer objektiven Geschichtsschreibung. Wir haben ja gelernt, dass wir den Bildern misstrauen müssen, sollen. So gesehen könnte man das aktuelle Ausstellungsprojekt in der Akademie wieder zum Anlass eines neuen Ausstellungsprojekts machen. Und so weiter und so fort.

Was hier jetzt ein bisschen theoretisch klingt, ist eigentlich ganz einfach. Drei durch das Medium Kunst kommunizierende Forscher (Tal Adler, Friedemann Derschmidt und Karin Schneider) haben zwei Jahre lang die Idee verfolgt, Geschichten über Personen, Organisationen und Orte zu erzählen, die ihrerseits unsere Geschichte erzählen. Unsere, das heißt in diesem Fall die Geschichte Österreichs rund um die NS-Zeit. Die Beobachter werden also beobachtet, was den Titel „Laboratorium Österreich“ durchaus rechtfertigt und auch die Förderung durch Wissenschaftsfonds.

So wurden die Wiener Bezirksmuseen unter die Lupe bzw. unter die Kameralinse Tal Adlers genommen. Erst ließ man sich durch die vom persönlichen Einsatz von Direktoren und Mitarbeitern geprägten Präsentationen führen, dann wählte man das Motiv, das den drei Forschern typisch für das Geschichtsbewusstsein dieses Ortes schien.

 

Ein Riesenrad aus Streichhölzern

Etwa ein Abstellkammerl im Museum des achten Bezirks, das laut vergilbtem Schild einst als Stefan-Zweig-Archiv geführt wurde. Seit den 1990er-Jahren, seit der Archivar in Pension ging, ist es verlassen, das Bild erzählt die Geschichte dieses unschuldigen, schleichenden Vergessens. Der nachgestellte Wohnraum des NS-Poeten Josef Weinheber im Ottakringer Bezirksmuseum erzählt ungefähr das Gegenteil: die inszenierte Verehrung von etwas, das viele lieber vergessen würden. Im Museum Landstraße verfolgt der Direktor seit Jahrzehnten eine völlig andere Mission, nämlich die einstige jüdische Bevölkerung des dritten Bezirks zumindest namentlich festzuhalten, die Wände sind bedeckt mit Namen. Wieder ein anderes Bezirksmuseum lieh den Ausstellungsmachern ein Modell des Riesenrads, von einem arbeitslosen Maurer 1929 aus Streichhölzern gebastelt.

Allein dieses Panoptikum erzählt Bände davon, wie Geschichte zersplittert in persönliche Erzählungen. Und davon, wie Forschung von persönlichen Interessen gefärbt ist. Selbst das scheinbar schlichte, frontal aufgenommene, „objektive“ Foto von der neuen Präsentation der Federkrone Moctezumas im Völkerkundemuseum ist manipulierend. Die strenge Kammer wirkt wie ein Verhörraum, der Verdächtige – das seit Jahrzehnten umstrittene Objekt – im Glaskasten beschützt und ausgeliefert zugleich.

Das Trio, das sich bei der Ausstellung im Essl Museum vor fünf Jahren kennengelernt hat, bei der Künstler mit israelischem und palästinensischem Background erstmals gemeinsam ausgestellt haben, versteht seine Arbeit als Prozess. So treffen sich die Direktoren der Bezirksmuseen hier etwa zu einem Symposium. So können die Besucher in einem vor Ort eingerichteten Archiv alles Material zu Orten und Institutionen einsehen, sogar kopieren und nach Hause nehmen. Etwa zu der Geschichte der Geschichtsaufarbeitung der Tiroler Firma Swarovski. In der Ausstellung findet man ein Foto der Kristallwelten, das Tal Adler gemacht hat: Im Vordergrund sieht man eine ins Bild gehaltene Wasserwaage, im Hintergrund die Außenarbeit der Künstlerin Sylvie Fleury, „Yes to all“. In der Archivschachtel steckt der publizierte Beitrag des Tiroler Zeithistorikers Horst Schreiber über Swarovskis NS-Rolle, der diese Geschichte schon vor 15 Jahren zu recherchieren versuchte. Erst vor Kurzem wurden die Archive anderen Historikern zur Verfügung gestellt. Ein anderes Landschaftsfoto, auf dem die Wasserwaage immer auf den unmöglichen Versuch einer Ausgewogenheit hinweist, zeigt den Viehofner See bei Sonnenuntergang (oder Sonnenaufgang?). Erst durch zwei Künstler, den Schriftsteller Manfred Wieninger und die Künstlerin Catrin Bolt, wurde daran erinnert, was sich unter den Fluten verbirgt: ein Zwangsarbeiterlager für ungarische Juden.

Diese Geschichten allein würden schon reichen, die Metageschichten dazu lassen einem den Kopf schon einmal schwirren. Wenn man etwa der Bilderserie des extra eingeladenen israelischen Künstlers Shimon Lev folgt: Er folgte in Wien der Spur seiner von den Nazis umgebrachten Verwandten, von der Wohnung, zum Gymnasium, ins Archiv der Kultusgemeinde etc. Das letzte Foto zeigt ihn in seiner Wiener Gästewohnung, „vor den Nazis hinter einem Vorhang versteckend und schwarzen Kaffee trinkend“. Und schon fällt der Blick in einen Glaskasten mit Nazi-Relikten, ins dunkle Herz einer anderen Familiengeschichte. Friedemann Derschmidt hat gesammelt, was er bei manchen Mitgliedern seiner Familie auf den Dachböden gefunden hat: Andenken an den Vater und Großvater, Heinrich Reichel, einen NS-Eugeniker. Wie sozusagen privat Geschichte erforscht und aufgearbeitet werden kann, wird auf einem großen Touchscreen beispielhaft präsentiert: Derschmidt hat im Internet ein für alle Familienmitglieder offenes Forum gegründet, wo alle Generationen über Fotos, Mythen, Überlieferungen etc. der Familie diskutieren können. Laboratorium Familie. Ein starker Selbstversuch.

Bis 28.April, Di.–So. 10–18 Uhr, Eintritt frei, am Ostermontag geöffnet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2013)

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Interessant

Interessant sind vor allem die Geschichten, die da nicht erzählt werden. Wie zum Beispiel die von Karl Renner. Ein Jahr vor dem Gedenkjahr 2014 und in einem Haus, in dem Franz Joseph I. als der Aggressor im Ersten Weltkrieg bezeichnet wird, sollte auch der auf das siegestrunkene Deutschland fixierte Hurrapatriotismus Stefan Zweigs nicht unterschlagen werden (25.8.1914). Ebenso wenig seine positive Beurteilung Karl Luegers.
Im Falle der Anbringung eines Kommentars unter der Büste Weinhebers sollte zumindest genug Platz gelassen werden für weitere Tafeln. Darauf könnte dann das von Respekt getragene Gedicht des anglo-amerikanischen Dichters W.H.Auden Platz finden, das wohl mehr Bedeutung hat als die "Ehrung" im Bezirksmuseum. Ebenso der den Freitod bedauernde Kommentar (1947) des jüdischen Schriftstellers Leo Perutz ("Hätte er doch irgendwo in der Stille […] auf den echten Ruhm gewartet. Denn der wird kommen, den kann ihm keiner von den Leuten nehmen, die heute, weil sie Weinheber überlebt haben, schon glauben, dass sie die Nachwelt repräsentieren.“
Der unglückliche Mitläufer Josef Weinheber hat sich natürlich in hohem Ausmaß von den Nationalsozialisten benutzen lassen und 1945 als physisches und psychisches Wrack mit dem Freitod dafür gebüßt. Andere, die damals ebenfalls begeistert mitgelaufen sind, haben nach 1945 Karriere gemacht und es sogar bis zum Chefredakteur gebracht, ohne dass ihr Name immer mit der Punze "NS-Journalist und Propagandist" versehen wird.

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