„De l'Allemagne“: Louvre-Schau ärgert Deutsche

Die Ausstellung „Über Deutschland“ führt zu wütenden Reaktionen: Das alte Klischee vom düsteren Deutschen und seiner kriegstreibenden Kunst werde bedient.

Louvre „De l'Allemagne“
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Louvre „De l'Allemagne“
Louvre „De l'Allemagne“ – (c) EPA (IAN LANGSDON)

Zorn in der deutschen Presse: Die Ausstellung „De l'Allemagne“ im Pariser Louvre koche das Klischee vom düsteren Deutschen auf, dessen Kunstgeschichte schicksalhaft im Nationalsozialismus habe enden müssen. Sie suggeriere, klagen die Kritiker, dass deutsche Kunst „auf Krieg programmiert“ sei, erzeuge „einen kulturpolitischen Skandal“ („Zeit“), indem sie die Deutschen als Volk der „Dichter und Dumpfbacken“ („Welt“) vorstelle, das blind der Logik „vom tiefen Tal zu Riefenstahl“ („FAZ“) folge.

In Frankreich ist man verblüfft. Der scheidende Louvre-Direktor, Henri Loyrette, äußert „tiefes Unbehagen“ ob der Heftigkeit. Der „noch immer fremde Nachbar“ („Libération“) unterliege einem „großen Missverständnis“ („Le Monde“) bei diesem „Ehekrach zwischen Louvre und Berlin“ („Le Figaro“). Was ist geschehen?

 

Eine Kunstschau als Geschichtsbild

Der Louvre hatte unter Beratung des Deutschen Forums für Kunstgeschichte seit 2012 eine Ausstellung vorbereitet, um die in Frankreich herrschende Unkenntnis deutscher Malerei zu beheben. Man wollte, mit Goethe als Leitfaden, eine Kunstgeschichte der Diversität als Weg in die Moderne nachzeichnen. Dann kam das fünfzigjährige Jubiläum des Élysée-Vertrags – und das Problem: Der Louvre eröffnete die Ausstellung als Geste guten Willens, um Unkenntnis über den Nachbarn zu beseitigen. Es muss diese Geste gewesen sein, welche die Kuratoren Sébastien Allard vom Louvre, Philosophieprofessorin Danièle Cohn und den Kunstgeschichteprofessor Johannes Grave dazu verführte, mit 200 Werken ein Geschichts- und Nationenbild zu malen, statt nur eine glänzende Studie der Kunstgeschichte. So kommt es zu krasser Simplifizierung deutscher Kultur als einer nationalen, unterteilt in Antike, Dionysos und Apoll.

 

Deutsche Malerei kennt keinen Witz?

Tatsächlich gab es keine einheitliche deutsche Kunst, war auch Goethe seinerzeit einer unter vielen. Das scheint mit dem französischen, zentralistische Akademien gewohnten Blick so wenig vereinbar wie eine nicht lineare Geschichtsbetrachtung. Die chronologische Sortierung wirkt dem entgegen, was die Kunst erzählt. Philipp Otto Runge, eminente Figur einer in den Denkraum entwickelten Malerei, erscheint in einem Nebensaal als Sonderposition, statt mittendrin, im Ringen um Natur und Wirklichkeit.

Erzwungene Bewegungen des inneren Exils wie der Neoromantizismus des Otto Dix stehen unerläutert als Entwicklungsschritt der Malerei im Nationalsozialismus. Beobachter wie Spitzweg, Wilhelm Busch oder Zille und Gruppen wie Blauer Reiter, Dada oder Bauhaus fehlen ganz. Man habe, verteidigt man sich, eben keine internationale Avantgarde, sondern spezifisch deutsche Kunst zeigen wollen. Was sollen dann all die Bilder des Schweizers Böcklin? Raunende, ernste, restauratorische Positionen treten so unangemessen stark hervor. Deutsche Malerei, scheint es, kennt weder Witz noch Satire, nur tiefere Bedeutung. Diesen Eindruck erhärtet der anachronistische Einstieg mit dem in Frankreich verehrten Anselm Kiefer (die Schau soll 1800–1939 umfassen): Ein monumentaler druckgrafischer Wald, vor schwarzen Stämmen stehen Begriffe deutschen Geistes à la Kiefer. Auf einem Bild rechts neben einem Zugang zur Ausstellung: „Atlantik-Wall“. Neben einem Zugang links: „Melancolia“. Wählt man vorsichtshalber links, ist ausgerechnet dieser Durchgang gesperrt.

Wer aber tapfer all das Gewese um germanischen Nationalgeist ignoriert, kann mit der Kunst Spaß haben. Toll die Entwicklung aus Goethes Farbenlehre zu Paul Klee. Atemberaubend der Saal mit Caspar David Friedrichs und Carl Gustav Carus' Gebirgsbildern, die Landschaftsmalerei als konzeptuelle Kunst greifbar machen. Lächerliche Barbies sind die heute aus Unterwäschewerbung geläufigen Idealmenschen in Leni Riefenstahls Propagandafilm „Olympia“ (1938), am Ende des Rundgangs gegenüber von „Menschen am Sonntag“ (1930) projiziert, einer liebevollen Alltagsstudie von Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer, Billy Wilder u.a. – Lob der Menschlichkeit.

Nein, das Problem dieser Ausstellung ist keines der Kunst, ist weder kunsthistorisch noch ideologisch. Es ist institutionell. Museen sind in Frankreich Bühne für politische Repräsentation. Der scheidende Direktor, Henri Loyrette, hat den Louvre zum politischen Instrument entwickelt, er soll mit Kunst Frankreich Bedeutung geben. Doch das klappt nicht für den Schunkelbund mit Deutschland. Hier darf Kunst aus bekannten Gründen kein politisches Instrument sein.

Bis 24. Juni, www.louvre.fr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2013)

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