Künstlerhaus: Geld für die Seele, Grafik fürs Volk

24.04.2013 | 17:58 |  Von Almuth Spiegler (Die Presse)

Auf zwei Geschoßen soll im Künstlerhaus eine internationale Kulturgeschichte der Grafik erzählt werden, vom historischen Plakat bis zur Konzeptkunst. Das kann nicht gut gehen.

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Noch sind sie sozusagen „Schläfer“, eingebettet in eine unbedarft wirkende Grafik-Ausstellung. Noch hängen die Plakate zahm an einer Stirnwand im Künstlerhaus-Obergeschoß: Ab 1. Mai aber werden die zwölf Sujets, die Künstler zum Thema „Geld macht sichtbar“ gestaltet haben, plakatiert, in Wien, Niederösterreich, der Steiermark und im Burgenland. Sie werden dort wohl für Diskussionen sorgen. Manche zumindest. Die erwartbar harsche Kapitalismuskritik wird vom öffentlichen Auge wohlgeübt weggesteckt werden. „Alle wollen mehr – nie genug“, wie Ingeborg Strobl schreibt. Oder „Wir machen mit Ihrem Geld, was wir wollen“, wie Plakatprofi Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste in Berlin, auf einen Aktenkoffer mit umgeschnallter Axt druckt. Erwin Wurm spendete ein Motiv, das schon einmal das Cover einer „Presse“-Silvesterausgabe zierte – ihn selbst mit Zitrone im Mund auf Knien um „Gnade für den Künstler“ bettelnd. Soll Geld hier vielleicht sichtbar machen, wer ihm Gnade gewähren wird? Rätselhaft . . .

Reiterer: „Geld wärmt meine Seele“

Werner Reiterers riesige Sprechblase „Geld wärmt meine Seele“ antwortet am subversivsten auf den Auftrag. Pragmatisch nimmt ihn das Trio Nikolaus Link, Stepan ?ervenka und Georg Lebzelter: In fetten Lettern machen sie schlicht sich selbst als Texter, Grafiker, Typograf sowie die übrigen Personen sichtbar, die es brauchte, um ihr Plakat funktionsfähig zu machen, also zu lektorieren, drucken, plakatieren und nicht zuletzt zu sehen – da darf man dann seinen eigenen Namen auf den frei gelassenen Strich schicken.

Lebzelter organisiert mittlerweile zum dritten Mal (mit Wojciech Krzywoblocki) diese Grafik-Leistungsschau im Künstlerhaus, die sich an die Strukturen der Krakauer Grafik-Triennale anlehnt. Zu der reichen Künstler aus der ganzen Welt ein, die dann juriert werden. Ein Pool, aus dem sich das Wiener Team bedienen und ihn nach Gutdünken ergänzen kann. Wodurch eine extrem inhomogene, zum Teil skurrile Mischung aus jung, alt, arriviert, anarchistisch, historisch, naiv, dekorativ, konzeptuell, groß, klein, wienerisch bis australisch zusammenkommt.

Für die Sydney-Kunstbiennale etwa entstand das wuchtige morbide Zentrum der Ausstellung, eine schwarz-weiß gemusterte Hüpfburg im Hauptsaal, auf der niemand hüpfen darf. In Sydney durfte das Spaßkultursymbol bei unbedachten Nutzern noch schlechtes Gewissen hervorrufen, in Wien wurde es gleich gesperrt. Fungiert es doch als Mahnmal für den Völkermord an den Aborigines. Brook Andrew, mütterlicherseits selbst Aborigine, hat in die transparenten Eckpfeiler der Plastikburg, die wohl auf die touristische Verwertung der australischen Ureinwohner heute anspielt, brutal Totenköpfe platziert.

Wer rechnet mit einem derartigen Hammer auf einer Grafik-Triennale? Bewusst wollten die Kuratoren den Grafikbegriff erweitern, vor allem Rauminstallationen miteinbeziehen, betont Lebzelter. Was zwar eine unerwartete Auflockerung des spröden Titelthemas „in.print.out“ bedeutet. Vielmehr aber betont, von welch verschultem bzw. berufsgeprägten Grafikbegriff hier ausgegangen wird. Sind grafische Techniken in der bildenden Kunst doch seit Jahrzehnten, fast seit Jahrhunderten nicht mehr isoliert zu betrachten, sondern (meist) nur ein Ausdrucksmittel unter vielen in einem Werk.

Mehr als auf den Begriff von Internationalität und Vielfalt hätte man sich also auf einen der Qualität einigen sollen. Durch das permanente qualitative Schwanken der unzähligen Arbeiten aber wirkt das ganze Unterfangen etwas verzweifelt, ausgestattet mit seltenen Highlights und einigen naiven, vor allem politisch naiven Abscheulichkeiten wie der KZ-Anspielung eines griechischen Künstlers, der auf einen Gitterzaun schreibt: „Künstlerische Arbeit macht dich frei.“

Bis 9. 6., Di–So 10–18 h, Do 10–21 h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2013)

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