„Komm, lieber Mai“: Der Mythos des 5. Monats

01.05.2013 | 18:16 |  ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse)

Für Erich Kästner ist er der „Mozart des Kalenders“: Warum der Mai Liebkind der Dichter ist, was er mit einem Wiener Computer, Hexen und einer italischen Göttin zu tun hat – und woher der „Wonnemonat“ kommt.

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Man rechnet, dass in Paris bis in den May über 40.000 Menschen begraben worden“, schreibt ein Zeitzeuge über den Winter 1739/40. Ein schrecklicher Winter, in Skandinavien frieren alle Seen und Flüsse zu, Postillione und Boten erfrieren mit ihren Pferden. Und diese Kälte zieht sich bis in den Mai. Kein Vergleich also zu heuer, so wenig wie unser etwaiger heuriger „Winter Blues“ mit dem Winter Blues damaliger Mitteleuropäer vergleichbar ist.

Reden andere Zeiten über dasselbe wie wir, wenn sie über den Mai reden? Die Meteorologie gibt immer bessere Auskünfte, sie weiß Bescheid über Details der Kleinen Eiszeit, die Europa bis weit ins 19. Jahrhundert hinein in ihren Fängen hielt und auch den erwähnten Extremwinter auf dem Gewissen hatte. 35 Jahre danach, 1775, schrieb der Lübecker Bürgermeister und Dichter Christian Adolph Overbeck ein Gedicht „Fritzchen an den Mai“, das Mozart vertont hat: „Komm, lieber Mai, und mache/die Bäume wieder grün/und lass mir an dem Bache/die kleinen Veilchen blühn!“ Selbst in Lübeck blühen Veilchen heute eher im März und April.

 

Mai wie die altitalische Maia

Auch als Goethe, Brentano oder Heine den Mai bedichteten, war es noch kühler als heute. Hat der Mai deswegen eine so unbestrittene poetische Vorrangstellung unter den Frühlings- und überhaupt allen Monaten, weil es erst da meist richtig und verlässlich warm wurde? In der Maipoesie schießen auch den alten Dichtern die Hormone über. Da wird wie toll geblüht und geliebt und der Mai ist der große Macher, als seien seine kalendarischen Vorgänger noch faul auf dem Winterfell gelegen. „Komm, lieber Mai, und mache“ oder „Alles neu macht der Mai“ heißt es bis heute, Goethe schrieb sein „Mailied“ über zwei frisch Verliebte, das „Maiengrün“ und die „Maiennacht“ und der „Maienduft“ und die „Maienluft“ kamen auf, die noch heute im Duden stehen.

Sicher hat dem Mai auch sein Name geholfen. Woher er kommt, ist nicht ganz sicher, vermutlich von der vorrömischen Göttin Maia, die gern mit der Göttin der Fruchtbarkeit „Bona Dea“ gleichgesetzt wurde. Aber sein Klang prädestiniert den Mai auch für die Lyrik, das weiche „M“, das offene, vom „i“ abgefederte „a“ ... Selbst wenn der April nicht zur Unverlässlichkeit neigen würde, hätte er bei den Dichtern keinen guten Namen gehabt.

Das Wort „Wonnemonat“ allerdings kommt nicht aus der romantischen Maipoesie, im Gegenteil, die Dichter haben es verschmäht, Heinrich Heine etwa schreibt lieber vom „wunderschönen Monat Mai“. Der „Wonnemonat“ ist viel älter und hat mit Wonne ursprünglich nichts zu tun, gemeint war der Weidemonat – „winnimanod“ oder „wunnimanod“. Erst später wurde das „wunni“ als Wonne verstanden, der Freudenmonat Mai war geboren. Und wenn Siegmund in Richard Wagners „Walküre“ von Winterstürmen singt, die dem „Wonnemond“ wichen, meint er keinen Mond, sondern genau diesen „Wonnemonat“ Mai. Die alten Angelsachsen hatten ein anderes, aber auch auf die Weidetiere bezogenes Wort für Mai, er war der Monat der „drei Melkungen“, weil offenbar nur zu dieser Zeit die Kühe dreimal täglich Milch geben konnten.

Der Mai hat traditionell überhaupt etwas kuhmäßig Sanftes an sich, selbst die sprichwörtliche Verliebtheit ist da kein Sturm, sondern nur eine wonnige Maienluft (die allerdings laut Sprichwort „die Toten aus der Gruft bringt“); ja Österreich verniedlichte sie sogar zum Mailüfterl.

Nur zufällig hat sich ein Mailüfterl Mitte der 1950er-Jahre in die Computertechnik verirrt: Der erste voll transistorisierte Computer auf dem europäischen Festland hieß so. Der Erbauer, Heinz Zemanek von der TU Wien, erklärte, wenn das Modell „auch nicht die rasante Rechengeschwindigkeit amerikanischer Modelle erreichen kann, die ,Wirbelwind‘ oder ,Taifun‘ heißen, so wird es doch für ein Wiener ,Mailüfterl‘ reichen.“

Mit der Politik hat die Maienluft schon mehr Berührungspunkte als mit der Technik. Sie kommt dort wie alle möglichen Frühlingsbilder ins Spiel, wenn es politisch „taut“ und gärt: Der Augenblick sei gekommen, den „auf Eis gelegten russischen Friedensvertrag mit der Deutschen Demokratischen Republik an die warme Mailuft zu holen“, liest man im „Spiegel“-Archiv 1950.

 

Blütengöttin und Blocksberghexen

Allerdings ist der sanfte Mai auf revolutionärem Gebiet eindeutig dem wilderen (Vor-)März unterlegen, der die winterlich-starren reaktionären Kräfte besiegt. Wirklich politisiert hat den Mai erst der 1.Mai als sozialistischer Arbeiterkampftag.

Die Arbeiterbewegung hat sich damit einen bedeutsamen Tag ausgesucht, denn der 1.Mai galt seit alters her als mythenumrankte Zäsur. Man begrüßte dabei den Frühling beziehungsweise etwa im irischen Kalender den Sommer. Um den 1.Mai herum wurden im Alten Rom die Floralia gefeiert, Feste zu Ehren der Blütengöttin Flora. Im Mittelalter wurde an diesem Tag der Frühling bzw. bei den Iren der Sommer begrüßt, etwa mit Feuer, Tanz und Geistervertreibung. Der 1. Mai war auch der Tag, an dem angeblich die Hexen auf dem Blocksberg feierten, Goethe machte dafür den Begriff „Walpurgisnacht“ populär (die hl. Walburga hatte ihren Gedenktag am 1.Mai, an den Walpurgistagen davor wurden Glocken zur Hexenabwehr geläutet). Ob Maifeuer, Maikönigin oder Tanz in den Mai – viele heutige Bräuche haben uralte „heidnische“ Wurzeln. Kein Wunder, dass die Kirche den Mai als Marienmonat zu christianisieren versuchte.

 

Melatonin und „Maigefühl“

Was verbindet unser „Maigefühl“ heute mit dem von Menschen, für die der Wechsel der Jahreszeiten so viel wichtiger war? Die „Frühlingshormone“ sind zwar nicht mehr ganz, was sie einmal waren, das unter anderem verantwortliche Melatonin reagiert auch im Winter auf Kunstlicht; aber andere kommen immer noch in Bewegung, wenn wir draußen den Frühling sehen, riechen, hören und spüren. Erich Kästner nannte den Mai den „Mozart des Kalenders“. Mittlerweile spielt er eher früher, auch gut. Dann ist unser Mai eben der April.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2013)

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