Schieles zweite Identität als hl. Franziskus

Mittwoch wird in New York Schieles »Selbstporträt mit Modell« versteigert. Perfektes Beispiel für Elisabeth Samsonows neue Franziskus-Theorie.

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(c) APA/EGON SCHIELE / LEOPOLD MUSEU (EGON SCHIELE / LEOPOLD MUSEUM-PR)

Mysteriös und symbolisch“, heißt es im Christie's-Katalog zur Impressionisten-und-Moderne-Auktion am Mittwoch in New York über das Fragment eines Schiele-Bildes, das bisher in Ronald Lauders „Neuer Galerie New York“ seine Heimat hatte. So ganz, merkt man, finden die Experten des Auktionshauses nicht zu diesem tatsächlich rätselhaften Bild, das zu einer Serie Schieles gehört, in der er sich selbst „als Mönch“ darstellt. So wurde es bisher in der Kunstgeschichte jedenfalls gemeinhin gesehen.

Die auf der Wiener Akademie lehrende Kunstwissenschaftlerin Elisabeth Samsonow aber verfolgt eine andere Spur, erst vor Kurzem kam ihr Buch darüber im Passagen-Verlag heraus: „Egon Schiele – Sanctus Franciscus Hystericus“. Während seiner gesamten hauptsächlichen Schaffenszeit, von 1910 bis 1918, so die Autorin, habe Schiele sich immer wieder als hl. Franziskus dargestellt. Eine damals durchaus nahe-, heute trotz des aktuellen Papstes völlig fern liegende Interpretation. Doch um 1900, im Zug der Lebensreformbewegungen, erlebte Franziskus eine Renaissance, die gerade den „Neukünstler“ Schiele besonders angesprochen haben muss – galt Franziskus doch selbst als großer Kunsterneuerer, der in der Frührenaissance eine neue Blüte mit Giotto und Fra Angelico inspiriert hatte. Und auch der Ordensgedanke wird dem Netzwerker Schiele nahegelegen sein.

Samsonow geht davon aus, dass Schiele sich mit Franziskus stark identifizierte, sich in der Malerei oft in mönchischem Kostüm, oft mit typischer Tonsur – und immer wieder, man merkt es kaum, mit den Wundmalen auf den Händen darstellte. Schließlich gilt Franz von Assisi als erster anerkannter Fall, bei dem 1224 angeblich am lebendigen Leib die Stigmata Christi erschienen. Diese Übertragung, diese Stigmatisierung spielte auch in der Psychoanalyse eine Rolle, was Schiele sicher wusste, beschäftigte er sich doch intensiv mit dem Diskurs der Hysterie, deren Symptome als hysterisches Stigmata gesehen wurden. Auch wurde damals versucht, „besessene“ Heilige als Hysteriker zu „enttarnen“.

Schiele als von der Kunst besessener heiliger „Hysteriker“ – dieses Selbstbild kann man sich jedenfalls gut vorstellen. „In seiner Malerei die religiöse, in seinen Zeichnungen die sexuelle Ekstase, das waren für Schiele vergleichbare Zustände“, so Samsonow. In diesem Zusammenhang muss einiges, was bisher in Schieles Malerei als „mysteriös und symbolisch“ umschrieben wurde, neu überdacht werden. Etwa die Dreiecke, die immer wieder vorkommen. Sie ergeben sich oft aus den Christus und Franziskus verbindenden Strahlen, wie in historischen Darstellung die Stigmatisierung, die „telepathische Übertragung von Wundmalen“, so Samsonow, dargestellt wurde. Auch auf der Schulter von Schieles „Modell“, seiner damaligen Lebensgefährtin Wally, erscheint plötzlich ein Dreieck. Ja vielleicht könnte man auch Schieles typische Pantokrator-Handhaltung in diese Richtung neu interpretieren.

Nun würde man natürlich allzu gern wissen, wie Wallys fragmentierter Körper im ursprünglichen, vollfigurigen Bild ausgesehen hat. Höchstwahrscheinlich, mutmaßt Samsonow, hätte er wohl einen Bauch gehabt. Wie sie herausfinden konnte, hatte Wally 1913 gerade eine Abtreibung hinter sich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2013)

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