Leopold-Museum: Wenn alle es gut meinen

Manfred Bockelmann zeigt Kohleporträts von im Holocaust ermordeten Kindern. Eine späte Berufung. Eine schwierige Diskussion.

Manfred Bockelmann setzt 'Zeichen gegen das Vergessen'
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Manfred Bockelmann setzt 'Zeichen gegen das Vergessen'
LeopoldMuseum Wenn alle meinen – Lukas Wögerer / Manfred Bockelma

Zyniker würden sagen, am verdächtigsten ist es, wenn alle es gut meinen in Österreich. Zynismus ist beim Thema Holocaust allerdings kein akzeptabler Begleiter. Also zu den Fakten. Gestern wurde im Leopold-Museum die Ausstellung „Zeichnen gegen das Vergessen“ von Manfred Bockelmann eröffnet. Es ist die erste große Museumsausstellung des Kärntner Fotografen, Malers, Zeichners, der in Österreich damit leben darf und muss, einen berühmteren Bruder zu haben: Udo Jürgens.

Im Mittelpunkt der Schau stehen über 60 großformatige Kohlezeichnungen, die Bockelmann nach Fotos von im Nationalsozialismus ermordeten Kindern schuf. Die jahrelange Arbeit an diesen Porträts ist als Trauerarbeit zu sehen. Der heuer 70-Jährige wollte den potenziellen „Spielkameraden“, die ihm seine Elterngeneration durch ihre Tätigkeit bzw. Untätigkeit genommen hat, ein Denkmal setzen, ihnen Namen, Gesicht, Individualität zurückgeben. Ein schier unmögliches Unterfangen, wurden allein in Auschwitz über 200.000Kinder ermordet, so Bockelmann. Bisher hat er über 120 gezeichnet, jüdische Kinder, die in den Konzentrationslagern mit geschorenen Köpfen fotografiert wurden. Ermordete jüdische Kinder, deren Bilder er in Fotoalben fand, die ihren Eltern nach der Deportation abgenommen wurden. Roma- und Sinti-Kinder, die in Sammellagern fotografiert wurden. Kinder, die in Euthanasie-Anstalten umgebracht wurden.

 

So entsetzlich, wie man es sich vorstellt

Wie kann man bei „Fakten“ bleiben, wenn man diesen Wesen Aug in Aug gegenübersteht? Es ist genauso entsetzlich, wie man es sich vorstellt. Durch ein umfangreiches Vermittlungsprogramm für Schulen will Bockelmann sein Ziel erreichen, diesen Horror einer heutigen Kindergeneration als Warnung bewusst zu machen. Alles andere interessiere ihn nicht, höchstens „sekundär“, betonte Bockelmann bei der Pressekonferenz. Etwa dass gerade das Leopold-Museum kein Leuchtturm der österreichischen Kunst-Restitutionsgeschichte ist. Dass gerade die heutige Interessenvertretung der von ihm porträtierten Ermordeten, die Jüdische Kultusgemeinde, immer noch Probleme mit dem Museum hat und lauthals äußert.

Das Problematische wird hörbar bei der Pressekonferenz, als die Frage nach dem vielleicht doch etwas unpassenden Ort auftaucht – und die Witwe des Sammlers Rudolf Leopold diese nicht verstehen will. „Nennen Sie mir ein einziges Bild, von dem wir profitiert haben sollen“, entgegnete sie. Während ihr Sohn Diethard, der als Kurator der Ausstellung fungiert, zuvor zur Genese der Ausstellung meinte: „Es ist mein Programm, aus einem Problem eine Ressource zu machen.“

Eine Ressource. Übertriebene Sensibilität mit Worten und Umfeld kann man weder Museum noch Künstler vorwerfen. Doch der Betrieb hat längst zu laufen begonnen. Die Schulklassen werden dem Leopold-Museum Besucherzahlen sichern. Die Wiener Galerie Bockelmanns stellt parallel zur Museumsausstellung ihres Künstlers, wie es im Kunstbetrieb üblich ist, seine Kohlezeichnungen zum Verkauf aus – keine aus der Holocaust-Serie allerdings, die ist dem Markt entzogen.

Interessanter sind letzten Endes andere, künstlerische, gesellschaftspolitische Fragen. Wie kann es sein, dass innerhalb einer Woche in Wien gleich zwei Ausstellungen eröffnen, die das ermordete bzw. malträtierte Kind thematisieren? Einmal individualisiert, einmal universalisiert. Stellt ab nächstem Freitag mit Gottfried Helnwein doch jemand in der Albertina aus, der sein ganzes Werk diesem Thema gewidmet hat. Auch in einer Zeit, als das Kind noch nicht diesen Stellenwert hatte wie im Jahr 2013. 1979 etwa, als die Aussage des Euthanasie-Arztes Heinrich Gross in einem „Profil“-Interview zu der seiner Ansicht nach „humanen“ Ermordung von Kindern noch keinen allgemeinen Aufschrei hervorrief. Helnwein antwortet damals mit einem Aquarell, das ein über seinem Essen tot zusammengebrochenes Kind zeigte.

Wie kann es sein, dass Hrdlicka, Helnwein und der späte Bockelmann die einzigen „sichtbaren“ Positionen mehrerer Generationen österreichischer Nachkriegskünstler sind, die sich von Täterseite aus ernsthaft mit der Schuld der Väter und Mütter beschäftigt haben? Erst eine jüngere Künstlergeneration, zu der etwa Ernst Logar zählt, hat in den letzten fünf, zehn Jahren damit begonnen, die NS-Zeit künstlerisch aufzuarbeiten.

Bis 2.9., Mi–Mo 10–18h, Do bis 21h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2013)

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