Leopold-Museum: Wenn alle es gut meinen

16.05.2013 | 18:13 |  ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Manfred Bockelmann zeigt Kohleporträts von im Holocaust ermordeten Kindern. Eine späte Berufung. Eine schwierige Diskussion.

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Zyniker würden sagen, am verdächtigsten ist es, wenn alle es gut meinen in Österreich. Zynismus ist beim Thema Holocaust allerdings kein akzeptabler Begleiter. Also zu den Fakten. Gestern wurde im Leopold-Museum die Ausstellung „Zeichnen gegen das Vergessen“ von Manfred Bockelmann eröffnet. Es ist die erste große Museumsausstellung des Kärntner Fotografen, Malers, Zeichners, der in Österreich damit leben darf und muss, einen berühmteren Bruder zu haben: Udo Jürgens.

Im Mittelpunkt der Schau stehen über 60 großformatige Kohlezeichnungen, die Bockelmann nach Fotos von im Nationalsozialismus ermordeten Kindern schuf. Die jahrelange Arbeit an diesen Porträts ist als Trauerarbeit zu sehen. Der heuer 70-Jährige wollte den potenziellen „Spielkameraden“, die ihm seine Elterngeneration durch ihre Tätigkeit bzw. Untätigkeit genommen hat, ein Denkmal setzen, ihnen Namen, Gesicht, Individualität zurückgeben. Ein schier unmögliches Unterfangen, wurden allein in Auschwitz über 200.000Kinder ermordet, so Bockelmann. Bisher hat er über 120 gezeichnet, jüdische Kinder, die in den Konzentrationslagern mit geschorenen Köpfen fotografiert wurden. Ermordete jüdische Kinder, deren Bilder er in Fotoalben fand, die ihren Eltern nach der Deportation abgenommen wurden. Roma- und Sinti-Kinder, die in Sammellagern fotografiert wurden. Kinder, die in Euthanasie-Anstalten umgebracht wurden.

 

So entsetzlich, wie man es sich vorstellt

Wie kann man bei „Fakten“ bleiben, wenn man diesen Wesen Aug in Aug gegenübersteht? Es ist genauso entsetzlich, wie man es sich vorstellt. Durch ein umfangreiches Vermittlungsprogramm für Schulen will Bockelmann sein Ziel erreichen, diesen Horror einer heutigen Kindergeneration als Warnung bewusst zu machen. Alles andere interessiere ihn nicht, höchstens „sekundär“, betonte Bockelmann bei der Pressekonferenz. Etwa dass gerade das Leopold-Museum kein Leuchtturm der österreichischen Kunst-Restitutionsgeschichte ist. Dass gerade die heutige Interessenvertretung der von ihm porträtierten Ermordeten, die Jüdische Kultusgemeinde, immer noch Probleme mit dem Museum hat und lauthals äußert.

Das Problematische wird hörbar bei der Pressekonferenz, als die Frage nach dem vielleicht doch etwas unpassenden Ort auftaucht – und die Witwe des Sammlers Rudolf Leopold diese nicht verstehen will. „Nennen Sie mir ein einziges Bild, von dem wir profitiert haben sollen“, entgegnete sie. Während ihr Sohn Diethard, der als Kurator der Ausstellung fungiert, zuvor zur Genese der Ausstellung meinte: „Es ist mein Programm, aus einem Problem eine Ressource zu machen.“

Eine Ressource. Übertriebene Sensibilität mit Worten und Umfeld kann man weder Museum noch Künstler vorwerfen. Doch der Betrieb hat längst zu laufen begonnen. Die Schulklassen werden dem Leopold-Museum Besucherzahlen sichern. Die Wiener Galerie Bockelmanns stellt parallel zur Museumsausstellung ihres Künstlers, wie es im Kunstbetrieb üblich ist, seine Kohlezeichnungen zum Verkauf aus – keine aus der Holocaust-Serie allerdings, die ist dem Markt entzogen.

Interessanter sind letzten Endes andere, künstlerische, gesellschaftspolitische Fragen. Wie kann es sein, dass innerhalb einer Woche in Wien gleich zwei Ausstellungen eröffnen, die das ermordete bzw. malträtierte Kind thematisieren? Einmal individualisiert, einmal universalisiert. Stellt ab nächstem Freitag mit Gottfried Helnwein doch jemand in der Albertina aus, der sein ganzes Werk diesem Thema gewidmet hat. Auch in einer Zeit, als das Kind noch nicht diesen Stellenwert hatte wie im Jahr 2013. 1979 etwa, als die Aussage des Euthanasie-Arztes Heinrich Gross in einem „Profil“-Interview zu der seiner Ansicht nach „humanen“ Ermordung von Kindern noch keinen allgemeinen Aufschrei hervorrief. Helnwein antwortet damals mit einem Aquarell, das ein über seinem Essen tot zusammengebrochenes Kind zeigte.

Wie kann es sein, dass Hrdlicka, Helnwein und der späte Bockelmann die einzigen „sichtbaren“ Positionen mehrerer Generationen österreichischer Nachkriegskünstler sind, die sich von Täterseite aus ernsthaft mit der Schuld der Väter und Mütter beschäftigt haben? Erst eine jüngere Künstlergeneration, zu der etwa Ernst Logar zählt, hat in den letzten fünf, zehn Jahren damit begonnen, die NS-Zeit künstlerisch aufzuarbeiten.

Bis 2.9., Mi–Mo 10–18h, Do bis 21h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2013)

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10 Kommentare

Es scheint

als ob gewisse Themen automatisch zum 'Erfolg' führen... eigentlich ist der Effekt der, dass immer mehr Menschen Themen nicht mehr beachten, weil sie an eine ewige Schuld (zu Recht) nicht glauben.
(Nur zur Info: Nie wieder solche Monster wie damals)

Re: Es scheint

he ?? "zum Erfolg führen" ist da wohl der unpassende Ausdruck !!! UND OB soll selbst uns, die wir diese Zeit nicht miterleben mussten, die Erinnerung an diese uä unvorstellbare Greueltaten/Genozid etc. an Unschuldigen immer und immer wieder an dieses Unrecht gemahnen und vor "Augen geführt werden" !!!

Re: Re: Es scheint

Wenn Sie diese Gedanken weiterentwickeln, so werden wir Menschen irgendwann nur mehr mit Erinnerungen an Gräueltaten leben.... Das kann nicht gut sein. Ich für meinen Teil lehne die dauernde Berieselung mit Untaten vergangener Generationen ab. Ich will schliesslich auch etwas gutes produktives in der Gegenwart für die Zukunft tun. Ich überlasse es jedem selbst ob, wie und wann die Vergangenheit verarbeitet wird.

Re: Re: Re: Es scheint

oh- Sie Arme/r !!! Vorschlag: Sie lesen besser keine derartigen oder ähnlichen Artikel mehr und sind dann mit Ihrer "Vogel-Strauss-Mentalität" suoer glücklich - gell !!!

Re: Re: Re: Re: Es scheint

Ich bilde mir gerne eine eigene Meinung z.b. durch lesen von Artikel
Ich bin halt einer der sich Schuld nicht 'aufschwatzen' lässt. Dass damit die Meinungskonformität durchbrochen wird bzw. sich mit mir nicht viel verdienen lässt ist nicht mein Problem.


Re: Es scheint

Diese historische BLUTSchuld, wird uns bis an unser DaseinsEnde, unerbittlich begleiten. Wir dürfen diese Geschichte nicht ablegen wie ein altes Buch, wo uns zerfledderte Seiten, bei mühsamer Umblätterei, an eine geschichtliche BringSchuld erinnern. Wer hier aus reinem Selbstzweckoptimismus verdrängt, hat aus dieser schrecklichen Vergangenheit, nichts wahrgenommen noch gelernt.

Re: Re: Es scheint

Nunja, BLUTschuld klingt selbst schon wieder wie 'ältere Terminologie'....
Es kann nicht gut sein wenn Menschen eine Schuld aufoktroiert bekommen, die nicht schuldig sein können.
"Ablegen" kann ich m.M. nur etwas für das ich auch Verantwortung übernehmen kann.

Re: Re: Re: Es scheint

Will bestimmt niemand etwas aufoktroyieren! Rede auch ausdrücklich von historischer Blutschuld. Wir sind die unmittelbaren/mittelbaren Nachkommen dieser Täter. Mir es geht es um Reue. Um Mitleid mit den gemeuchelten Opfern. Ist aber nach ihrer Terminologie nicht in ihrem Sinne. Die menschliche Vergesslichkeit, verdrängen, nicht mehr hinhören auf die schießwütigen Wellen Tötungswilliger Massenmörder. Dabei kann ich ihnen nicht folgen…

Re: Re: Re: Re: Es scheint

Wieviele Generationen sollten den Ihrer Meinung nach schuldig sein?

Sorry aber Bereuen kann ich nur etwas das ich auch getan habe.

Mitleid empfinde ich für jeden gequälten Menschen.

Und bitte lesen Sie den letzten Satz meines ersten Postings.

Re: Re: Re: Re: Re: Es scheint

Was Sie ehrt: Sie setzen sich wenigstens mit meiner Vergangenheitsbezogenen Nachdenklichkeit auseinander! Und übrigens: Diese (von OBEN verordnete) legalisierte schreckliche Menschvernichtungskatastrophe kratzt keiner aus unserer Geschichte-nicht einmal in 500 Jahren. Mit freundlichem Gruß

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