Künstlerhaus: Kunst über das Kinderleid

In der Ausstellung "Krieg gegen Kinder" gehen fünf junge Künstler dem Thema Missbrauch in Wiener Heimen exemplarisch nach.

Auch in der Kunst fordert Michael Tfirst Bewusstsein dafü, was ihm angetan wurde.
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Auch in der Kunst fordert Michael Tfirst Bewusstsein dafü, was ihm angetan wurde.
Auch in der Kunst fordert Michael Tfirst Bewusstsein dafür, was ihm angetan wurde. – (c) Tfirs

Sie hatte den schlechtesten Ruf unter den Kinderheimen der Stadt Wien, die Villa Hohe Warte, ein 1908 erbautes, schlossartiges Gebäude in Döbling, sehr präsent im Ortsbild, viele wundern sich, was hier wohl einst war. Auch ein paar Studierenden der Wiener Kunstschule fiel das Gelände auf, das seit über zehn Jahren leer steht. Die fünf jungen Künstlerinnen und Künstler begannen zu recherchieren und sich zu vernetzen: Man las den 2012 veröffentlichten Endbericht der Historikerkommission „Gewalt gegen Kinder in Erziehungsheimen der Stadt Wien“. Nahm Kontakt zu ehemaligen Opfern auf. Machte eigene künstlerische Arbeiten. Und plante eine Ausstellung.

Gestern abend wurde diese von der Historikerin Andrea Smioski, die mit Reinhard Sieder den Endbericht verfasst hat, im Wiener Künstlerhaus eröffnet. Es ist eine kleinere Ausstellung, aber eine, wie man sie von jungen Künstlern an den Wiener Kunst-Universitäten nicht gewohnt ist – fern eines abgehobenen Kunst-Diskurses, dafür nahe am Leben und am Leid, vor allem aber voll des Respekts dem Leid anderer gegenüber.

 

Ex-Heimkinder stellen mit aus

Zwar werden auch eigene Arbeiten gezeigt – Michaela Putz etwa hat die abgesandelten Wände des leer stehenden Heims fotografiert, samt teils entsetzlicher Inschriften der Kinder, dazu tönt aus Lautsprechern die „Heimordnung“, beklemmender geht es kaum. David Kurz hat ebenfalls vor Ort fotografiert, die Schwarz-Weiß-Bilder von Stiegenaufgängen, Waschräumen, Schlafsälen aber mit Transparentpapier entrückt, „verschleiert“. Auf das Papier druckte er ebenfalls entsetzliche Zitate ehemaliger „Zöglinge“ der Hohen Warte ab, die er aus dem Endbericht destillierte.

Die ehemaligen „Zöglinge“ dieser „totalen Institutionen“ kommen aber nicht nur passiv vor. Einige von ihnen sind selbst als Künstler tätig und wurden von den Jungen jetzt eingeladen, mit ihnen gemeinsam hier auszustellen. Der zentrale Raum des halben Künstlerhaus-Erdgeschoßes gehört ihnen: Helmut Oberhauser etwa, der in den 60er-Jahren mit wilden Spachtelbildern in den damals führenden Galerien Junge Generation oder Nächst St.Stephan ausstellte und jetzt in fotorealistischen Kohlezeichnungen seine Kindheit im Heim aufarbeitet. Auch Michael Tfirst, der sich als Missbrauchsopfer des katholischen Klerus immer wieder zu Wort meldete, stellt hier seine Bilder aus, starke, teils an „Outsider“-Kunst erinnernde Ölbilder mit Inschriften (siehe Abb.).

Eine weitere Dimension bringt ein anderer Gastkünstler ein, Helmut Kurz-Goldenstein, der in seinen Zeichnungen daran erinnert, wie (nicht nur in der Nachkriegszeit) Gewalt an Kindern auch zu Hause durchaus üblich war, schwarze Pädagogik und ihre hässlichsten Auswüchse bis zum sexuellen Missbrauch.

Was sich die Studierenden der Kunstschule, die Ende 2014 nach 60 Jahren übrigens schließt, hier trauen, ist enorm. Ein Lehrbeispiel gesellschaftspolitischer Kunst. Ein Medienraum mit Büchern und Fernsehdokus ergänzt ihr Anliegen. Eine hier ebenfalls ausgestellte Collage aus Fundstücken vom Hohe-Warte-Gelände mit einem alten Kinderschuh auf einem Rasenstück bedient allerdings zu sehr Klischees. Das ist die Gefahr, der man im Großen und Ganzen aber gut ausgewichen ist.

Das Hohe-Warte-Heim wird nur exemplarisch auseinandergenommen, sozusagen. Etwa mit der Transferierung einiger der Linoleum-Bodenfliesen, die sich dort abgelöst haben. Sie erinnern einerseits an eine Bodeninstallation des Minimal-Art-Stars Carl Andre. Andererseits sind sie schaurige Versatzstücke einer Zeit der immer noch ungesühnten Schande unserer Gesellschaft, deren schäbigster Fleck sich zumindest optisch bald verwandeln wird – die Villa Hohe Warte, einst von der Grafenfamilie Andrassy als Stiftung für Waisenkinder gegründet, wurde von der Volksrepublik China gekauft. In Zukunft wird hier die chinesische UN-Botschaft residieren.

Bis 5.Jänner. Täglich außer Montag 10 bis 18Uhr, Do 10 bis 21Uhr. Karlsplatz5. www.k-haus.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2013)

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