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Kunsthaus Wien: Zierde und Folterwerkzeug

Lauren Johnstone, "Cutlery Shoe"
Bild: © Kunsthaus Wien 

Geht's noch schriller? Die Ausstellung „SHOEting Stars“ über den Schuh in Kunst und Design beleuchtet ein schmerzhaftes, heiteres und vielschichtiges Thema.

 (Die Presse)

Von der Decke hängen Krücken, daran blutrote Schuhe: „Skandal im Paradies“ heißt das Kunstwerk von Ona B. An elektrischen Strom angeschlossen sind die „Suicide Shoes“. Es gibt Schuhe, innen mit Stecknadeln gespickt. Schuhe mit abgehackten Zehen darin. Mit Zahnkronen und Fell. „SHOEting Stars – Der Schuh in Kunst und Design“ heißt die neue Ausstellung im Kunsthaus Wien – und wer jetzt glaubt, hier gibt es nur Hübsches zu sehen, der irrt. Schuhe als Folterwerkzeug und als Zierde halten sich beinahe die Waage. Die meisten Besucherinnen der Pressekonferenz trugen natürlich flache Schuhe, die Herren sowieso.

Doch kann man sich im Erdgeschoss High Heels ausborgen und Spaziergänge verschiedener Schwierigkeitsgrade damit unternehmen, das ist in dem nach Ideen von Friedensreich Hundertwasser, dem Feind der geraden Linie, gebauten Museum eine spezielle Herausforderung. Übrigens sind auch von Hundertwasser, Maler-Star und Öko-Guru (1928-2000), Fotos seiner selbst gemachten Sommer-und Winterschuhe zu sehen.

Schillernde Pailletten-High-Heels mit Plateaus aus Elefantendung zeigt der vom Graffiti kommende britische Künstler Insa; mit Sol Alonsos „Brooms“, Schuhe mit Bürsten, könnte man den Boden schrubben, gemeint ist das Gegenteil: Auch Bürsten können sexy sein. Na so was. Zaha Hadids Metallic-Kreationen erinnern an ihre Architektur. Mit den kühn gebogenen Schnabel-Schuhen, die Lady Gaga trug, kann man gar nicht gehen, aufgenommen wurde sie sitzend, besser geht das Stampfen wohl mit ihren blaugrünen Stiefeln. Der Kothurn aus dem griechischen Theater stand Pate für manche Kreationen. Die alten Venezianer konnten auf diesen Klötzen kaum gehen und brauchten Stöcke, angeblich auch um durch den Schmutz der Lagunenstadt zu pflügen.

 

Schuhe mit Locken und aus Schokolade

Wem die blonden Locken auf dem Kopf fehlen, der kann die damit geschmückten pinkfarbenen Schuhe der Japanerin Yukiko Terada anlegen. Ob Tea Petrovics „Wings Variation“ mit Flügeln auch solche verleiht, ist zweifelhaft. Schuhe für Sadomaso-Spiele: Dem Herrn oder der Dame mit den Pumps, auf deren Sohlen blutige Gesichter und Stacheln zu sehen sind, möchte man lieber nicht begegnen. Vergleichsweise tragbar: die Kreationen von Rosa Mosa. Einige der Schuhdesigner haben Mode-und Prêt-à-porter-Marken. Vergleichsweise verspielt: Schuhe mit buntem Bauklötzchenabsatz.

Dahinter ein guter, alter Klassiker, auf einem Foto: Charles Jourdan. Seine Schnallenschuhe werden heute, bewusst oder unbewusst, von Hugo Boss u.a. kopiert. Die schwedischen Fashion- und Industrial-Designer Souzan Youssouf und Naim Josefi zeigen den ersten 3-D-geprinteten Couture-Schuh, der immer neu gestaltet werden kann. Ein reines Kunstobjekt ist „Lost & Found in St. Petersburg“ von Isabel Vollrath, das sich mit Ballett- und Spitzenschuhen in vielen Größen und Fahrradschläuchen auf die berühmte russische Ballettkunst bezieht, Vollrath ist selbst auch Tänzerin.

Erst den Schuh, dann die Dame verzehren: Schoko-Pumps aus zartbitterer oder weißer Schokolade, von Irene Andessner. Die aus dem Grassi-Museum für angewandte Kunst in Leipzig übernommene Schau wurde durch Arbeiten österreichischer Kreativer und Künstler ergänzt. Nicht fehlen darf der Sneaker, der heimliche Sieger unter den SHOEting Stars. Während sich die Prominenz auf dem roten Teppich zwischen Hollywood und Cannes Füße, Beine oder gar das Kreuz in aberwitzigen Kreationen ruiniert und nach Jahren der Qual wie Sarah Jessica Parker, Queen, Fashion Victim und Shoeaholic aus „Sex in the City“ Schmerzen beklagt („Der Arzt sagte zu mir, da sei ein Knochen, der absolut nicht hierher gehört!“), sind Street Kids und viele gewöhnliche Leute längst vom Podest herabgestiegen.

Da ändert die Pflastertechnik, die sich parallel zu den immer höher werdenden High Heels sophisticated entwickelt hat, auch nichts. Wer will schon Blasenpflaster kleben, wenn es Converse gibt?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2014)

 
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