„Zauberberg“ Südbahnhotel: Das Grandhotel voll Freud und Zweig

Seit Langem verfällt der Prachtbau am Semmering. Wie, zeigt eine gespenstische Schau des Jüdischen Museums.

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(c) Jüdisches Museum/ Yvonne Oswald

So schön wird man das einst „größte und bestausgestattete Grandhotel Mitteleuropas“, das Südbahnhotel am Semmering, nicht mehr erleben wie derzeit in Wien. Vielleicht erbarmt sich doch noch jemand mit viel Geld des seit bald 50 Jahren geschlossenen Hotels, lässt es mit Gefühl fürs Historische restaurieren; aber es wäre wie mit Burgruinen, die, einmal renoviert, enttäuschen.

Die Fotos der Interieurs, die derzeit im Museum Judenplatz gezeigt werden, sind berückende, den Blick in die Tiefe ziehende Bilder von Zeit, Verfall und dem Verschwinden einer Lebensform. Sie sind schön, schmerzlich und erstaunen: Wie kann Österreich einen solchen Ort so vergessen? Was aus dem streng überwachten Haus, das derzeit einem Deutschen gehört, wird, ist ganz ungewiss. Seit bald einem halben Jahrhundert verfällt das Hotel, seit dem Fin de Siècle war es Urlaubs- und Begegnungsort des liberalen, kunstsinnigen, jüdischen Großbürgertums. Mit der Semmeringbahn konnte man in zwei Stunden dort sein, und fast alle „Wichtigsten“ waren es: Schnitzler, Hofmannsthal, Zweig, Altenberg, Mahler, Freud, Ludwig Wittgenstein,...

Das „judenfreie“ Ende

„Alpenglühen im Semmeringgebiet. Den Brennpunkt des bunten Treibens bildete wie immer die Terrasse des Südbahnhotels“, schrieb Karl Kraus im Ersten Weltkrieg. Zwei Jahrzehnte später war der Semmering „judenfrei“ – die Nazis haben dem Ort das Leben ausgetrieben.

Südbahnhotel Semmering: Vergangener Glanz auf dem ''Zauberberg''

Yvonne Oswald hat sich durch Jahre in den Innenräumen bewegt. Interieurs sieht man hier durch uralte Spiegel, verschwommen, wie sich auflösend; dann wieder konzentriert sich der Blick auf die Gegenwart eines Möbelstücks, einer Chaiselongue, auf Zimmerfluchten und offene Türen, Tapeten, Luster, den riesigen, möbellosen Salon, das „Alpinbad“,... „Anatomin eines cadavre exquis“ nennt Philosophin Elisabeth Samsonow die Fotografin im Ausstellungskatalog und sieht die Fotos auch als „Einspruch gegen das Ende“ – „man möchte auf der Stelle hinfahren und sein Quartier dort aufschlagen, als wären die Untergangsgeschichte und noch viel mehr die bevorstehenden Neunutzungen ein grandioses Missverständnis gewesen.“


Bis 11.1., Museum Judenplatz

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2014)

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