22.11.2009 15:25 | Meine Presse Merkliste0

Kunstforum: Die Rätsel der Perspektive

10.09.2008 | 18:35 |  BARBARA PETSCH (Die Presse)

Die Ausstellung „Fotografis collection reloaded“ ist attraktiv, bringt aber nicht viele neue Erkenntnisse.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“ Der heutige Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder zeigte 1986 als Kunstforum-Chef die tolle „Fotografis“-Sammlung der Länderbank, Vorgänger der Bank Austria – und zitierte Rilkes erste „Duineser Elegie“. Damit illustrierte er die melancholische Ausstrahlung von Julia M. Camerons Porträt der Mrs. Herbert Duckworth – Mutter Virginia Woolfs. Die „Fotografis“ hätte Schröder der Albertina gerne einverleibt. Nun wandert sie als Dauerleihgabe ins Salzburger Museum der Moderne. Zuvor ist sie letztmalig in Wien bis 29. 10. im Bank Austria Kunstforum zu sehen.

Schröder hat sich 1986, das suggeriert jedenfalls der damalige Katalog, liebevoller in das Unternehmen hineingetigert als der jetzige Kurator Florian Steininger, der die Fotos sachlich und trocken nach Themen gliedert: Porträts, Piktorialismus (malerische Fotografie), neue Sachlichkeit etc. Schröder erzählte vom Leben, Lebensgefühl, aus dem die Aufnahmen entstanden, und versah sie mit Zitaten aus der Literatur von Nietzsche über Hofmannsthal bis Walter Benjamin. Die interessanteste Idee der jetzigen Schau ist die Kombination von alten mit neuen Aufnahmen. Damals neue Techniken werden heute wieder aufgenommen und variiert, die neuen Fotos übertreffen nicht selten die alten.

 

Wie in alten Horrorfilmen

Der Besucher wird sich an Kostbarkeiten und Kuriositäten erfreuen. So bildete Man Ray die surrealistische Malerin Meret Oppenheim 1933 mit geisterhaft fliehender Stirn und weißem Haar ab. Bei den ebenfalls surrealistisch anmutenden „Flowers of White Light“ (1925) von Francis Brugière wird das Papier selbst zum Gestaltungselement, es ist zerschnitten: Ein Bellboy scheint vor einem brennenden Zimmer zu fliehen, im Vordergrund ist eine Kerze umgestürzt, hat ihre Flamme verloren. Das Bild erinnert an alte Horrorfilme wie auch Trude Fleischmanns Aufnahme eines maskenhaften Alban Berg 1935 auf dem Totenbett. Beaumont Newhall zeigte 1928 „The Chase National Bank“: Kühn blickt das futuristische Gebäude auf die „kleinen Fische“ da unten herab.

Brav muten dagegen die neusachlichen Fotos von der Zeche Zollverein Essen 1932 von Albert Renger-Patzsch an – oder der Förderturm Merthyr Vale, Colliery Schacht II von Bernd und Hilla Becher 1966. Wer weiß heute noch, dass in diesem Jahr eine Lawine von taubem Gestein ein Dorf im walisischen Merthyr begrub, von den 144 Toten waren 116 Schulkinder. Ein Nachteil: Geschichten zu den Bildern werden kaum erzählt, der Katalog bringt vor allem kunsthistorische Erläuterungen.

 

Aus der Pionierzeit

1976 beauftragte Ivo Stanek, Leiter der damaligen Länderbank-Kunstsammlung, die Galeristin und Fotospezialistin Anna Auer – die mit der Galerie „Die Brücke“ Europas erste Fotogalerie führte –, für die Bank eine Fotosammlung anzulegen. Auer agierte repräsentativ. Sie sammelte fast alle wichtigen Positionen aus der Pionierzeit der Fotografie vom 19. bis ins 20. Jht. Nicht nur prominente Namen – als Fotografen und als Motive – sind hier versammelt, sondern vor allem alle Genres, welche die Fotokunst bis heute prägen: Das repräsentative und das inszenierte Porträt (Gräfin Esterházy-Wrbna vor kahler Wand mit Werbung des berühmten Ateliers von Dora Kallmus alias Madame D'Ora oder eine Reiterin mit strengem Blick und Hund von Arthur Benda), Reisebilder, denen man nicht anmerken darf, dass sie im Schweiße des Angesichts des Fotografen entstanden sind, Stillleben (da schaut ein Kohlblatt von Edward Weston kostbar aus wie der Faltenwurf auf einem gotischen Gemälde) oder stilisierte Akte (André Kertész „Distortion No. 40, 1933 eine perspektivisch grotesk verzerrte, trotzdem bildschöne Nackte).

Unter den zeitgenössischen Referenzen von Elger Esser bis Axel Hütte gefällt am besten ein Foto von Erwin Wurm: Er bildete den künftigen Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann, eingegraben in ein Feld, ab. Im Wiener Morast? Das bleibt dem Betrachter überlassen. Gemacht wurde das Foto für Jan Bosses „Hamlet“-Inszenierung am Schauspielhaus Zürich, wo Hartmann bis 2009 Intendant ist. Sein oder Nichtsein passt aber schließlich auch zum Burgtheater.

AUF EINEN BLICK

Fotografis collection reloaded ist bis 29.Oktober 2008 zu sehen; 1010 Wien, Freyung 8. Täglich 10 bis 19 Uhr, Freitag: 10 bis 21 Uhr.

Der Katalog ist im Jung & Jung Verlag erschienen und kostet 29 €.

www.bankaustria-kunstforum.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2008)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

Schlagzeilen Kultur

  • Herr Jürgens, werden Sie unterschätzt?
    Udo Jürgens, derzeit mit seiner "Best-Of"-CD an der Spitze der Hitparaden, beschließt seine große Tournee mit drei Österreich-Konzerten. "Die Presse am Sonntag" traf den Charismatiker.
    Disziplin in tausend Blättern
    Für den neuen Uni-Campus im Prater baut Architekt Hitoshi Abe einen Komplex für Büros, Bibliothek und Institute. Ein Spiel mit Licht, Luft und ein wenig Konditorkunst.
    Musikmarkt: Der Fan als Plattenboss
    Die Internetseite Sellaband wird als Onlinerevolution auf dem Musikmarkt gefeiert. Dort kann man sein Geld in potenzielle Hitfabrikanten investieren.
  • Vielfalt zu Haydns Zeiten
    Eine CD-Aufnahme von Flötenuhren beweist: In der Entstehungszeit klassischer Kom- positionen hielt man sich kaum an die Vorgaben der Maestri.
    Galerie in Graz: Das Ganze passt ihm nicht
    Die Neue Galerie in Graz zieht um. Was Chefkurator Peter Weibel am Samstag für eine deftige Abrechnung mit Verhinderern, Verwaltern und Verkennern nutzte.
    Sandmännchen feiert Geburtstag: "Nun schnell ins Bett..."
    Am Sonntag feiert das beliebte Sandmännchen mit großem Trara seinen 50. Geburtstag. Es entstand aus einem Wettstreit zwischen Ost- und Westdeutschland.
  • Und immer wieder Vintage
    Das Dorotheum versteigert am Dienstag Design – von Klimts Zeichenmappe bis zu Domenigs Prototyp eines Armsessels. Der Trend: Vintage.
    Oprah Winfrey tritt ab: Talk, Tränen und Trara
    Die Talkshow-Queen Oprah Winfrey verkündet ihren Abschied in zwei Jahren, um einen eigenen Sender zu lancieren. Sie ist zur mächtigen Marke geworden.
    "Paranormal Activity": Horrorkammerspiel zum Mitmachen
    Um einen Dämon dreht sich das Debüt des Israelis Oren Peli – samt dazugehöriger Marketingkampagne. Peli spielt geschickt mit Urängsten: Sein Film ist effektiv, aber nicht innovativ.
  • Josefstadt: „Hans Moser sang mit Goebbels!“
    Franzobel schrieb ein Stück über Moser, das am 25. 2. 2010 mit Erwin Steinhauer in der Titelrolle uraufgeführt wird. Herbert Föttinger erklärt, warum dieses Moser-Stück wichtig ist.
    Thomas Quasthoff erhält Karajan-Musikpreis
    Der prominente deutsche Bass-Bariton wurde am Freitagabend ausgezeichnet. Der Preis ist mit 50.000 Euro für die Nachwuchsförderung dotiert. Quasthoff wird das Geld für den Wettbewerb "Das Lied" verwenden.
    Buddhas, Bauernkästen– und Raubkunst
    Die geplante Fusion von Völkerkunde- und Volkskundemuseum weckt große Euphorie. Das Projekt ist attraktiv, aber teuer und unrealistisch. Die beiden Sammlungen dürften noch länger im Dornröschenschlaf ruhen.