Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“ Der heutige Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder zeigte 1986 als Kunstforum-Chef die tolle „Fotografis“-Sammlung der Länderbank, Vorgänger der Bank Austria – und zitierte Rilkes erste „Duineser Elegie“. Damit illustrierte er die melancholische Ausstrahlung von Julia M. Camerons Porträt der Mrs. Herbert Duckworth – Mutter Virginia Woolfs. Die „Fotografis“ hätte Schröder der Albertina gerne einverleibt. Nun wandert sie als Dauerleihgabe ins Salzburger Museum der Moderne. Zuvor ist sie letztmalig in Wien bis 29. 10. im Bank Austria Kunstforum zu sehen.
Schröder hat sich 1986, das suggeriert jedenfalls der damalige Katalog, liebevoller in das Unternehmen hineingetigert als der jetzige Kurator Florian Steininger, der die Fotos sachlich und trocken nach Themen gliedert: Porträts, Piktorialismus (malerische Fotografie), neue Sachlichkeit etc. Schröder erzählte vom Leben, Lebensgefühl, aus dem die Aufnahmen entstanden, und versah sie mit Zitaten aus der Literatur von Nietzsche über Hofmannsthal bis Walter Benjamin. Die interessanteste Idee der jetzigen Schau ist die Kombination von alten mit neuen Aufnahmen. Damals neue Techniken werden heute wieder aufgenommen und variiert, die neuen Fotos übertreffen nicht selten die alten.
Wie in alten Horrorfilmen
Der Besucher wird sich an Kostbarkeiten und Kuriositäten erfreuen. So bildete Man Ray die surrealistische Malerin Meret Oppenheim 1933 mit geisterhaft fliehender Stirn und weißem Haar ab. Bei den ebenfalls surrealistisch anmutenden „Flowers of White Light“ (1925) von Francis Brugière wird das Papier selbst zum Gestaltungselement, es ist zerschnitten: Ein Bellboy scheint vor einem brennenden Zimmer zu fliehen, im Vordergrund ist eine Kerze umgestürzt, hat ihre Flamme verloren. Das Bild erinnert an alte Horrorfilme wie auch Trude Fleischmanns Aufnahme eines maskenhaften Alban Berg 1935 auf dem Totenbett. Beaumont Newhall zeigte 1928 „The Chase National Bank“: Kühn blickt das futuristische Gebäude auf die „kleinen Fische“ da unten herab.
Brav muten dagegen die neusachlichen Fotos von der Zeche Zollverein Essen 1932 von Albert Renger-Patzsch an – oder der Förderturm Merthyr Vale, Colliery Schacht II von Bernd und Hilla Becher 1966. Wer weiß heute noch, dass in diesem Jahr eine Lawine von taubem Gestein ein Dorf im walisischen Merthyr begrub, von den 144 Toten waren 116 Schulkinder. Ein Nachteil: Geschichten zu den Bildern werden kaum erzählt, der Katalog bringt vor allem kunsthistorische Erläuterungen.
Aus der Pionierzeit
1976 beauftragte Ivo Stanek, Leiter der damaligen Länderbank-Kunstsammlung, die Galeristin und Fotospezialistin Anna Auer – die mit der Galerie „Die Brücke“ Europas erste Fotogalerie führte –, für die Bank eine Fotosammlung anzulegen. Auer agierte repräsentativ. Sie sammelte fast alle wichtigen Positionen aus der Pionierzeit der Fotografie vom 19. bis ins 20. Jht. Nicht nur prominente Namen – als Fotografen und als Motive – sind hier versammelt, sondern vor allem alle Genres, welche die Fotokunst bis heute prägen: Das repräsentative und das inszenierte Porträt (Gräfin Esterházy-Wrbna vor kahler Wand mit Werbung des berühmten Ateliers von Dora Kallmus alias Madame D'Ora oder eine Reiterin mit strengem Blick und Hund von Arthur Benda), Reisebilder, denen man nicht anmerken darf, dass sie im Schweiße des Angesichts des Fotografen entstanden sind, Stillleben (da schaut ein Kohlblatt von Edward Weston kostbar aus wie der Faltenwurf auf einem gotischen Gemälde) oder stilisierte Akte (André Kertész „Distortion No. 40, 1933 eine perspektivisch grotesk verzerrte, trotzdem bildschöne Nackte).
Unter den zeitgenössischen Referenzen von Elger Esser bis Axel Hütte gefällt am besten ein Foto von Erwin Wurm: Er bildete den künftigen Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann, eingegraben in ein Feld, ab. Im Wiener Morast? Das bleibt dem Betrachter überlassen. Gemacht wurde das Foto für Jan Bosses „Hamlet“-Inszenierung am Schauspielhaus Zürich, wo Hartmann bis 2009 Intendant ist. Sein oder Nichtsein passt aber schließlich auch zum Burgtheater.
■Fotografis collection reloaded ist bis 29.Oktober 2008 zu sehen; 1010 Wien, Freyung 8. Täglich 10 bis 19 Uhr, Freitag: 10 bis 21 Uhr.
■Der Katalog ist im Jung & Jung Verlag erschienen und kostet 29 €.
www.bankaustria-kunstforum.at("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2008)

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