Die Presse: Was sagen Sie zum Wahlergebnis? Starke Gewinne für die Rechten, starke Verluste der Großparteien. Was ergibt sich daraus?
Erwin Wurm: Ein Wahnsinn. Grauenhaft, was sich da abzeichnet. Aber man muss leider sagen, das ist nicht ohne Verschulden dieser beiden bescheuerten Großparteien geschehen. Wie sich die benommen haben, besonders die ÖVP. Ich bin kein Rot-Wähler. Ich wusste gar nicht, wen ich diesmal wählen soll, weil die Lage so kompliziert war. Da von außen zuzuschauen, wie die ÖVP die SPÖ anrennen hat lassen. Das war doch ungeheuerlich. Damit hat sich die ÖVP ein Armutszeugnis ausgestellt, was die Fähigkeit zur Zusammenarbeit angeht und auch in puncto Demokratie.
Es geschieht den Großparteien ganz recht, meinen Sie, was passiert ist?
Wurm: Sie haben es verdient, dass sie für ihr saublödes Verhalten von den Wählern abgestraft worden sind. Dass diese fatalen rechten Parteien so viele Stimmen gewinnen, ist natürlich furchtbar, zumal man in Österreich ohnehin schon immer hört: Was ist mit Haider und Strache? Ich bin viel im Ausland. Man wird ständig darauf angesprochen, dass Österreich rechtslastig ist. Das wird sich nun verstärken. Das empfinde ich als Katastrophe und ich geniere mich für das Land.
Italien hat Berlusconi.
Wurm: Stimmt, ja. Aber bei ihm kann man immer sagen, er sitze auf dieser Medienmacht.
Die SPÖ hat auch die „Kronenzeitung“ für sich gewonnen.
Wurm: Viel hat ihr das eigentlich nicht genützt, ein bisserl vielleicht. Ich möchte mir jetzt nicht die Mega-Feinde zuziehen, aber ich muss schon sagen, dass so ein Blatt die politische Kultur beeinflussen kann, dass es Wahlergebnisse erzwingen kann, das ist auch ziemlich bedenklich.
Welche Parteien werden regieren? Die Sozialdemokraten mit den Rechten oder die ÖVP mit den Rechten? Wie ist Ihre Prognose?
Wurm: Ich wage keine Prognose. Ich finde alles grauslich. Noch einmal eine große Koalition fände ich auch furchtbar. Deswegen hat es ja Wahlen gegeben. Deswegen schaut das Ganze ja jetzt so aus. Ich wünsche mir auf keinen Fall weder den Herrn Strache noch den Herrn Haider in einer Regierung. Das hatten wir doch schon. Das war furchtbar für den politischen Stil im Land. Da wurden Dinge möglich, Aussprüche und Haltungen, die ich einfach schrecklich finde.
Was wünschen Sie für die Kultur?
Wurm: Als Künstler wünscht man sich natürlich ein Kulturministerium und dass wir nicht mit dem Unterricht zusammen sein müssen. Österreich erklärt sich immer großmäulig zur Kulturnation. Ist das alles ein Scherz und nur für die Touristen? Man muss jemanden haben, der Kulturbewusstsein hat.
Was ist für Sie das Wichtigste, die wichtigste Beobachtung, die sie in dem Wahlkampf gemacht haben?
Wurm: Wesentlich finde ich, dass man die Ängste der Leute nicht ernst genommen hat: vor Arbeitslosigkeit, Teuerung, Fremden. Sie werden auch weiter nicht ernst genommen. Man muss die Menschen aufklären, sie nicht ins rechte Eck abschieben, denn sonst wählen sie dann auch das rechte Eck.
■Erwin Wurm, geb. 1954 in Bruck a. d. Mur, ist als Künstler vor allem durch Skulpturen bekannt (z.B. „One Minute Sculptures“). Lebt und lehrt (an der Uni für Angewandte Kunst) in Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2008)

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