Museen: Ein Denkmal für den Albertina-Retter

Die Tietze Galleries für Druckgrafik und Zeichnungen sollen an den engagierten Kunsthistoriker Hans Tietze (1880–1954) erinnern. Gleichzeitig werden die Ausstellungssäle neu organisiert.

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Hans Tietze, 1929, Wissenschaftler, visionärer Kunst-Beamter nach dem I. Weltkrieg, er floh vor den Nationalsozialisten 1938 in die USA. Die Albertina benennt ihre neuen Grafiksäle nach ihm und seiner Frau Erica. – (c) ÖNB und Bildarchiv und Grafiksammlung POR

Wien 1918. Der Erste Weltkrieg ist zu Ende, die Donaumonarchie zusammengebrochen. Was wird aus den gewaltigen Kunstschätzen der Habsburger, wie können sie erhalten werden? Zum Beispiel die Albertina. Zweimal wäre sie beinah in die USA verkauft worden, 1919 und 1936. Vorverträge mit dem Harvard-Museum waren bereits unterzeichnet.

Da tritt der Kunsthistoriker Hans Tietze auf. Er steht den Sozialdemokraten nah, ist Kunstkritiker der „Arbeiter-Zeitung“ und startet eine flammende Kampagne gegen den Ausverkauf der Kunstschätze. Tietze wurde 1880 in Prag geboren, 1894 übersiedelt die jüdisch-deutsche Familie nach Wien, Tietze studiert Jura, Geschichte, Kunstgeschichte. Er heiratet Erica Conrat, beide konvertieren zum Protestantismus. Ab 1933 hält sich Tietze immer häufiger im Ausland auf, 1938 emigriert das Paar in die USA. Tietze stirbt 1954 in New York, seine Frau folgt ihm vier Jahre später. „Die Albertina verdankt Tietze ihre Existenz, er hat aber noch weitere Verdienste“, erklärt Albertina-Direktor Klaus A. Schröder: „Er führte 500.000 Werke der Hofbibliothek mit den wunderbaren Beständen Prinz Eugens mit der Albertina zusammen. Durch den Verkauf von Dubletten konnte diese weitere Erwerbungen tätigen. Als Beamter im Unterrichtsministerium 1919 bis 1925 sorgte Tietze dafür, dass die Museumslandschaft neu organisiert wurde, er begründete das, was heute die Bundesmuseen sind.“

 

Sturtevant, Munch, Kubin, Feininger

Tietze publizierte gemeinsam mit seiner Frau Erica. Die Barock-Spezialistin, „die als erste Frau an der Universität Wien in Kunstgeschichte promovierte, schuf den bis heute gültigen Katalog altdeutscher Zeichnungen der Albertina“ (Schröder). Mit den neuen Tietze Galleries for Prints and Drawings in der Albertina will Schröder dem engagierten Wissenschaftler, visionären Kunstbeamten und seiner Frau ein Denkmal setzen. Dafür wurden die Kahn Galleries geteilt. Gleichzeitig werden die Ausstellungssäle neu organisiert: „Die permanente Schausammlung der Klassischen Moderne, von Monet bis Picasso, ist jetzt immer in den Kahn Galleries, gegenüber ist die neue Tietze-Galerie. Die Pfeilerhalle wird unsere permanente Ausstellungs- und Präsentationshalle für Fotografie. Für große Ausstellungen haben wir dann immer noch die Basteihalle.“ Aus konservatorischen Gründen können Zeichnungen immer höchstens drei Monate gezeigt werden.

Eröffnet werden die jetzt noch leeren Tietze Galleries am 14. Februar mit „Drawing Double Reversal“ über die Amerikanerin Elaine Sturtevant, die ab den 1960er-Jahren Werke von Roy Lichtenstein, Andy Warhol und Robert Rauschenberg wiederholt und damit die Frage nach Kreativität, Originalität und dem geistigen Eigentum gestellt hat.

 

Museumssterben in kleineren Städten?

Im Mai folgt eine Edvard-Munch-Schau, die dessen Pionierleistungen in der Druckgrafik anhand von 80 Werken aus Privatbesitz beleuchtet. Weitere Ausstellungen in den Tietze Galleries widmen sich der Freundschaft von Lyonel Feininger und Alfred Kubin (ab September 2015) sowie „Französischen Meisterwerken der Albertina“ (2016).
600.000 Besucher hatte die Albertina letztes Jahr, die Museumslandschaft sei wieder einmal stark im Umbruch, erklärt Schröder. In den letzten Jahrzehnten strömten große neue Besuchergruppen aus dem Ostblock, China, Indien, Russland und Afrika, „das ja nicht nur aus Nigeria besteht“, in Metropolen wie Paris, London und Wien, der Mittelstand wächst und erfreut sich an Highlights: „Ich gehe nicht mehr in den Louvre, weil es mir dort einfach zu voll ist.“

Kunsthistorisches Museum, Belvedere, Albertina profitieren von dem gewachsenen globalen Interesse, das ihnen mehr Geld durch Eintritte bringt, dieses brauchen sie auch, weil die Budgets vom Staat nicht oder wenig erhöht werden und etwa in der Albertina seit der Finanzkrise Sponsorengelder zurückgegangen sind. Landesmuseen oder Museen in kleineren deutschen Städten werden sich aber schwer halten können, sie haben weniger Besucher und auch gleich bleibende Budgets: „Ich fürchte, dass es abseits der Metropolen in vielen Städten Europas in den nächsten zehn bis 20 Jahren zu einem Museumssterben kommt, das aber nicht die Bundesmuseen treffen wird“, sagt Schröder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2015)

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