Ernst Fuchs: "Wir erleben die Apokalypse"

Ein Gespräch mit dem Malerfürsten Ernst Fuchs, der am 13. Februar 85 wird: über seine prophetische Großmutter, den Wert gediegenen Handwerks und einen sehnlichen Wunsch.

AUSZEICHNUNG AN ERNST FUCHS
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AUSZEICHNUNG AN ERNST FUCHS
Ernst Fuchs (Archivbild) – APA/ROLAND SCHLAGER

Herr Professor, in Kürze werden Sie 85. Wie wollen Sie den Tag begehen?

Ernst Fuchs: Wahrscheinlich ist alles arrangiert. Aber mich fragt keiner.

 

Bedeuten Ihnen Daten etwas? Die biblische Apokalypse, der Ihr letztes malerisches Großwerk gilt, agiert mit Zahlenmagie.

Ich bin am 13. Februar 1930 geboren, doch: (beginnt zu singen) Ich weiß nicht, wer ich bin! Die Apokalypse-Kapelle in der Kirche St. Egid in Klagenfurt, die Sie ansprechen, ist ein Lebensthema für mich! Heute weiß ich: Wir leben in einem entscheidenden Moment der Apokalypse.

 

Wir sind also Zeugen der Apokalypse?

Natürlich. Naturkatastrophen hat es stets gegeben. Doch Kunst und Wissenschaft driften immer mehr auseinander. Was der Kunst gestern ein wichtiges Anliegen war, hat die Wissenschaft längst zum alten Hut erklärt. Wir halten beim fürchterlichsten Stand der Erkenntnis: Wir dürfen alles.

 

Sie sprechen die Debatten bezüglich Beginn und Ende des biologischen Lebens an?

Auch! Kunst könnte den Menschen einsichtig machen. Könnte! Aber er lernt weder aus der allgemeinen noch aus seiner persönlichen Geschichte. Dass man Ideologien mit dem Schwert verficht, ist ein grober Verstoß gegen die Menschenrechte – und Teil der Apokalypse. Auch Hitler war Teil dieser Apokalypse. Menschen hören nicht mehr auf die Schöpfung. Früher konnten sie aus dem Lauf der Gestirne Horoskope erstellen! Meine Großmutter hat das übrigens auch gekonnt.

 

Aus den Gestirnen?

Nein. Sie war eine berühmte Wahrsagerin und überzeugt: Alle irren, nur die Karten lügen nie. Sie sagte: „Ernstl, wirst viel Geld machen mit deiner Musik.“

 

Da irrte sie aber!

Es war die Malerei. Recht hatte sie aber, wenn sie meinte: „Was du verdienst, wird dir wie Sand zerrinnen.“

 

Haben Sie ihre Seherqualitäten geerbt?

Ich weiß nicht. Im Apokalypse-Zyklus habe ich, lange vor dem 11. September 2001, ein Flugzeug gemalt, das in einen Wolkenkratzer fliegt.

 

Macht Ihnen die Apokalypse Angst?

Nein. Gott sagt: „Siehe, ich mache alles neu. Ich trockne alle Tränen.“ Ich selbst hatte in meinen jungen Jahren eine Gotteserscheinung, habe dann aber aus Angst, man hielte das für blasphemische Tiraden, nie öffentlich darüber gesprochen.

 

Apropos Blasphemie: Gibt es Ihrer Meinung nach Grenzen der künstlerischen Freiheit?

Um aktuell zu bleiben: Jede Karikatur ist eine Entstellung, die das wahre Wesen verzerrt. Ich habe in den Fünfzigerjahren in Paris gearbeitet, wir haben uns große Freiheiten genommen – für uns! Das Wichtigste ist, dass sich der Mensch begreifen lernt durch die Liebe Gottes, das Schrecklichste ist der Atheismus. In einer Zeit ohne Gott gilt die Metapher des Jüngsten Gerichts nichts.

 

Ihr Vater war Jude. Sie wurden als Zwölfjähriger katholisch getauft. In Ihren Bildern, beispielsweise „Der Triumph Christi“, finden sich auch buddhistische Elemente. Moderner Synkretismus? Religiöse Toleranz?

Kunst ohne Religion ist für mich nicht denkbar, denn Kunst trägt den göttlichen Funken, den Schöpfergeist in sich. Das macht sie unsterblich. Als Kind, während des Krieges, waren meine Helden Rubens und Leonardo, Ihnen wollte ich nachfolgen.

 

Warum gab es nach dem Phantastischen Realismus keine geschlossenen Schulen?

Es hat welche gegeben, beispielsweise die Neue Leipziger Schule. „Schule“ beinhaltet Lernen, das Beherrschen von Technik. Der abstrakte Maler Jean-Paul Riopelle studierte einst eines meiner Miniaturaquarelle und fragte: „Mais Messieurs, c'est fait à la main?“ Maler und Kunsthändler, die im Abstrakten gelandet waren, glaubten, ich hätte mich im Jahrhundert geirrt.

 

Hat Sie das irritiert?

Nie. Abstrakt zu malen geht eben viel schneller, als feine, zeitraubende Werke anzufertigen. Schon als ich in Paris arbeitete, war Jackson Pollocks Action-Painting der Hit! Ich war angefeindet, bin aber meinen Weg weitergegangen. Für mich gibt es keine Farbe ohne formalen Raum.

 

Brachte man Ihrem Werk in New York mehr Verständnis entgegen als in Paris?

Vielleicht Bewunderung. Ich war der „Weltfremde“ aus der alten Welt. Alles unterliegt einem Wandel. Als ich studierte, hielt man Schiele, Klimt und Beardsley für dekadenten Kitsch. Ich durfte sie nicht einmal verbreiten! Nur mein Professor, Albert Paris Gütersloh, war auf meiner Seite und entlarvte schon damals Neid und Eifersucht.

 

Sie durften viele Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts kennenlernen: Jean Cocteau, Max Ernst, Paul Celan und Salvador Dalí, um nur einige zu nennen.

Dalí sah sich Anfang der 1950er-Jahre ein Blatt aus meinem „Feuerzyklus“ an und meinte: „Sie sind der Dalí der Deutschen, ich bin der lateinische Dürer.“ Ein Blitzschlag!

 

Wen würden Sie gern nochmals treffen?

Keinen von denen, sondern Richard Wagner. Er hat das Gesamtkunstwerk geschaffen: Musik und Text.

 

Die Musik hat Sie nie losgelassen. So falsch lag die Großmutter also doch nicht?

Ich habe Opern ausgestattet, mein Herz aber auch an Moondog verloren, den großen Universalmusikanten!

 

In der Otto-Wagner-Villa in Wien, die Sie 1972 vor dem Verfall gerettet haben und in der sich heute Ihr Museum befindet, konnten Sie den Gedanken des Gesamtkunstwerkes beleben.

Hier lebe und arbeite ich seit meiner Rückkehr aus Monaco. Ich habe diese Villa schon als Kind bei meinen Wienerwald-Streifzügen entdeckt. So vieles, was mich während meines Studiums an die majestätische Würde der Kunst gemahnte, stammt von Otto Wagner. Just in seiner Villa befinden sich jetzt die Herzstücke meiner Sammlung – im allerschönsten Ambiente!

 

Sind Sie wunschlos glücklich? Oder verraten Sie uns einen Geburtstagswunsch?

Ein holdes, weibliches Wesen, das 24 Stunden um mich ist und alles notiert. Gedanken, Gedichte, die mir durch den Kopf gehen.

 

Gibt es ein optisches Anforderungsprofil?

Nein. Ob blond, ob braun? Mein Herz ist groß.

Steckbrief

1930
Geboren am 13. Februar in Wien.

1945
Beginn des Akademie-Studiums mit Kollegen wie Arik Brauer, Anton Lehmden, Wolfgang Hutter. Ab 1947 bildet man die Wiener Schule des Phantastischen Realismus.

1950
Fuchs arbeitet in Paris, später in den USA.

1972
Rettung der verfallenden Villa Otto Wagners, die zum Fuchs-Museum wird.

1987
Übersiedlung nach Monaco, zwei Jahre später beginnt Fuchs mit den Arbeiten an der Apokalypse-Kapelle in Klagenfurt.

2014
Bisher letzte Fuchs-Retrospektive in Pressburg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2015)

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