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Kunsthaus Wien: Hier ist die Welt im Gleichgewicht

Rinko Kawauchi: „Aila“, 2004. / Bild: (c) Kunsthaus Wien 

Die Japanerin Rinko Kawauchi geht einen Sonderweg in der japanischen Fotografie: Sehr leise, sehr geduldig wartet sie lang auf ideale Momente. Für eine neue Serie ist sie durch Österreich gereist.

 (Die Presse)

Friedensreich Hundertwasser und Fotografien – dafür steht das Kunsthaus Wien. Bisher wurden vor allem laute, meist berühmte Fotografen gezeigt. Jetzt ist eine neue Stimmung in das Haus eingekehrt. Zwar ist die Japanerin Rinko Kawauchi in ihrem Land ein Star, aber erstens bei uns kaum bekannt, und zweitens leben ihre Bilder von einer sehr stillen Poesie. Sie dokumentiert keine Stars, inszeniert keine mondänen Situationen und will nicht einmal Geschichten erzählen. Ihre Bilder sind scharf beobachtet, sie fangen Momente ein. Manche können düster sein, morbide, aber niemals sind sie laut. „Ich höre am liebsten auf die leisen Stimmen in dieser Welt, auf die, die flüstern“, erklärt sie in einem Interview.

Die 1972 geborene Künstlerin richtet ihre Kamera auf Flüchtiges. Sie fotografiert mit einer Rolleiflex und druckt ihre Bilder gern im quadratischen Format – denn sie mag das Format als „Welt, die weder vertikal noch horizontal ist“. Den Akt des Fotografierens beschreibt sie als die Erfüllung eines Jagdinstinkts.

In der Rolleiflex fällt der Blick von oben durch den Sucher anstatt geradewegs auf das Motiv. Das helfe ihr, sich in die Anonymität zurückzuziehen: „Ich kann als Beobachter vollkommen unsichtbar bleiben.“ Ob eine Blume, ein Tierkadaver, ein winziger Frosch auf einer offenen Hand, ein Vogel im Moment des Abfliegens, ein Stück rohen Thunfischs in extremer Nahaufnahme oder ein Kind, dem gerade ein Tropfen am Kinn herunterläuft, für Kawauchi kommen nahezu alle Motive infrage. Wichtig ist eine Balance zwischen Stille und Fülle, eine nahezu zeitlose Ruhe. Kawauchi will uns nichts mitteilen, sie zeigt uns die Welt als reines Seherlebnis. „Ich erlebe die Welt mit einem Gefühl des Gleichgewichts, und ich glaube, meine Arbeit spiegelt das wider.“

 

Hommage an das Licht

Bekannt wurde die Künstlerin durch die simultane Veröffentlichung von drei Fotobüchern, die sofort Preise gewannen. Seither folgten weitere Bücher, darunter 2011 „Illuminance“. Es ist eine Hommage an das Licht als Grundlage des Lebens, des Sehens, aber auch des Fotografierens. Aus diesem Buch stammen die meisten der in Wien gezeigten Bilder. Für das Kunsthaus Wien fotografierte sie zudem in Österreich eine neue Serie, „Searching for the Sun“. Der Titel irritiert, denn wir sehen viele monochrom grüne und blaue Bilder, meditativ-schöne Aufnahmen von Wasser. Sie sei auf der Suche nach der Essenz der Welt gewesen, erklärt die Künstlerin, und sei in eine Goldschmiede, aber auch auf in die Gletscherwelt des Dachsteins gegangen. Damit unterstreicht die Künstlerin ihren sehr eigenen Weg innerhalb der zeitgenössischen japanischen Fotografie, der ein eher suchender ist – ganz anders als ihre berühmten Kollegen: Hiroshi Sugimoto etwa, der sich seinen Motiven in Serien nähert, wenn er bekannte Lichtspielhäuser mit extrem langer Belichtungszeit porträtiert oder den Horizont einzufangen versucht. Oder Nobuyoshi Araki, der vor allem für seine weiblichen Akte bekannt ist, die er in der kunstvollen „Kinbaku“-Technik fesselt.

Rinko Kawauchi dagegen entführt uns in eine Welt, in der alles mit allem zusammenhängt, in der wir zwischen extremen Nah- und diffusen Fernsichten wechseln. Eines der kurzen Gedichte („The Eyes, the Ears“) der Künstlerin fängt die besondere Atmosphäre dieser Ausstellung am besten ein: „Schwereloses Licht wird durch unsere Körper fließen, jede unserer Zellen wird frei sein.“

Rinko Kawauchi, bis 26. Juni, Kunsthaus Wien, 1030 Wien, Untere Weißgerberstraße 13.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2015)

 
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