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Rinko Kawauchi: Schönheit des Unvollkommenen

Leitmotiv. Auf die Suche nach Gold begab sich Rinko Kawauchi in Östereich, Kreisläufe der Natur sind ein zen­trales Thema ihrer Arbeit. / Bild: (c) Rinko Kawauchi 

Die japanische Fotografin Rinko Kawauchi zeigt in einer Wiener Retrospektive auch eine Serie von Arbeiten, die in Österreich entstanden ist. Text: Fotos: Rinko Kawauchi

 (Die Presse)

Als sie zum ersten Mal für die Vorbereitungen ihrer Retrospektive im Kunsthaus Wien anreiste, war Rinko Kawauchi jahreszeitlich passend mit einer flauschigen Haube von Mühlbauer bemützt. Darauf hingewiesen, dass es sich akkurat um ein Wiener Traditionsunternehmen handle, zeigte sich die in Tokio lebende Fotografin erstaunt und war umso erfreuter, als auf Vermittlung von Bettina Leidl, Direktorin des Museums mit guten Verbindungen zur heimischen Kreativwirtschaft, ein Treffen mit Klaus Mühlbauer in den Hutmacher-Werkstätten zustande kam. In der Werkserie „Search for the Sun“, die Kawauchi als Auftragsarbeit vor Ort zur Komplettierung ihrer Personale anfertigte, ist denn unter anderem eine Hut zierende Hahnenfeder zu sehen.

(c) Rinko Kawauchi Bild vergrößern / Bild: (c) Rinko Kawauchi 

Stille Goldsuche. Das Hauptthema der neuesten Fotografien Kawauchis, die mit einer Ausstellung in Japan 1998 debütierte und durch die gleichzeitige Publikation von drei großen Bildbänden 2001 für größeres Aufsehen sorgte, gründete freilich in einem Missverständnis. „Bevor ich nach Österreich aufbrach, hörte ich mich um, und mir wurde gesagt, dass das Land für den Abbau von Gold bekannt sei. Das stimmte zwar nicht; bei dem Thema wollte ich dennoch bleiben.“ Die „Sonnensuche“, auf die sich der Titel der Werkserie beruft, bezieht sich auf die Tatsache, dass Gold in der Astrologie mit der Sonne verbunden wird. „Ich fand es passend, dass ich mich in Österreich auf die Suche nach der Sonne begeben habe. Vielleicht auch darum habe ich am Ende in Höhlen am Dachstein oder durch Gletschereis fotografiert.“ Zudem ist das Element des Goldes ein möglicher Anknüpfungspunkt an die Arbeit von Friedensreich Hundertwasser. Die Architektur des Museums, in dem Kawauchis Arbeit ausgestellt wird, findet sie beeindruckend. „Das ist ein erstaunlicher Ort, gemütlich, mit seiner organischen Formgebung an die Wabi-Sabi-Ästhetik erinnernd.“

(c) Rinko Kawauchi Bild vergrößern / Bild: (c) Rinko Kawauchi 

Eben dieses Wabi-Sabi-Prinzip, das in Japan sehr präsent ist, besagt, dass eine nicht völlig makellose, ein wenig unvollkomene Form einer glatten, polierten, gesäuberten Anmutung vorzuziehen sei. „Es ist keine Intention von mir, dem Wabi-Sabi mit meiner Arbeit zu entsprechen“, sagt Kawauchi. „Aber es ist gut möglich, dass diese Ästhetik in meine Arbeit einfließt.“

Die im Kunsthaus Wien gezeigten Fotografien und Videos belegen denn auch die Vorliebe von Rinko Kawauchi, das mitunter Niedliche, die schöne Anmutung mit dem überraschend Abstoßenden zu durchmischen und zu brechen. Die Nahaufnahme eines ausgeworfenen Netzes, die durch eine Baumkrone scheinende Sonne, eine stark überbelichtete Blüte – und dann wieder ein überfahrenes Tier, ein Blutfleck auf dem Asphalt, ein ekelerregender Schwarm auffliegender Tauben. „Das Thema, das mich zumeist interessiert, sind Kreisläufe, der Zyklus des Lebens in der Natur“, kommentiert Kawauchi. Das ist nicht nur aus „Illuminance“ abzulesen, sondern etwa auch aus der Werkserie „Aila“. Für diesen Titel hat Kawauchi das türkische Wort für Familie gewählt. „Das Wort Aila gefällt mir, weil es auch ein Eigenname sein könnte und nicht so abgedroschen ist wie etwa ,Family‘ im Englischen. Es bezeichnet für mich die abstrakte Vorstellung von einer Familie, darum habe ich auch Bilder aus verschiedenen Kontexten zusammengetragen. Dahinter steht der Gedanke, dass alle Wesen auf der Erde eine große Familie sein könnten.“

(c) Rinko Kawauchi Bild vergrößern / Bild: (c) Rinko Kawauchi 

Derzeit arbeitet Kawauchi schon an ihrem Folgeprojekt – wie zumeist wird auch hier wohl eine Buchveröffentlichung vor der ersten Ausstellung erfolgen. „Diese Reihenfolge entspricht mir, weil ich so zunächst meine Gedanken ordnen muss.“ Woher weiß sie aber, wann ein Projekt abgeschlossen ist? „Dafür habe ich meinen Verleger. Er sagt mir, wann es genug ist. Ich selbst könnte da meist noch lange weiterfotografieren.“

Tipp

„Illuminance“. Die Retrospektive, die das Kunsthaus Wien zu Rinko Kawauchi zeigt, ist noch bis 5. 7. zu sehen. www.kunsthauswien.com

 
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