Ausstellung: Junge Wilde, Neo-Geo, Medienkunst

Das Wiener Musa zeigt das Jahrzehnt, in dem erstmals kein Formenkanon in der Kunst mehr galt: „Die Achtzigerjahre“, eine dichte Schau mit viel Schrillem und Lautem.

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Bewusst kitschig: Renate Bertlmann, Impudica, 1985. – (c) MUSA

Die 1980er-Jahre waren in der Kunst ein ganz besonderes Jahrzehnt. Plötzlich galt kein verbindlicher Formenkanon mehr. Nicht, dass alle Künstler sich immer an die vorherrschende Stilrichtung gehalten hatten. Aber im 20. Jahrhundert hatte bis dahin ein Stil nach dem anderen dominiert, erst die Ismen, dann Abstraktionen, Konzeptkunst, Minimalismus, Fluxus. In den Achtzigern begann die Auflösung der Übereinkünfte: Es gab mehrere Ausdrucksmöglichkeiten, sehr schnell aufeinanderfolgend und überlappend. Die Jungen Wilden behaupteten eine schnelle, figürliche Malerei – ein Affront, dominierte in der Moderne doch die Abstraktion. Die Neo-Geos setzen dem strenge, geometrische Formen in farbigen Farbfeldern entgegen. Aber auch Bildhauer und erstmals Medienkünstler mischten mit.

Wie kann man ein solch buntes Jahrzehnt in einer Ausstellung einfangen? Gar nicht. Und das versucht das Musa mit „Die Achtzigerjahre“ auch nicht.

 

Museum, Startgalerie, Artothek

Gleich neben dem Rathaus gelegen, ist das Musa Wiens „Startgalerie“ für junge Kunst, zugleich Artothek, Fördereinrichtung und Sammlung der Kulturabteilung der Stadt. 1951 aus dem Gedanken heraus entwickelt, die lokale Kunst zu fördern, hat das Haus heute über 35.000 Kunstwerke von rund 4500 Künstlern. Bis in die Achtzigerjahre entschieden Staatsbeamte und Politiker über die Ankäufe, manche kauften, was sie in ihrem Büro haben wollten, andere folgten ihrer Passion wie jener, der sich auf Hähne konzentrierte. Seit 1986 wird eine Ankaufsjury berufen, die Empfehlungen abgibt.

Die 1980er-Jahre-Sammlung des Musa ist sehr breit gefächert und sehr heterogen. 3142 Kunstwerke wurden in dem Jahrzehnt angekauft, ergänzt durch nur 69 Arbeiten im Rahmen von „Kunst am Bau“. Es sei keine kultur- oder kunstgeschichtliche Ausstellung, sondern zeige, wie die Stadt damals sammelte, erklärt Berthold Ecker, Leiter des Musa.

Zusammen mit Brigitte Borchhardt-Birbaumer wählte er rund 100 Werke aus – ein schmerzhafter Prozess, wie beide betonen: zu viel musste ausgeschlossen werden. Man könne ein ganzes Jahresprogramm nur zu den 1980er-Jahren zusammenstellen, sagen die Kuratoren. Wie also selektierten sie? Statt Stile oder Meisterwerke zu definieren, konzentrierten sie sich auf „Gruppen“: Ein Thema sind politisch ambitionierte Werke, natürlich die neue Malerei, aber auch die Veränderungen in der Bildhauerei. In diesem Jahrzehnt fand eine Verabschiedung der traditionellen Skulptur statt, aus neuen Materialien wie Pappmaschee, Plastik und Holzlatten entstand die Objektkunst, nicht zuletzt durch den Einfluss des Akademie-Professors Bruno Gironcoli. Auch Film und feministische Kunst sind Thema, vor allem aber die große Neuerung: die Medienkunst. „Pluralismus an der Schwelle zum Informationszeitalter“ lautet daher der Untertitel. Erstmals seien auch Ironie, Kitsch und Ekel als künstlerische Strategien aufgetaucht – es sei eine Zeit der starken Gegensätze gewesen, betonen die Kuratoren. Man könne, obwohl die Malerei wichtig war, kein Leitmedium ausmachen – und genau das bildet die Ausstellung auch ab, im Guten, also der Vielschichtigkeit, und im Problematischen. Gerade durch die neuentdeckten Strategien und Medien entsteht eine bisweilen schrille Unruhe im Nebeneinander der Werke. Aufbruch, Suche, kurzzeitige Behauptungen und laute Brüche mit Traditionen – fast zu viel, um es so dicht zu präsentieren.

Aber es macht auch das ungeheure Potenzial deutlich, das damals zusammenkam – Dora Maurers farbiges Neo-Geo-Bild, Renate Bertlmanns bewusst kitschige Skulptur, Herwig Kempingers Fotografie „Spiegel (zeitlos)“, die bildstark das Thema Reflexionen inszeniert, und die äußerst reduzierten Zeichnungen von Franz Blaas. Man könne allein aus den Grafikbeständen der Musa-Sammlung eine eigene Ausstellung zusammenstellen, es hätte eine „ganze Schule“ gegeben, sagt Ecker. Und weil nicht alles in die Räume des Musa hineinpasst, gibt es dazu den 3,42 Kilogramm schweren Katalog: Dieses Jahrzehnt hält noch einige Entdeckungen parat.

Bis 24. 10., Wien 1, Felderstraße 6-8 (beim Rathaus).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2015)

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